Dank der Schweiz ein Job für die WM
Offiziell sind 51% der jungen Südafrikaner arbeitslos. Doch die Arbeitslosenquote unter der schwarzen Bevölkerung ist in der Realität weit höher. Entwicklungshilfe-Organisationen und Schweizer Unternehmen versuchen, zusammen gegen diese soziale Zeitbombe anzukämpfen.
«Diese Arbeit hat mir wieder Selbstvertrauen geschenkt. Vorher hatte ich jegliche Selbstachtung verloren. Ich wartete nur darauf, dass der Tag vorüber ging und vermied es, an morgen zu denken.»
Lucky Letsobe, 24jährig, ist ein junger, lockerer Mann. Zumindest seit dem 8. Juni letzten Jahres, dem Tag, als er seine berufliche Tätigkeit im City Lodge aufgenommen hat, einem 3-Sterne-Hotel in Sandton, dem hippsten Quartier von Johannesburg.
Hat ihm sein Vorname Glück gebracht? Vielleicht schon ein wenig in einem Land, wo beinahe 70% der schwarzen Bevölkerung nach der obligatorischen Schule ohne Arbeit ist.
Bei Lucky war es genauso: «Während einiger Zeit konnte ich in einer technisch ausgerichteten Schule eine Ausbildung machen. Doch weil ich die Einschreibegebühren und Transportkosten nicht bezahlen konnte, musste ich aufhören.»
2009, nach mehreren schwierigen Jahren, eröffnete die anstehende Fussball-Weltmeisterschaft 2010 dem jungen Mann die Gelegenheit, im Tourismussektor eine praktische Ausbildung zu absolvieren. Hunderttausende von Besuchern werden im Sommer in Südafrika erwartet.
5000 ausgebildete Junge
Das Projekt wurde von der «Swiss South-African Co-operation Initiative» (SSACI) auf die Beine gestellt, einer öffentlich-privaten Partnerschaft zwischen der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und rund fünfzehn, meist schweizerischen Unternehmen.
Die SSACI hat seit 2001 bereits für 5000 junge Leute praktische Ausbildungen finanziert – in den verschiedensten Bereichen wie dem Maurer- oder Schreinerhandwerk, der Präzisionsmechanik oder der Elektrizität.
Wenn sie die Ausbildung abgeschlossen haben, ist es für die jungen Leute meistens überhaupt nicht schwierig eine Arbeit zu finden, denn ihre erworbenen Fachkenntnisse sind den lokalen Bedürfnissen des Marktes angepasst.
«Das südafrikanische Wirtschaftsdrama», erklärt Ken Duncan, Leiter des SSACI, «besteht darin, dass die Jugendarbeitslosigkeit ein katastrophales Niveau erreicht hat, während die Unternehmen verzweifelt nach qualifizierten Arbeitskräften suchen.»
2009, während der Krise, verlor die südafrikanische Wirtschaft eine Million Arbeitsplätze, so die Einschätzung von Ken Duncan. Davon betroffen war ein grosser Teil der 18- bis 26-Jährigen.
Zur selben Zeit hat eine jährliche Umfrage von Price Waterhouse Coopers gezeigt, dass der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften die grösste Sorge der Unternehmer Südafrikas ist – und dies bereits zum dritten Mal in Folge.
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Deza
Aids und Kriminalität
Die Jugendarbeitslosigkeit in Südafrika ist eine soziale Zeitbombe und könnte das ohnehin fragile Gleichgewicht der Ära nach der Apartheid gefährden.
Davon zeugen die wieder aufflackernden Unruhen in den Armenvierteln, die es immer öfter als Top-News in die Nachrichtensendungen schaffen.
Aids und Kriminalität sind die offensichtlichsten und dramatischsten Konsequenzen dieser Massenarbeitslosigkeit.
«Ein junger, arbeitender Mensch wäre viel disziplinierter und organisierter. Sein Risikoverhalten wäre dadurch sicher reduziert», bekräftigt Ken Duncan.
«Leider ist einer von fünf Jugendlichen, die wir in unsere Programme aufnehmen, bereits HIV-positiv. In zehn Jahren sinkt die Lebenserwartung um zehn Jahre. Die demographischen Auswirkungen der Krankheit werden für die Zukunft der südafrikanischen Wirtschaft dramatisch sein.»
Diese Probleme waren Thema in einem vierwöchigen Informationskurs, den Lucky Letsobe vor der 16-wöchigen praktischen Ausbildung absolvierte. Auch dies gehörte zur Ausbildung, ebenso wie das Kennenlernen der verschiedenen Berufe der Hotellerie. Beide Kurse wurden von der SSACI finanziell unterstützt.
Mit gutem Beispiel voran
Der junge Mann konnte seither seine Arbeitgeber überzeugen: Sie boten ihm eine Festanstellung im Café des Hotelkomplexes an.
«Obwohl die Anstellungsrate für praktisch Ausgebildete tiefer ist als jene aus dem technischen Sektor, bietet der Tourismus unzählige Möglichkeiten für junge Leute mit wenig beruflichen Qualifikationen», unterstreicht Ken Duncan.
Das Schul- und Berufsbildungssystem leidet noch heute unter den riesigen Lücken, die das Apartheidsystem hinterlassen hat. Die SSACI will jedoch keineswegs der südafrikanischen Regierung vorgreifen.
«Südafrika hat natürliche Ressourcen in Hülle und Fülle. Was fehlt, sind qualifizierte Arbeitskräfte. In der Schweiz ist es gerade umgekehrt. Wir hoffen, dass die Arbeit, die wir hier im Kleinen realisieren, den lokalen Behörden als Beispiel dient.»
Samuel Jaberg, Johannesburg, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Französischen: Christine Fuhrer)
Öffentlich-privat: Die Swiss South African Co-operation Initiative (SSACI) ist eine öffentlich-private Partnerschaft, die 2001 von der Deza und schweizerischen Unternehmen, die in Südafrika tätig sind, gegründet wurde.
Ziel ist eine finanzielle und fachliche Unterstützung von jungen Südafrikanern aus benachteiligten Verhältnissen und eine bessere Qualifikation ihrer Arbeit.
Erfolg: Seit 2001 haben bereits 5000 Jugendliche von einer Ausbildung in 50 verschiedenen Projekten profitieren können.
90 % bestehen die Schlussexamen, und längerfristig finden 70% von ihnen eine qualifizierte Arbeit zu einem anständigen Lohn.
Unterstützung: Unter den 250 Schweizer Unternehmen, die in Südafrika aktiv sind, unterstützen ABB, Bühler, Ciba, Clariant, Credit Suisse, Holcim, Schindler, Swiss International Airlines, Swiss Re, UBS und Novartis die Aktivitäten der SSACI finanziell.
Punktesystem: Die Unternehmen, die in soziale Projekte wie jene der SSACI investieren, erhalten Punkte, die jede Unternehmung braucht, wenn sie sich für öffentliche Ausschreibungen bewirbt.
Dieses System gilt auch für Unterhändler oder Zulieferer dieser Firmen.
43% der südafrikanischen Bevölkerung leben mit weniger als zwei Dollar pro Tag.
Die Arbeitslosenrate liegt offiziell bei 24,5%. In der Realität liegt sie aber über 40%.
2009 gingen offiziell 260’000 Arbeitsstellen verloren, davon betroffen waren vor allem junge Schwarze im informellen Sektor.
13 Millionen Südafrikaner sind von der Sozialhilfe abhängig
Seit 1995 hat das monatliche Einkommen der Schwarzen um 37,3% zugenommen, bei den Weissen um 83,5%.
Nach Angaben der Weltbank leben 13% der Bevölkerung unter Bedingen der «ersten Welt», 50% leben in einem Entwicklungsland.
37% der Bevölkerung haben weder Strom noch fliessendes Wasser und 25% keinen Zugang zu einer schulischen Grundausbildung.
Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt heute 50 Jahre. In den letzten zehn Jahren ist sie um zehn Jahre gesunken. 18,1% der Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren sind HIV-positiv.
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