Hockeyspieler Kevin Nicolet: «Hier bist du ein Talent, in Schweden gibt es Spieler wie dich überall»
Nicht zuletzt dank der NHL-Spieler sorgt die Schweiz an der Eishockey-WM in Zürich und Freiburg für internationales Aufsehen. Auch junge Schweizer Talente versuchen, sich im Ausland einen Namen zu machen. Kanada, Schweden, USA: Viele verlassen dafür schon früh ihre Familien. Ein lehrreicher, aber auch harter Bruch, erzählen die Cracks.
Schon das ganze Jahr prägt Eishockey die Stimmung in Freiburg. Seit dem ersten Meistertitel von Gottéron Ende April liegt eine sanfte Euphorie über der Stadt – und über dem ganzen Kanton: Mehr als 80’000 Menschen, ein Viertel der Bevölkerung, säumten bei der Meisterparade die Strassen.
Im neuen Schweizer Meisterkader stehen zahlreiche Spieler aus der eigenen Ausbildung – das ist ein bewusst gepflegtes Prinzip der lokalen Identifikation. Kevin Nicolet ist ein Paradebeispiel dafür: Der 23-jährige Stürmer ist ein echtes Freiburger Produkt mit «AOP»-Gütesiegel.
Doch anders als viele «Alte», allen voran der frisch zurückgetretene Captain Julien Sprunger, hat der ehemalige Junioren-Nationalspieler sein Handwerk nicht nur an der Saane gelernt: Er zog auch für zwei Jahre nach Schweden, zuerst nach Timrå, dann nach Linköping.
Warum ausgerechnet Skandinavien, wenn man in einem der Top-Klubs der Schweizer National League aufwächst? «Ich liebe meine Stadt und habe immer davon geträumt, das Gottéron-Trikot zu tragen. Aber nach Jahren mit denselben Trainern und denselben Ideen brauchte ich etwas Neues», sagt der 17-Punkte-Mann dieser Saison.
Schweden als Talentschmiede für den Spitzensport
Ausziehen, um sich den letzten Schliff zu holen: Heute klingt das selbstverständlich. Vor fünf Jahren war es das jedoch nicht. Kaum volljährig, verliess Nicolet seine Familie und sein Dorf im Freiburger Hinterland, um vier Stunden von Stockholm entfernt allein in einer kleinen Wohnung zu leben. «In der ersten Woche fühlte ich mich erstmal klein», erinnert er sich. «Ich habe jeden Tag geweint.»
Zum Heimweh kam die sportliche Realität: Auf dem Eis musste er sich neu beweisen. «In der Schweiz hast du einen Status, du bist eines der grossen Talente. In Schweden gibt es Spieler auf deinem Niveau überall. Das zwingt dich, über dich hinauszuwachsen.» Das gelang ihm schnell: 56 Punkte in 84 Spielen bei den U20 sprechen für sich.
Nicolet ist kein Einzelfall. In der Kabine von Gottéron finden sich mehrere ehemalige Auswanderer: Auch Jan Dorthe und Sandro Schmid gingen durch die schwedische Schule. Schwedisch ist deshalb eine der meistgehörten Sprachen im Team von Trainer Roger Rönnberg, der mehr junge Schweden in die NHL gebracht hat als jeder andere vor ihm.
Die Plätze sind rar
Dass dieser Talentschmied in Freiburg arbeitet, ist Sportdirektor Gerd Zenhäusern zu verdanken. Er hat die Nachwuchsförderung ins Zentrum gestellt. Für ihn gehört ein früher Auslandsaufenthalt mittlerweile zu den bevorzugten Entwicklungswegen – sofern dies möglich ist.
«Die Frage eines Auslandswechsels stellt sich sehr rasch, wenn ein Junior in der Schweiz überzeugt. Aber um in einer guten Nachwuchsliga im Ausland unterzukommen, muss man bereits sehr stark sein», sagt der Oberwalliser.
Das Phänomen ist nicht neu: Schon 2011 zog NHL-Spieler Sven Andrighetto ins abgelegene Rouyn-Noranda, 600 Kilometer nördlich von Montreal. Neu ist hingegen die Breite des Schweizer Talentpools. Für die Saison 2025/26 genehmigte der Weltverband 104 Transfers von Schweizer U18-Spielern. Und doch kehren viele zurück, denn die Schweizer National League gehört international zu den stärksten Ligen.
Begehrteste Destinationen für die Junioren waren Schweden, Kanada und die USA. Während Skandinavien mit Ausbildung und Technik lockt, fasziniert Nordamerika mit Intensität und medialer Präsenz. «In beiden Fällen sind die Infrastrukturen besser und es gibt mehr Eiszeit. Auch die Vereinbarkeit von Sport und Ausbildung ist oft einfacher», erklärt Zenhäusern.
Härter, schneller, rauer
Für manche beginnt das Abenteuer also jenseits des Atlantiks. Vor zwei Jahren tauschte Lars Steiner (18) die Bündner Alpen gegen die Wälder Québecs und spielte ebenfalls in Rouyn-Noranda.
«Bei der Ankunft war ich nervös. Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet», erzählt er. In Nordamerika leben Junioren oft in Gastfamilien – ein radikaler Bruch: neue Kultur, andere Lebensweise, Online-Unterricht statt Lehre. Und auf dem Eis? Ein härterer Ton, ein raueres Spiel. «Es kommt sogar bei Junioren vor, dass sie die Handschuhe ausziehen und sich schlagen», sagt er lachend.
Der Mut hat sich gelohnt: Im Januar gab der HC Davos bekannt, dass er künftig auf Steiner setzen werde. «Lars hat sich sportlich wie menschlich enorm entwickelt», so Sportchef Jan Alston über Lars Steiner, «eines der grössten Talente seiner Generation. Er verkörpert die Zukunft des Klubs».
Der Umweg über Québec hat sich also gelohnt. Steiner selbst bringt es nüchtern auf den Punkt: «Ich habe gelernt, wie ich den Umgang mit Rückschlägen mit mir selbst ausmachen kann.»
«In den USA ist der Ton härter»
Lenny Giger (19), ein Talent des EV Zug, kennt beide Welten. Mit 15 ging er nach Rögle in Schweden, später in die USA zu den Sioux City Musketeers. «In Zug hätte ich wohl automatisch gespielt. Um mich zu entwickeln, konnte es nur guttun, wenn ich nochmals bei Null anfangen und meinen Platz erkämpfen musste.» Zudem habe er schon immer davon geträumt, eines Tages in Schweden oder Nordamerika zu spielen, sollte sich die Gelegenheit ergeben.
Der Alltag fern der Familie war für ihn eine frühe Herausforderung: «Wenn du heimkommst, steht der Znacht nicht einfach auf dem Tisch», sagt er und schmunzelt.
Der grösste Unterschied ist jedoch kultureller Natur – im Sport: «In Europa agieren die Trainer viel pädogigscher. Sie erklären dir, warum du nicht spielst. Dort aber ist der Ton viel direkter. Oft bekommst du gar keine Erklärung. That’s it, und du musst damit klarkommen.»
Nähe zur Heimat? Trost von seinen Liebsten? Schwierig. Sieben Stunden Zeitverschiebung lassen wenig Raum für Kontakte. «Mit der Zeit wurde die Mannschaft meine zweite Familie.» Eine grosse Familie mit über 30 Spielern, darunter nur vier Ausländern, und einer von ihnen war Lenny Giger. Eine Familie, in der die Plätze hart umkämpft sind.
Höhere Erwartungen, gnadenlose Konkurrenz
Tatsächlich bedeutet ein Auslandsaufenthalt, eine sehr wettbewerbsorientierte Welt zu entdecken. Dafür bietet diese eine Infrastruktur, die auf die Förderung von Talenten ausgerichtet ist. Während Eiszeiten in Freiburg hart umkämpft sind, verfügen schwedische Klubs über mehrere Hallen für ihre Junioren.
Gottéron-Talent Jan Dorthe erinnert sich an seine Zeit bei Västerås: «Ich habe gelernt, Chancen im Spiel besser zu nutzen – technisch und taktisch.»
Bereits am Ende seines Jahres in Südschweden wurde er in die A-Mannschaft gewählt, was seinen Stammverein Fribourg-Gottéron dazu veranlasste, ihn sofort zurückzuholen und ihm einen Profivertrag anzubieten. «Die Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, haben mir den Übergang in die erste Mannschaft eindeutig erleichtert», sagt der Stürmer.
«Ein Riesending für einen kleinen Romand»
Auch David Bosson (20) ging diesen Weg – erst in die Deutschschweiz, dann nach Québec: «Mein Zwischenhalt bei den ZSC Lions hat mich für den grossen Sprung vorbereitet. In Québec zu spielen, das ist ein Riesending für einen kleinen Romand «, sagt er. Die Tage in Drummondville, Kanada? Kürzer, aber intensiver. «In der Schweiz begann mein Tag um 7 Uhr und endete um 21 Uhr. In Kanada war um 16 Uhr Schluss.»
Körperlich gab es jedoch keine Schonung, sondern auch mal einen Schlag an den Kopf. «Ich sah ihn im Fernsehen, das Gesicht blutüberströmten – fünf Minuten später war er genäht und wieder auf dem Eis», erinnert sich sein Stiefvater David Bosson. «Das härtet dich ab», kommentiert der 20-jährige Spieler.
Eine gnadenlose Auswahl
Als ehemaliger Profi, Spieleragent und Vater eines Talents weiss Daniel Giger aus eigener Erfahrung, dass diese Übergangsphase in die Welt des Profisports auch für Angehörige nicht leicht zu bewältigen ist. «Es ist eine schwierige Phase, vor allem, wenn man es gewohnt war, unseren Sohn jederzeit in der Eishalle besuchen zu können», berichtet der Mann, der Stars wie Timo Meier, Sven Andrighetto, Sandro Schmid oder Reto Berra vertritt.
Der Druck, Niederlagen, Einsamkeit, Heimweh oder Sprachbarrieren: Die Hindernisse sind vielfältig und gross, bevor man den Sprung in den Profibereich schafft. Selbst bei den Junioren muss man sich seinen Platz erkämpfen, da Quoten die Anzahl der europäischen Spieler begrenzen. «Man muss also besser sein als die anderen», sagt Daniel Giger.
Daher ist gute Betreuung wichtig. Das Unternehmen des ehemaligen Stürmers begleitet seine Schützlinge bei ihrer Ankunft im Ausland und ein Agent bleibt in der Regel einige Tage vor Ort, bevor er in die Schweiz zurückkehrt.
Das reicht jedoch nicht immer aus. «Nicht jeder verfügt über die nötige Resilizenz», sagt Giger. «Ein Spieler muss es selbst wollen. Er muss motiviert sein, sich jeden Tag zu beweisen und hart dafür zu arbeiten. Einen Spieler zur Auswanderung zu drängen, wenn er davon nicht selbst überzeugt ist, das ist oft zum Scheitern verurteilt.»
Kein Garant für Erfolg
Ein Auslandsabenteuer ist weder eine Erfolgsgarantie noch eine Voraussetzung. Gerd Zenhäusern verweist auf Julien Sprunger, der seine gesamte Karriere in der Schweiz verbrachte und dort Rekordspieler wurde. Der Sportdirektor von Gottéron weiss, dass es nur die besten an die Spitze schaffen: «Von 200 Kindern schafft es vielleicht eines zum Profi.»
Der Grund dafür liege in der Konkurrenz – aber auch an strukturellen Problemen: «Der Schweiz fehlen Eisflächen und politische Unterstützung für den Nachwuchs», kritisiert Zenhäusern. «Die Spieler müssen ihren schulischen Weg oft selbst organisieren – teilweise über teure Privatschulen. So wird Spitzensport zunehmend zum Privileg einiger weniger.»
Juniorenspieler reisen in der Regel mit einem Studentenvisum ins Ausland, bleiben aber in der Schweiz gemeldet und versichert. Viele von ihnen kehren im Frühling und Sommer zurück. Wie alle Schweizer Männer unterstehen sie der Wehrpflicht, können ihren Dienst aber teilweise über das Spitzensportprogramm der Armee absolvieren. «Es handelt sich um Spieler mit dem Potenzial für die Nationalmannschaft», erklärt Karin Rosser vom Kompetenzzentrum Sport der Schweizer Armee.
Gleichzeitig wird allerdings investiert: Über fünf Millionen Franken flossen laut Bundesamt für Sport 2025 in die Nachwuchsförderung, Im Rahmen der Eishockey-Weltmeisterschaft 2026 stellt der Bund zusätzliche 2,4 Millionen Franken für nachhaltige Projekte zugunsten des Nachwuchses sowie zur Förderung des Frauenhockeys bereit.
Den Schritt ins Ausland bereut kaum einer der aufstrebenden Stars am Schweizer Hockey-Himmel. «Ich bin viel selbstständiger geworden», sagt Steiner. Manchmal vielleicht auch ein bisschen schweizerischer: «Die Berge haben mir gefehlt», scherzt Nicolet.
Vielleicht inspiriert der aktuelle Höhenflug der Nati eine neue Generation, die Schlittschuhe zu schnüren – in der Schweiz oder irgendwo auf der Welt.
Editiert von Samuel Jaberg; Übertragung aus dem Französischen mithilfe von KI: Balz Rigendinger
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