Diese Mythen haben die Identität der Schweiz geformt
Mythen und Legenden, die zwischen historischen Fakten und Fantasiegeschichten angesiedelt sind, zeigen, was wirklich zählt: die Vermittlung von Werten.
Ein oft verkanntes, aber lebendiges Erbe
Bei der Frage nach den helvetischen Mythen tauchen in den Erinnerungen der Kinder schnell Namen wie Wilhelm Tell, St. Nikolaus oder der Rütli-Schwur auf.
Die ganze Folge der RTS-Wissenssendung für Kinder «OKI» (auf Französisch:
Es folgen regionalere Legenden: Barry, der legendäre Rettungshund, der Pierre à Catillon, der im Moléson Kühe zerquetschte, weil eine Hexe ihn verflucht hatte, oder die fantastischen Ursprünge des Schwarzsees in Freiburg und der Feengrotte im Wallis.
Diese Erzählungen, die über Jahrhunderte hinweg mündlich von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden, entziehen sich einer genauen Zählung. Da sie nicht zuerst in Büchern festgehalten werden, entwickeln sich diese Geschichten weiter.
So kann ein und dieselbe Legende je nach Kanton, in dem sie erzählt wird, in mehreren verschiedenen Versionen existieren. Doch alle haben gemeinsame Elemente: die unbändige Natur, Hexerei oder göttliche Eingriffe.
Das Unerklärliche erklären
Warum hat der Mensch das Bedürfnis, Legenden zu erfinden? Die Antwort von Kindern ist oft pragmatisch: Sie wollen etwas erklären, was auf den ersten Blick nicht erklärbar ist, und gleichzeitig Raum für Träume lassen.
Als die Wissenschaft noch nicht alle Fragen beantworten konnte, erfanden unsere Vorfahren Geschichten, um seltsame Phänomene zu begründen, Naturkatastrophen zu verstehen oder Ängste abzubauen. Oft beruht eine Legende auf einer wahren Begebenheit – einer echten Schlacht oder einer Katastrophe –, deren Einzelheiten im Laufe der Zeit dramatisiert wurden.
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Wilhelm Tell: Gründungsmythos der Schweiz
Der legendäre Bogenschütze ist das Symbol für Mut und Freiheit der Schweiz. Seine Geschichte? Im Jahr 1307 stellte der österreichische Vogt Gessler seinen Hut auf eine Stange in der Mitte des Schweizer Dorfes Altdorf und verlangte, dass die Einwohner ihn als Zeichen ihrer Unterwerfung unter die österreichische Herrschaft des Hauses Habsburg grüssten.
Wilhelm Tell weigert sich. Zur Strafe zwingt ihn der Vogt, einen Pfeil auf einen Apfel zu schießen, der auf dem Kopf seines eigenen Sohnes liegt. Tell gelingt das Kunststück, aber Gessler bemerkt, dass er einen zweiten Pfeil vorbereitet hatte.
Auf Nachfrage gibt Tell zu, dass der erste Pfeil sein Kind verletzt habe, der zweite aber für den Vogt bestimmt gewesen sei. Tell wird festgenommen, flieht aber während eines Sturms auf dem Vierwaldstättersee und tötet Gessler mit einem Pfeil. Diese Tat löste einen Volksaufstand aus, der das Bündnis zur Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft besiegelte.
Das Problem: Es gibt keine historischen Dokumente, die belegen, dass Tell tatsächlich existiert hat. In vielen anderen europäischen Ländern gibt es eine fast identische Geschichte. Dennoch bleibt sie ein Gründungsmythos der Schweizer Eidgenossenschaft.
Arnold Winkelried: der andere Held
Weniger bekannt als Tell ist die Figur des Winkelried, der den Eidgenossen 1386 durch sein Opfer den Sieg in der Schlacht von Sempach ermöglichte. Justin, 13 Jahre: «Er hat sich in einer Schlacht an die Spitze gestellt (…) und alle Speere genommen, um dem Heer die Möglichkeit zu geben, vorzurücken.»
Aber auch hier erwähnen die damaligen Chronisten weder seinen Namen noch seine Heldentat. Die Legende taucht erst fast zwei Jahrhunderte später auf. Sein Opfer symbolisiert jedoch das traditionelle Motto der Schweiz «Einer für alle, alle für einen» (lateinisch: Unus pro omnibus, omnes pro uno), das auch heute noch unter der Kuppel des Bundeshauses in Bern zu sehen ist.
Mythos, Legende oder Märchen: Wo liegen die Unterschiede?
Diese Begriffe werden oft miteinander verwechselt. Hier erfahren Sie, wie Sie sie unterscheiden können:
Ein Mythos erklärt etwas Wichtiges (die Erschaffung der Welt, die Entstehung eines Volkes) mithilfe von aussergewöhnlichen Helden oder übermenschlichen Kräften. Die Gründungsgeschichte von Wilhelm Tell ist ein gutes Beispiel dafür.
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Eine Legende ist an einen bestimmten Ort gebunden und gibt vor, etwas zu erzählen, das wirklich passiert ist, auch wenn man es wissenschaftlich nicht beweisen kann. Das Ungeheuer von Loch Ness, die jurassische Vouivre oder die mysteriösen Teufelsbrücken fallen in diese Kategorie.
Ein Märchen erhebt keinesfalls den Anspruch, wahr zu sein. Es beginnt explizit mit «Es war einmal» und nimmt seinen fiktiven Charakter voll und ganz an, um zum Träumen oder Nachdenken anzuregen.
Eine kollektive Identität schaffen
Jedes Land hat seine eigenen Gründungsmythen: die Gründung Roms durch Romulus und Remus, Jeanne d’Arc als nationales Symbol in Frankreich oder die furchterregende Klagefrau «Llorona» in Mexiko. Ob diese Geschichten historisch korrekt sind oder nicht, spielt letztlich nur eine geringe Rolle.
Ihre wahre Stärke liegt in den Werten, die sie vermitteln. Es spielt keine Rolle, ob Wilhelm Tell wirklich einen Pfeil auf den Apfel geschossen hat oder nicht: Was zählt, ist die Botschaft von Mut, Freiheit und Widerstand gegen Ungerechtigkeit, die die Erzählung vermittelt.
Indem sie auf Festen, in der Schule oder in Büchern erzählt werden, schaffen diese Geschichten eine gemeinsame Basis zwischen den Menschen, beeinflussen auf diskrete Weise unsere Weltsicht und bilden eine starke kollektive Identität, die die Zeiten überdauert.
Jahrhundertelang hätten Schweizer:innen auf die Frage nach dem Geburtsjahr ihres Landes ohne zu zögern geantwortet: 1307!
Es war nämlich dieses Datum, das der Chronist Aegidius Tschudi im 16. Jahrhundert festlegte, um den berühmten Rütlischwur und den Pfeil von Wilhelm Tell zu datieren. Die ganze Schweiz ist mit dieser Vorstellung aufgewachsen. Wenn Sie sich übrigens die Wilhelm-Tell-Statue in Altdorf ansehen, werden Sie feststellen, dass auf ihrem Sockel noch immer das Datum 1307 steht!
Aber warum gehen wir dann davon aus, dass die Schweiz im Jahr 1291 geboren wurde?
Weil die wahre Geschichte wieder aufgetaucht ist! Das «wahre» historische Gründungsdokument, der berühmte Bundesbrief von Uri, Schwyz und Unterwalden (Anm. d. Red.: Nidwalden und Obwalden) aus dem Jahr 1291, war in den Archiven vergessen worden. Jahrhundert wiederentdeckt (neuere Arbeiten deuten darauf hin, dass der Brief um 1309 verfasst und aus politischen Gründen auf 1291 zurückdatiert wurde).
Erst 1891 beschloss der Bundesrat, sich bei der Feier des 600-jährigen Bestehens des Landes und der Einführung des Nationalfeiertags auf dieses Dokument (statt auf die Legende) zu stützen.
Die Schweiz wurde also gebeten, 1291 als offizielles Gründungsdatum zu akzeptieren, aber die Bevölkerung hing so sehr an ihrem Helden mit der Armbrust und dem Rütlischwur, dass die verschiedenen Erzählungen miteinander verschmolzen.
Heute haben sich die Geschichte (1291) und die Legende (1307) in der kollektiven Vorstellungswelt zu dem grossen Epos vermischt, das wir kennen.
Übertragung aus dem Französischen mithilfe von KI/jg
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