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Wird Kirgistans Wasser zur Speerspitze gegen den aufkommenden Autoritarismus?

mann bei Wasserreservoir
Kadyr Usenov vor dem in Bau befindlichen neuen Trinkwasserreservoir der Gemeinde Barskoon im Osten Kirgistans. Bruno Kaufmann

Die einstige «Insel der Demokratie» in Zentralasien verlor in den letzten Jahren an Boden. Doch nun zeigt sich: Wasserfragen stärken lokale Gemeinschaften und grenzüberschreitende Kooperationen. Dabei spielt die Unterstützung aus der Schweiz eine wichtige Rolle.

Lange war das Weisse Haus in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek ebenso gefürchtet wie umkämpft. Eröffnet als imposantes Hauptquartier der kirgisischen Kommunistischen Partei Mitte der 1980er-Jahre geriet das Gebäude nach der Unabhängigkeit in den Strudel von Machtkämpfen und Revolutionen.

Dreimal wurde es von Protestierenden gestürmt. Heute dient es als Sitz des nationalen Parlaments. «Hier standen in meiner Kindheit immer Absperrungen und liefen Polizisten in Vollmontur herum», erinnert sich der 28-jährige Kanatbek, der an diesem Vorsommerabend mit seinen Freunden durch den gepflegten Park des Parlaments flaniert.

Parlamentsgebäude, Bischkek
Das Weisse Haus in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek wurde als Hauptquartier der Kommunistischen Partei gebaut und dient heute als Sitz des nationalen Parlaments. Bruno Kaufmann

Aus Rücksicht auf seine Familie möchte der Ökonom seinen Nachnamen nicht publiziert sehen. Denn er sieht die Entwicklung der letzten Jahre in seinem Land kritisch: «Wir haben viele unserer hart erkämpften Freiheiten wieder verloren, das ist sehr traurig.»

Harte Zeiten für die Zivilgesellschaft

Im und um das kirgisische Weisse Haus herum ist es ruhig geworden: Der Präsident hat seinen Amtssitz verlegt und im Parlament sitzen seit den vorgezogenen Wahlen im vergangenen November fast nur noch Loyalisten des seit sechs Jahren regierenden Staatschefs Sadyr Dschaparow.

Unter seiner Amtsführung hat der Gebirgsstaat mit gut 7,5 Millionen Einwohner:innen, der lange als «Insel der Demokratie» in Zentralasien galt, in internationalen Demokratievergleichen massiv an Boden verloren.

Externer Inhalt

«Die Macht wurde zentralisiert, die Medienfreiheit eingeschränkt und die Repression gegen die Zivilgesellschaft verstärkt», erklärt Joldosh Osmonov, Direktor der Beratungsfirma GFAExterner Link in Bischkek, die zivilgesellschaftliche Beteiligungsprojekte in Kirgistan begleitet und unterstützt.

Im Vorfeld der für den kommenden Januar angesetzten Präsidentschaftswahlen ist die Spannung gross, ob sich dieser Trend auf der nationalen Ebene fortsetzt, oder allenfalls neue Impulse zu einer Trendwende führen können.

Die Zivilgesellschaft organisiert sich gegenwärtig neu: “Nur gut hundert der einst fast zehntausend Nichtregierungsorganisationen haben die letzten Jahre überlebt”, sagt Osmonov, der zehn dieser Nichtregierungsorganisationen (NGO) mit offizieller Unterstützung der Schweiz begleitet. In den kommenden vier Jahren stehen dafür gut fünf Millionen Franken zur Verfügung.

drei Menschen in einem Büro
Joldosh Osmonov und zwei Kolleginnen der Beratungsfirma GFA, welche mit Unterstützung der Schweiz zivilgesellschaftliche Organisationen begleitet. Bruno Kaufmann

Zu diesen NGO gehört das Bischkeker Institut für Entwicklungspolitik DPIExterner Link, das sich mit der lokalen Selbstverwaltung in Kirgistan beschäftigt: «Unter der aktuellen Regierung sprechen wir nun weniger von Demokratie, als von lokaler Entwicklung und kirgisischen Traditionen.»

Während zu Letzteren der Gemeinschaftssinn des nomadisch geprägten Landes (Ashar) und die Volksversammlungen (Kurultai) gehören, steht bei der Entwicklung laut Gradwal die Wasserfrage im Zentrum.

Wasserschloss Zentralasiens

Kirgistan gilt mit seinen bis zu 7500 Meter hohen Gebirgsketten und den fast 1000 Gletschern als Wasserschloss Zentralasiens.

Als Teil der Sowjetunion wurden die Wasserressourcen rücksichtlos ausgebeutet: Der ausgetrocknete Aralsee im benachbarten Kasachstan, der aus kirgisischen Zuflüssen gespeist wurde, gilt heute als eine der grössten durch Menschen verursachten Umweltkatastrophen. Seit den 1960er-Jahren hatte Moskau riesige Wassermengen zur Bewässerung von Monokulturen abgezweigt.

Nach 1991 und der Ziehung neuer Landesgrenzen kam es wegen des unterschiedlichen Umgangs mit den Wasserressourcen wiederholt zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Staaten der Region.

«Heute wissen wir, dass es ohne eine lokal verankerte Verantwortung und eine Kooperation über die Landesgrenzen hinweg beim Wasser keine nachhaltigen Lösungen gibt», sagt Melchior Lengsfeld, Geschäftsleiter der Schweizer Entwicklungsorganisation Helvetas beim Gespräch mit Swissinfo im Büro der Organisation in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek.

Mann neben Schweizer Flagge in einem Büro
Melchior Lengsfeld ist Geschäftsleiter von Helvetas, der unabhängigen Schweizer Organisation für Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe. Bruno Kaufmann

Gemeinsam mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza unterstützt Helvetas deshalb lokale «Wassergemeinschaften» in Kirgistan schon seit Jahrzehnten: «Dazu gehören neben den Gemeinden auch private Komitees, Nutzerorganisationen und Frauenorganisationen», hält Lengsfeld fest.

«Dieses Vorgehen setzt nicht auf Konfrontation, sondern auf Dialog und die Zusammenarbeit. Wasserprojekte werden zu stillen Demokratielabors.»

Ein riesiger See und ein Sandstrand
Südufer des zweitgrössten Bergsees der Welt Yssyk-Köl im Osten Kirgistans. Bruno Kaufmann

Sehr konkret lässt sich das vor Ort in Kirgistans Osten an der Grenze zu China betrachten: Der über 6000 Quadratkilometer grosse Gebirgssee Yssyk-Köl liegt 1600 Meter über Meer und hat nicht weniger als 118 Zuflüsse. An seiner tiefsten Stelle ist der See, der keinen Abfluss hat, gegen 700 Meter tief.

Zu Sowjetzeiten waren grosse Teile des Yssyk-Köl militärisches Sperrgebiet. Im Umland zapften Bauern das Gletscherwasser für die Bewässerung ihrer Felder und tranken es ungefiltert.

«Das Wasser hatte keinen Preis und die Infrastruktur war marod», erinnert sich Olga Zavialova, die Leiterin des Modernisierungsprogramms für die Wasserversorgung der Stadt Karakol am Ostufer des Yssyk-Köl. Sie arbeitet seit 1986 für das Wasseramt der viertgrössten Stadt Kirgistans.

Frau in einem Büro
Olga Zavialova leitet das Modernisierungsprogramm für die Wasserversorgung der Stadt Karakol am Ostufer des Yssyk-Köl. Bruno Kaufmann

Mit einem Darlehen der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und einem finanziellen Beitrag der Schweiz durch das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco, mit dem 70% der Kosten gedeckt werden konnten, hat Karakol in den letzten Jahren neue Wasserreservoirs, Versorgungskanäle, moderne Pumpen und Reinigungsanlagen bauen können, berichtet die erfahrene Wassermanagerin: «Zentral ist aber der Umgang mit dem Wasser durch die Gemeinschaft und die Einzelnen.»

Dazu sind lokale Bürgerversammlungen geschaffen worden, in welchen die Tarife für die Nutzung festgelegt werden. Gegenwärtig ist die Stadt daran, alle Haushalte mit einem digital lesbaren Wasserzähler auszurüsten.

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Wie in Karakol, so sind lokal verwaltete und modernisierte Wasserverwaltungen rund um den Yssyk-Köl im Aufbau. In Barskoon, einer Gemeinde mit 9000 Einwohner:innen südwestlich von Karakol wird gegenwärtig ein erstes Reservoir gebaut (unser Titelbild).

An vielen Stellen aber müssen sich die Haushalte immer noch aus primitiven Brunnen mit Trinkwasser versorgen, wie ein Rundgang mit Wasseramt-Chef Kadyr Usenov zeigt.

Auf der anderen Seite des Sees, in der 3000-Seelen-Gemeinde Korumdu, ist der Aufbau jedoch bereits abgeschlossen. «Die Wasserfrage hat uns zu einer starken Gemeinschaft zusammengeschweisst», sagt Timur Tuyleev, Präsident des Vereins, der das durch Schweizer Unterstützung ermöglichte Versorgungssystem administriert.

Die früher bei Kindern im Dorf verbreitete Hepatitis A-Erkrankung ist wegen der verbesserten Trinkwasserversorgung weitgehend verschwunden.  

drei Menschen neben einem weissen Holzhaus
Im Dorf Korumdu am Nordufer des Issyk-Köl hat Timur Tuyleev (ganz links) zusammen mit einer Kollegin und einem Kollegen die Trinkwasserversorgung mit Schweizer Unterstützung aufgebaut. Bruno Kaufmann

Gemeinsam ist es den kirgisischen Wasserverwaltungen im letzten Jahr gelungen, die starken Zentralisierungsbestrebungen der Regierung in Bischkek teilweise rückgängig zu machen – und sich im Rahmen eines nationalen Verbands zusammenzuschliessen.

Unterstützt durch Organisationen wie DPI ist eine «kirgisische Akademie der lokalen Selbstverwaltung» gegründet worden. Diese soll nun – so Projektleiterin Sabina Gradwal – auch auf die Nachbarstaaten ausgeweitet werden.

Denn die Wasserfrage stärkt nicht nur die lokale Demokratie in der geopolitisch so wichtigen Region. Sondern trägt auch zu einem neuen Kooperationswillen zwischen den Staatsoberhäuptern Zentralasiens bei, deren autoritärer Regierungsstil beim kostbaren Nass an immer deutlichere Grenzen stösst.

Editiert von Mark Livingston

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