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Verkehrs-Infarkt am Gotthard

Lastwagen-Kolonne an der A2-Dosierstelle zwischen Airolo und Quinto. Keystone Archive

Die Lage auf der Alpensüdseite spitzt sich dramatisch zu: Der Bund prüft neue Lenkungs-Massnahmen. Die Transport-Unternehmer sind sauer, und aus Italien hagelt es Kritik.

Die Wartezeit für den Schwerverkehr betrug am Donnerstagmorgen am Gotthard-Südportal mindestens vier Stunden. Bis zu fünf Stunden mussten LKW-Fahrer am Mittwoch im Tessin warten, um den Gotthard-Strassentunnel durchqueren zu können. Die Dosierstelle bei Quinto war schon am frühen Morgen restlos belegt. Die Polizei leitete die ersten Camions bereits um 8 Uhr Richtung San Bernardino um.

Viel besser ging es auf dieser Route aber nicht. Der dortige Dosierraum zwischen Lostallo und Soazzo platzte bald aus allen Nähten. Die Chauffeure im Raum Mailand wurden gebeten, andere Transitrouten zu wählen.

Tessin unter Druck

Um die Verkehrsprobleme in Folge des Einbahnregimes für Lastwagen im Gotthard- und San-Bernardino-Tunnel zu lösen, machen die Kantone Graubünden und das Bundesamt für Strassen Druck auf den Kanton Tessin, damit dieser einen neuen Dosierraum zur Verfügung stellt.

In Betracht käme die dreispurige A2 bei der Umfahrung von Bellinzona. Doch im Tessin will man davon nichts wissen, weil kein Kanton mehr als einen Dosierraum anbietet. Im Gegensatz zur Deutschschweiz kann im Süden nicht auf vorgelagerte Kantone ausgewichen werden.

Wegen der anhaltenden Probleme wird an neuen Lösungen zur Schwerverkehrs-Lenkung über die Alpen gearbeitet. Schon ab Mitte Februar sollen die Zöllner in Basel den Fahrern die Weisung erteilen können, die Schweiz nicht im Tessin verlassen zu dürfen.

Neue Weisung schon im Februar ?

Dies sieht ein Vorschlag der Oberzolldirektion und des Bundesamt für Strassen (ASTRA) vor. Die Massnahme soll dann in Kraft treten, wenn die Stauräume gefüllt sind und es absehbar ist, dass ein einreisender Lastwagen die Dosierstelle in Amsteg nicht mehr am gleichen Tag erreichen kann, erklärte Astra-Sprecher Michael Gehrken gegenüber der Schweizerischen Depeschenagentur. Zur Zeit seien Abklärungen im Gange, ob eine solche Massnahme mit dem Schweizer Recht konform sei. Sollte dies der Fall sein, könnte noch in der ersten Februarhälfte eine entsprechende Weisung erlassen werden.

Die Massnahme ist laut Gehrken mit den Bilateralen Verträgen vereinbar, da von ihr auch Schweizer Camioneure betroffen seien. Sie diskriminiere niemanden und sei auch keine Kontingentierung. Sollte ein Lastwagenchauffeur die Weisung missachten und trotzdem im Tessin ausreisen, würde er verzeigt.

Hugo Geiger, Vizedirektor der Oberzolldirektion, befürchtet allerdings, «dass viele Chauffeure dann am Zoll warten werden und dort die Übergänge blockieren. Wichtig ist, dass die Camioneure schon weit von der Grenze entfernt wissen, dass es sich nicht lohnt, durch die Schweiz zu fahren.»

Italien protestiert vehement

Unterdessen häufen sich die Klagen von Fahrern und Transportbranche über das neue Einbahnregime am Gotthard. Besonders aus Italien kommt harsche Kritik. Die Schweiz gehe es nur ums Geld. Sie versuche aus dem Sicherheitsargument Profit zu schlagen, monierte der Generalsekretär des italienischen Branchen-Verbandes Conftrasporto, Paolo Uggé, in der Mailänder Tageszeitung «Il Giornale».

Sein Kollege Giorgio Colato aus Como kritisierte die mangelnden Infrastrukturen in den Dosierräumen auf der Autobahn: «Die Fahrer werden schlechter behandelt als Tiere». Am 23.Januar wollen die italienischen Chauffeure in Ponte Chiasso, aber auch am Brenner und Mont Blanc protestieren.

Der Schweizer Fahrerverband «Routier Suisse» lobte, dass sich die Chauffeure in den Dosierstellen bisher weitgehend ruhig und gelassen verhalten hätten. Die Nerven seien aber angespannt, wenn eine Fahrt von Lugano nach Luzern anstelle von 2 Stunden neu 7 Stunden benötige. Für die Auswirkungen der EU-Verkehrspolitik büssten vor allem die Schweizer Chauffeure.

Im Tessin erneuerte Lega-Boss Giuliano Bignasca seine Drohung, die Autobahn wegen der unhaltbaren Zustände auf der A2 zu blockieren. Die Politik der Lega in Bezug auf den Schwerverkehr ist allerdings extrem widersprüchlich.

Bignasca hat sich stets gegen den Ausbau des Schienennetzes gewehrt. Statt mehr Bahnkapazitäten forderte er stets die zweite Röhre am Gotthard. Und er lässt keine Gelegenheit aus, die Umweltschützer als weltfremde Idealisten herunterzuputzen.

Gerhard Lob

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