The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Debatten
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Klimaschutz zahlt sich aus

Gegenteilige Auffassungen: US-Präsident George W. Bush (links) und National-Ökonome Eberhard Jochem. swissinfo.ch

US-Präsident George W. Bush bekräftigte am Donnerstag (19.07.) in Grossbritannien seine Ablehnung des Klimaschutz-Protokolls von Kyoto. Die Vereinbarung schade der amerikanischen Wirtschaft. Falsch, sagen viele Europäer. Der Klimaschutz könne sich auch ökonomisch auszahlen.

Die Nachricht schlug in Europa ein wie eine Bombe: US-Präsident George W. Bush erklärte kurz nach seinem Amtsantritt das Kyoto-Protokoll von 1997 für tot. Das Protokoll verpflichtet die Industriestaaten, den Ausstoss wichtiger Treibhausgase nachhaltig zu senken.

Bush begründete seine Entscheidung damit, das Abkommen schade der US-Wirtschaft. Da nützten die heftigen Proteste aus aller Welt nichts: Bush erklärte, die USA wollten eine Politik verfolgen, in welcher Wirtschafts-Wachstum und Ökologie Hand in Hand gingen. Und eben dies sei im Rahmen von Kyoto nicht möglich.

Kein Korsett für die Wirtschaft

Ganz anders die dominierende Sichtweise in der Alten Welt: Dort setzt sich nämlich zunehmend die Einsicht durch, dass der Klimaschutz kein Korsett für die Wirtschaft darstellen muss. Im Gegenteil: Klimaschutz kann sich aus ökonomischer Sicht sogar lohnen.

Ein entschiedener Verfechter der «Hochzeit» von Ökonomie und Klimaschutz ist Eberhard Jochem, Professor für Energie-Wirtschaft und National-Ökonomie an der ETH Zürich. Jochem ist Initiant des «Memorandums Europäischer Wissenschaftler», das von rund 130 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern – darunter 14 Schweizern – unterzeichnet worden ist. Es fordert den US-Präsidenten auf, seine Klimapolitik zu revidieren.

Jochem gibt sich gegenüber swissinfo überzeugt, dass zahlreiche bisher vernachlässigte Möglichkeiten existierten, Energie zu sparen oder zumindest zu ersetzen. Würde man von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen, brächte dies sowohl den Unternehmen als auch den Volkswirtschaften einen erheblichen wirtschaftlichen Gewinn.

Der Klimaschutz lohne sich auch deshalb, weil damit so genannte Anpassungs-Investitionen vermieden werden könnten. Will heissen: Schon jetzt bezahlt die öffentliche Hand die Erhöhung von Dämmen an Flussufern oder die Verstärkung an Lawinen- und Murenschutz-Vorrichtungen. «Diese Investitionen werden umso mehr zunehmen, umso länger wir zuwarten. Oder umgekehrt: Je mehr wir uns heute im Bereich des Klimaschutzes anstrengen, desto weniger Anpassungs-Investitionen stehen uns in Zukunft bevor.»

Laut Jochem wirkt sich ein konsequent umgesetzter Klimaschutz auch kurzfristig positiv auf die Wirtschaft aus: Es würden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, und gerade der Schweiz könnten sich neue Export-Potentiale eröffnen.

Zwei Welten

In der Klimafrage stossen mit Europa und den USA zwei Welten zusammen. Weshalb finden in den USA Überlegungen, die im Klimaschutz auch einen ökonomischen Nutzen erkennen, kaum Beachtung?

Wie Gerry Lemcke, Experte für Klima- und Naturgefahren bei der Schweizer Rückversicherungs-Gesellschaft Swiss Re, in einem Interview im Tages-Anzeiger vom Donnerstag (19.07.) erklärte, sei man es in den USA eben stärker als in Europa gewohnt, durch Naturkatastrophen verursachte Schäden mittels staatlicher Pools abzudecken: «Risiken werden ganz anders wahrgenommen. Amerika fokussiert viele seiner Anstrengungen auf das Management nach einer Katastrophe und investiert viel in die Schadenbewältigung.»

Eine andere Erklärung findet sich beim amerikanischen Historiker Frederick J. Turner, der in seinem immer wieder neu aufgelegten Standardwerk «The Frontier in American History» versuchte, die Eigenart der amerikanischen Mentalität aus der so genannten «Frontier-Erfahrung» abzuleiten. Gemeint ist jene im späten 18. und vor allem 19. Jahrhundert angesiedelte Phase der amerikanischen Geschichte, da die USA ihre Westgrenze – die Frontier – schrittweise weiter nach Westen bis an den Pazifk verlegten.

Laut Turner wirkte sich dieser lange Prozess nachhaltig auf die Entwicklung des amerikanischen Charakters aus: Im Gebiet des Niemandslandes um die Frontier hätten die Amerikaner etwa die ihnen noch heute zugeschriebene Anpassungs- und Improvisations-Fähigkeit erlernt und ihren ausgeprägten Sinn für das Praktische entwickelt. Das permanente Vorschieben der Grenze habe den Amerikanern zudem die Vorstellung eingeprägt, dass dem Zugriff auf die Schätze der Natur keine Grenzen gesetzt seien.

Felix Münger

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft