The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Der Tänzer von St. Gallen ist weg – und lebt jetzt in Georgien

Keystone-SDA

Andrzej Weber erlangte als "Tänzer von St. Gallen" Bekanntheit und gehörte schon fast zum Stadtbild. Doch plötzlich schien die St. Galler Altstadt nicht mehr länger seine Tanzfläche zu sein. Wo ist der Mann mit dem ansteckenden Lächeln geblieben?

(Keystone-SDA) Er tanzte bei Regen, Sonne und mitten im Berufsverkehr durch St. Gallen – mit grossen Kopfhörern und einem Lächeln, das ansteckend wirkt. Andrzej Weber, 68, war lange Zeit eine feste Grösse in St. Gallen. Der «Tänzer von St. Gallen» bewegte sich durch die Altstadt und die Quartiere, die Stadt war seine Bühne. Die halbe Stadt kannte ihn, manche nickten anerkennend, andere filmten ihn, wieder andere tanzten kurz mit, wenn sie ihn sahen. Durch ein Porträt im «St. Galler Tagblatt» kannten ihn plötzlich auch Leute ausserhalb der Kantonshauptstadt.

Hinter der unbeschwerten Lebensfreude steckt eine schwere Geschichte. Nach einem «Blackout», wie Weber es nennt, fand er im Tanzen eine neue Berufung. Er will Menschen berühren, Lebensfreude ausstrahlen und zeigen, dass Bewegung heilen kann.

Doch seit etwa einem Jahr ist er plötzlich verschwunden und nicht mehr in der Stadt unterwegs. Was ist passiert?

Malta, Griechenland, Polen

«Ich wohne seit Oktober 2025 in Kutaissi, Georgien», erzählt Weber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. «Physisch bin ich aus St. Gallen verschwunden. Doch der Kontakt zu den St. Gallern reisst nicht ab, viele schreiben mir und fragen nach. Sie sagen, sie vermissen mich.» Ab und an sei er auch noch zu Besuch in seiner alten Heimat.

Er sei nicht einfach so gegangen: «Die St. Galler waren die Ersten, die mich akzeptiert haben, wie ich bin. Aber meine innerste Sehnsucht hat mich weiterbewegt.» In den letzten Jahren war er auch längere Zeit auf Malta, in Griechenland, in Polen und in anderen Ländern unterwegs.

Nirgendwo habe er sich wirklich im Herzen zu Hause gefühlt. «Polen ist mein Geburtsland, auch dort war ich, aber ich habe keinen grossen Bezug mehr. Dann kam mir plötzlich Georgien in den Sinn.» Er habe einen Flug gebucht, sei dort gelandet und habe nach fünf Minuten gewusst, dass er dort bleiben werde.

Die Menschen in Georgien seien offen und herzlich, Familie spiele eine grosse Rolle. «Ich tanze auch in Kutaissi, und die Leute kommen direkt auf mich zu. Die Menschen sind viel offener. In der Schweiz haben viele Menschen über mich gesprochen, aber deutlich weniger sind direkt auf mich zugekommen. Es gibt Ausnahmen, wundervolle Schweizer Freunde, zu denen ich enge Verbindungen habe. Aber grundsätzlich war der Empfang in Georgien etwas offener und interessierter.»

Auftritte im georgischen Fernsehen

Als er ankam, kannte er dort niemanden. Inzwischen habe er überall Freunde. «Man lädt mich zu Festen und nach Hause ein.» Die Verständigung funktioniere dabei oft über Umwege: Ältere sprechen Russisch oder Georgisch, zücken das Smartphone und rufen jemanden an, der Englisch oder Deutsch kann. Er sei bereits in Fernsehsendungen aufgetreten.

Neben dem Tanzen schreibt Weber an Büchern – etwa an einer Biografie. Seit dem Burnout habe er Hunderte Seiten Notizen und Audioaufnahmen gesammelt. Das Tanzen hat er dennoch nicht aufgegeben: Täglich ist er drei bis vier Stunden tanzend unterwegs. «Früher tanzte ich in St. Gallen 1 bis 1,5 Millionen Schritte pro Monat, jetzt etwas weniger, weil die Buchprojekte Zeit brauchen.»

Was vermisst er an der Schweiz? «Wundervolle Freunde und Begegnungen. Vertraute Orte wie die Drei Weieren und die Wälder drumherum. Auch das Open Air und die Messen bleiben in guter Erinnerung.» Das Lebensgefühl hingegen nicht. «Das lässt sich nicht vergleichen mit dem, was ich jetzt habe.» An St. Gallen schätzt er vor allem die Toleranz: «Sie haben mich akzeptiert, wie ich bin. Dafür empfinde ich tiefe Dankbarkeit.»

Sporadisch in St. Gallen anzutreffen

Ob er zurückkehrt? «Ich komme immer wieder zu Besuch nach St. Gallen. Mein Lebensmittelpunkt ist aber derzeit Georgien.» Er hat sich ganz offiziell in der Schweiz abgemeldet, keine Niederlassungsbewilligung und keinen Steuerwohnsitz mehr. «Ich lebe in der Welt – dort, wo es mir gefällt», fasst Weber zusammen.

Auf die Frage, was die Schweizer besser machen könnten, antwortet Weber zurückhaltend: «Nicht besser oder schlechter. Jeder wählt sein Leben selbst. Glück hat mit dem inneren Wohlbefinden zu tun.»

Äussere Bestätigung wirke nur sporadisch. Der erste Schritt sei es, den Blick nach innen zu richten. «Wir verschieben das Leben zu oft auf später. Dabei liegt vieles von dem, was uns trägt, bereits im Jetzt: eine Begegnung, eine Bewegung, ein Lächeln, ein stiller Moment. Meine Botschaft wäre deshalb: Warte nicht erst auf den perfekten Zeitpunkt, um dein Leben zu geniessen.»

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft