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Wie ein Schweizer zu einer weltweiten Wrestling-Ikone wurde

Ein Wrestler mit einem Pokal sitzt auf den Schultern mehrerer Männer
Er erobert Mexiko im Sturm: Cesaro feiert den CMLL Grand Prix 2024. Consejo Mundial de Lucha Libre

Claudio Castagnoli hat sich international in einer Sportart einen Namen gemacht, die in der Schweiz wenig Beachtung findet: dem Wrestling. Mit seinem Wrestling-Charakter als wohlhabender Schweizer Banker gewann er einige der prestigeträchtigsten Titel in den USA und erzählt, wie er sich in Mexiko in die Szene verliebte.

Professionelles Wrestling und die Schweiz – diese Kombination liegt nicht unbedingt auf der Hand. Die nordamerikanische Variante, bekannt geworden durch World Wrestling Entertainment (WWE), war in der Schweiz nie besonders populär, und im Gegensatz zu Frankreich, Deutschland oder Grossbritannien fehlt es hier an einer Tradition unabhängiger «Promotions», also der Unternehmen, welche die Shows organisieren und produzieren.

Zwei Männer in lustigen Anzügen mit Krawatte schütteln sich die Hand
Die Anfänge bei «Swiss Money Holding», einem professionellen Wrestling-Tag-Team, das ursprünglich von Castagnoli (links) und seinem Schweizer Wrestlerkollegen Ares in Europa Anfang der 2000er-Jahre gegründet wurde. Personal archive

Doch wer den Wrestling-Sport in den letzten zwei Jahrzehnten verfolgt hat, kennt wahrscheinlich den Namen eines herausragenden Luzerners: Claudio Castagnoli (oder Cesaro).

Er ist mehrfacher Tag-Team-Champion (Zweierteams) der Independent-Szene der 2000er-Jahre, jener unabhängigen Promotions, die zu Beginn des Jahrhunderts wie Pilze aus dem Boden schossen und den Sport revolutionierten.

Er ist zudem Trios-Champion (Dreierteams) bei All Elite Wrestling (AEW), WWE United States Champion und Weltmeister bei Ring of Honor (ROH), Pro-Wrestling Guerrilla (PWG), Westside Xtreme Wrestling und dem mexikanischen Wrestling-Verband Consejo Mundial de Lucha Libre.

Castagnolis Karriere ist legendär, doch der Weg nach oben war mit einem Schweizer Pass nicht einfach.

Tennis? Fussball? Basketball? Wrestling!

Castagnoli war schon als Kind sehr aktiv und begann im Alter von sechs Jahren mit dem Tennisspielen. Dann wechselte er zum Fussball, wo er als Hauptstürmer seiner lokalen Mannschaft sehr erfolgreich war und seine erste Begeisterung für den FC Luzern entwickelte.

Als er weiter wuchs, zeigten sich seine imposante Statur und seine athletischen Fähigkeiten immer deutlicher. Damit einher ging seine neue Leidenschaft für Basketball.

Am Morgen nach den NBA-Spielen, die zur Prime Time in den USA liefen, verfolgte er den Teletext der Fernsehnachrichten. Er wurde in regionale Auswahlmannschaften berufen, verfolgte diesen Weg aber nie ernsthaft, weil die Profi-Wrestling-Shows ihn bereits im späten Teenageralter in ihren Bann gezogen hatten.

Ein junger Mann beim Basketball-Dunk
Castagnoli glänzte in mehreren Sportarten, bevor er seine Leidenschaft für das Wrestling entdeckte. Personal archive

«Ich war Fan wie alle anderen und sah einen Typen aus der Schweiz, der tatsächlich wrestelte: Siegmeister Rapo», erzählt der 45-jährige Castagnoli.

«Er wrestelte in Deutschland und hin und wieder in den USA. Ich sah, dass er irgendwo in Zürich trainierte, einfach in einer Turnhalle auf Matten. Also ging ich hin, probierte es aus, fand Gefallen daran und begann, mit ihm nach Deutschland zu reisen», sagt Castagnoli.

«Ich wurde immer aktiver in der Szene, und zusammen mit einem anderen Typen aus der Schweiz gründeten wir das Tag-Team ‹Swiss Money Holding›. Wir verkörperten einfach zwei reiche Schweizer Banker, die als Wrestler nach Deutschland reisten.»

Damals habe gegolten: Je übertriebener der Charakter, desto besser. «Also nahmen wir so etwas Stereotypisches wie einen Schweizer Banker und hatten einen Riesenspass dabei, uns unausstehlich und provokativ zu geben.»

Im Ring als «Swiss Superman»

Erfolg in Europa bringt Wrestler in eine Zwickmühle: Die weltweit führenden Promotions befinden sich in den USA, Japan und Mexiko. Castagnoli beschloss, es zunächst in den USA zu versuchen und schaffte den Durchbruch, als die Wrestling-Welt gerade einen Wandel durchlief.

Die WWE hatte ihren grössten Konkurrenten übernommen und damit ein Monopol geschaffen, das die Fans unerwartet in Richtung des Independent-Booms Mitte der 2000er-Jahre trieb.

Zwei junge Männer in Sportkleidung
Im Trainingslager in Mexiko, 2006. Personal archive

Kult-Wrestling-Ligen wie ROH und PWG gewannen durch ihre Shows an Popularität, und Blogs sowie Peer-to-Peer-Netzwerke ermöglichten einer neuen Generation westlicher Wrestler und Fans den Zugang zu den japanischen und mexikanischen Stilen.

«Früher haben wir Videokassetten ausgetauscht. Ich entdeckte so andere amerikanische Wrestling-Ligen wie Extreme Championship Wrestling, japanische und später Lucha Libre [mexikanisches Wrestling]», erzählt Castagnoli.

«Ich war sofort begeistert. Mir wurde recht früh klar, dass jede Promotion ihre eigenen Regeln, Vorlieben und ihr eigenes Publikum hat. Je besser man seinen Stil anpassen kann, desto besser sind die Reaktionen. Die USA sind anders als Deutschland; Mexiko unterscheidet sich von Japan.»

Nach einer glanzvollen Zeit bei Chikara und ROH erhielt Castagnoli immer mehr prominente Auftritte in Solo-Matches, wo er seine übermenschliche Kraft unter Beweis stellen konnte – was ihm den Spitznamen «Swiss Superman» einbrachte.

Er lieferte sich Fehden mit Kultfiguren wie Eddie Kingston und Nigel McGuinness und entwickelte eine Schurken-Persona, die seinen «ausgesprochen europäischen Hintergrund, überlegenen Intellekt und Sinn für Mode» hervorhob.

«Wenn man auf die vielen Talente bei ROH zu dieser Zeit zurückblickt – das war schon verrückt. Wir haben alle versucht, etwas zu beweisen», sagt er.

«Sich mit überlegenen Leuten aus anderen Bereichen zu messen, hilft einem herauszufinden, wie man sich selbst verbessern kann. Damals bei ROH, PWG, NOAH, New Japan, All Japan… musste man hart kämpfen, um überhaupt reinzukommen. Um besser zu werden, muss man Erfahrung sammeln», sagt er und bezieht sich dabei auf seine Auftritte im Ring.

Zwei Männer kämpfen in einem Wrestling-Ring, einer ist kopfüber
Castagnoli und Shota Umino treten am 5. Januar 2025 im Tokyo Dome bei der Veranstaltung «New Japan Pro-Wrestling – Wrestle Dynasty» gegeneinander an. Etsuo Hara / Getty Images

Cesaro steigt auf

Trotz einiger erfolgloser Probetrainings Mitte der 2000er-Jahre wurde Castagnoli 2012 schliesslich festes Mitglied des WWE-Kaders und blieb dem Unternehmen ein Jahrzehnt lang unter dem Ringnamen Cesaro treu.

Dort etablierte er sich als feste Grösse in der Tag-Team-Division und lieferte sich von der Kritik gefeierte Matches mit Stars wie Sami Zayn, John Cena und Sheamus.

Sein knallharter europäischer Stil machte ihn zum Publikumsliebling und wurde von Kollegen und Legenden gleichermassen respektiert (auch Stone Cold Steve Austin war ein Fan).

Allerdings wollten die leitenden Angestellten der WWE ihn nie dauerhaft auf den «Upper Cards» – den prestigeträchtigsten Positionen im Kader – einsetzen, da sie befürchteten, sein Stil als «echter Wrestler» passe nicht zu ihrem auf Unterhaltung ausgerichteten Produkt.

Blick in eine Halle voller Menschen, in der Mitte ein Wrestling-Ring
Er bringt das Publikum zum Toben: Castagnoli beim All Elite Wrestling Pay-per-View «All In» am 27. August 2023. McPhail, CC0

Als AEW, eine neue Promotion, die sich auf die Förderung unabhängiger Talente und im US-Fernsehen selten gezeigter Stile spezialisiert hatte, anfragte, traf Castagnoli eine intuitive Entscheidung und schloss sich einer ihrer prominentesten Gruppierungen an, den Death Riders.

Anschliessend brach AEW mit bestehenden Konventionen, indem es Partnerschaften mit dem japanischen New Japan Pro-Wrestling (NJPW) und dem mexikanischen CMLL einging.

«Lange Zeit sahen die Leute nur einen Stil und dachten: ‹Das ist es›. Jetzt haben sie die Möglichkeit, mehr [Wrestling-Stile] zu sehen. Das ist das Schöne daran. Jeder hat seinen eigenen Stil, und wenn man das mischt, entsteht etwas Grossartiges», sagt Castagnoli.

«[Bei AEW] kann Blue Panther im amerikanischen Fernsehen auftreten und seinen Stil zeigen. Japanische oder mexikanische Wrestler können auftreten und ihre Sprache sprechen, und das kommt ganz anders an, als wenn man ihnen vorschreibt, wie sie es zu machen haben. Wenn sie es einfach auf ihre Art machen können, funktioniert es.»

Verrückte Wissenschaftler und Monster

Die Partnerschaften mit AEW ermöglichten Castagnoli auch einen persönlichen Abschluss. Seine Beziehung zum Lucha Libre geht weit über blossen Ehrgeiz hinaus.

Bei Chikara hatte ihm sein Mentor Skayde die Grundlagen des Lucha-Stils beigebracht, schon vorher liebte er die berüchtigten B-Movies, in denen Blue Demon, Mil Máscaras und Santo gegen verrückte Wissenschaftler und Monster kämpften.

Mitte der 2000er-Jahre, vor seinem Durchbruch bei ROH, verbrachte Castagnoli einen Monat in Mexiko-Stadt, um in der Arena Mexico, der Heimstätte von CMLL, Fuss zu fassen.

Damals klappte es nicht. Zwanzig Jahre später durfte Castagnoli nicht nur die Freitagabend-Events in der legendären Arena in Colonia Doctores anführen, sondern tat dies auch als deren World Heavyweight Champion und als erstes AEW-Talent mit Doppelvertrag in Mexiko.

Externer Inhalt

«Es war eine grosse Ehre und ein cooler Moment, in dem sich der Kreis geschlossen hat», sagt er. «Die Arena México ist ‹La Catedral de la Lucha Libre›, und das spürt man. Es gibt keinen vergleichbaren Ort auf der Welt. Man spürt, was sie den Menschen bedeutet. Man spürt, was es heisst, diese Stufen hinunterzugehen und in den Ring zu steigen, denn so viele Legenden haben das schon vor einem getan. In Mexiko-Stadt sieht man überall Lucha-Merchandise. Diese kulturelle Bedeutung ist einfach unglaublich – und ich durfte ein Teil davon sein.»

Castagnoli hielt den CMLL-Weltmeistertitel im Schwergewicht 112 Tage lang, bevor er ihn schliesslich bei einem der grössten Lucha-Libre-Events Mexikos, «Homenaje A Dos Leyendas», an Hechicero verlor.

Die Niederlage schmälerte seine Leistung jedoch nicht: Seine Regentschaft blieb den mexikanischen Fans und Medien in liebevoller Erinnerung. Der «Schweizer Superman» tritt weiterhin wöchentlich bei AEW und CMLL an.

«Vor Jahren hätte ich das nie für möglich gehalten. Ich wollte Profi-Wrestler werden, das war mein Ziel. Es ging mir nie darum, Champion zu werden. Jetzt versuche ich einfach, so gut wie möglich zu sein und schaue, was passiert», sagt er.

«Ich durfte im Tokyo Dome und dann in La Catedral wrestlen. Ich habe die World Heavyweight Championship gewonnen und war der erste, der einen Doppelvertrag hatte. Das hat mich demütig gemacht», so Castagnoli weiter.

«Ich trainiere immer noch hart, versuche immer noch so gut wie möglich zu wrestlen, und es zeigt mir immer wieder, dass ich weiterhin in Topform sein muss. Ausserdem versuche ich einfach, Spass zu haben und der Welt zu zeigen, wie cool, unterhaltsam und interessant professionelles Wrestling sein kann.»

Ein Mann hebt extrem schwere Gewichte
Weit entfernt von den Turnmatten in Zürich: Sport in den USA. Personal archive

Editiert von Catherine Hickley und Eduardo Simantob/ts, Übertragung aus dem Englischen: Petra Krimphove/raf

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