Europa brennt, die Schweiz hilft – doch beim EU-Katastrophenschutz steht sie vor der Tür
Die Schweiz hilft beim Löschen der Waldbrände in Europa. Doch hätte sie selbst Anspruch auf Hilfe, wenn die EU-Ressourcen knapp werden? Im wichtigsten europäischen Verbund für Katastrophenhilfe wartet sie auf Einlass.
«Was wir derzeit in Europa erleben, ist der Beginn einer neuen Ära von Waldbränden und extremen Wetterereignissen», sagt Christine Eriksen; sie ist leitende Forscherin am Zentrum für Sicherheitsstudien der ETH Zürich.
Allein die grossen Waldbrände in Frankreich und Spanien haben im Juli bisher über 220’000 Hektaren Land erfasst, das ist zehnmal die Fläche des grössten Schweizer Binnensees, des Neuenburgersees.
Vorbereitung für kommende Waldbrände
Eriksens Kerngebiet sind Flächenbrände und die Frage, wie die Gesellschaft widerstandsfähiger werden kann. Die Forscherin ist überzeugt, dass sich auch die Schweiz künftig mit Waldbränden auseinandersetzen muss. «Wenn wir jetzt Wissen sammeln, werden wir besser auf das vorbereitet sein, was kommt», sagt sie.
Herausfordernd ist nicht nur die Dimension der Brände in Europa. «Beispiellos sind auch die Hitzewellen, deren Temperaturen und deren Dauer», sagt sie. Gerade Spanien und Frankreich seien aber auf Flächenbrände immer besser vorbereitet, so die Forscherin.
Einen grossen Anteil daran hat der Katastrophenschutz der Europäischen Union. Bereits 2001 begann die EU, ihre Kapazitäten zur Katastrophenbewältigung in einem Pool zusammenzufassen. Seither helfen die Mitgliedstaaten einander bei grossen Naturkatastrophen.
Neben diesen sind auch zehn weitere Länder dabei, darunter die EWR-Staaten Norwegen und Island sowie alle EU-Beitrittskandidaten wie Albanien, Serbien und die Türkei.
Die Schweiz im Warteraum
Doch ausgerechnet in diesem System steht die Schweiz bis heute nur am Rand. Sollte es bei knappen Ressourcen zu einem Verteilungskampf kommen, hätten EU-Mitglieder und Partnerstaaten wohl Vorrang.
Dabei liegt die Schweizer Isolation für einmal nicht am politischen Willen: Bereits 2023 überwies das Eidgenössische Parlament eine entsprechende Forderung an den BundesratExterner Link: Dieser solle den Beitritt der Schweiz zum EU-Katastrophenschutzverfahren (UCPM) vorbereiten. Die Landesregierung handelteExterner Link, Vorbereitungsarbeiten laufen – doch noch immer verharrt die Schweiz in der WarteschleifeExterner Link.
Das Problem: Die geltenden EU-Regeln sind nicht auf EU-Drittstaaten wie die Schweiz zugeschnitten. Deshalb kann Bern dem EU-Mechanismus derzeit gar nicht offiziell beitreten. Die Hoffnung liegt im Moment beim Europäischen Parlament, das auf Vorschlag der EU-Kommission das entsprechende Gesetz anpassen könnte, jedoch frühestens 2027.
Schweizer Helis fliegen in Europa
Bis es soweit ist, sichert sich die Schweiz einen gewissen Austausch, dank eines technischen Abkommens sowie durch multilaterale ÜbungenExterner Link und vor allem durch eigene solidarische Hilfe mit Löschhelikoptern und Brandbekämpfungsteams.
Aktuell leisten drei Super Puma der Schweizer Armee Einsätze in Korsika. Sie fliegen sieben Stunden pro Tag, bringen es dabei auf über 20 Abwürfe pro Helikopter. «Wir können neu aufflammende Brände bekämpfen. So schützen wir Menschen, Infrastruktur und Natur rechtzeitig», sagt David Sochor, der Teamleader des Einsatzes, zu Swissinfo.
Bereits 2023 und 2021 halfen Helis und Spezialistenteams bei Bränden in Griechenland, 2017 in Italien, Portugal und Montenegro. Erstmals entsendete die Schweiz in diesem Jahr auch eine Feuerwehreinheit, sie kommt in der Gironde zum Einsatz.
Umgekehrt hat die Schweiz auch bereits einen ersten Ernstfall mit dem Katastrophenschutz-Mechanismus der EU erlebt. Bei der Brandkatastrophe von Crans-Montana löste sie diesen aus – was jedes Land tun kann. Mehrere EU-Staaten stellten daraufhin rasch und unbürokratisch ihre Kapazitäten zur Verfügung, insbesondere Spezialtransporte und Spitalplätze für Brandverletzte.
Crans-Montana: Demonstration der Effizienz
«Crans-Montana hat uns gezeigt: Wenn wir Spezialmittel brauchen – etwa Ambulanzflugzeuge – haben wir zuwenig», sagt Roland Bollin. Er leitet im Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS die Geschäftsstelle Internationales. «Zudem sahen wir, wie effizient dieser Solidaritätsmechanismus funktioniert», so Bollin.
Für den Schweizer Katastrophenschutz-Spezialisten ist der Hilfspool der EU ein Beispiel dafür, dass diese grenzüberschreitende Hilfe die Reaktionsfähigkeit eines einzelnen Landes bei Weitem übertreffen kann.
Denn inzwischen verfügt die EU über eine strategische Reserve von 22 Lösch- und Rettungsflugzeugen sowie fünf Hubschraubern. Zwölf weitere Löschflugzeuge sind bestellt, dabei kommt es jedoch zu Lieferverzögerungen.
Aktuell sind bei den Waldbränden in Frankreich sieben Löschflugzeuge und vier Helikopter aus sieben Ländern im Einsatz, von Schweden bis zur Türkei.
From the bottom of my heart, I want to thank the brave 🇵🇹 🇨🇿 🇮🇹 🇬🇷 🇸🇪 🇭🇷 🇩🇪 🇸🇰 🇹🇷 teams deployed to France and Spain to fight the blaze.
— Ursula von der Leyen (@vonderleyen) July 28, 2026Externer Link
This is solidarity at its best, from the EU and beyond.
The courage and dedication of these firefighters is a reminder that when we stand… pic.twitter.com/vckWNLwJw1Externer Link
Schweizer Löschflugzeuge? Nicht zweckmässig
«Für die Schweiz ist die Beschaffung eigener Löschflugzeuge derzeit nicht zweckmässig», sagt Roland Bollin. Das hätten Abklärungen zu einem entsprechenden PostulatExterner Link von 2019 ergeben. 2022 veröffentlichte der Bundesrat als Antwort auf den Parlamentsvorstoss einen Expertenbericht.
Darin steht, dass «höhere Temperaturen in Kombination mit längeren Trockenperioden die Wahrscheinlichkeit für häufigere und intensivere Vegetationsbrände in der Schweiz erhöhen».
Aber: «Die am Bericht beteiligten Experten kamen jedoch zum Schluss, dass die Schweiz keine Flächenlöschflugzeuge beschaffen soll.» Hingegen solle der Zugang zu internationalen Ressourcen geklärt werden. «Die im EU-Katastrophenschutzverfahren vorhandenen Mittel wie Löschflugzeuge oder Helikopter sind in die Überlegungen einzubeziehen», empfehlen die Experten.
Notfallsystem unter Druck
Solange die Schweiz aber nicht Mitglied im EU-Katastrophenschutzverfahren ist, bleibt ungewiss, wie die EU im Fall eines Waldbrands auf einen Schweizer Hilferuf reagieren würde – insbesondere im August oder September, wenn die EU-Flotte bereits rund ums Mittelmeer allerorts gegen Brände kämpft.
Bereits jetzt steht das EU-Notfallsystem unter Druck, und wenn die Löschkapazitäten nicht ausreichen, werden die Mittel triagiert. «Bei konkurrierenden Anfragen gibt die grösste Wirksamkeit den Ausschlag», sagte ein EU-Beamter diese Woche den Medien.
«Nach Crans Montana wissen wir, dass die Schweiz diesen Solidaritätsmechanismus der EU aktivieren kann», sagt Christine Eriksen.
Doch was wäre, wenn sich die EU einem Waldbrand für die Hilfe an einen Partnerstaat oder an die Schweiz entscheiden müsste? «Dann würde ich vermuten, dass ein Partnerstaat Vorrang hätte», sagt Eriksen. Roland Bollin vom BABS teilt diese Einschätzung.
Es ist eine Frage der Solidarität. Die im Katastrophenmechanismus angeschlossenen Länder bezahlen einen Beitrag, der sich nach ihrer Wirtschaftskraft richtet. Für die Schweiz würden bei einer Partnerschaft aktuell rund 11 Millionen Franken im Jahr anfallen. Dafür sind Hilfsleistungen für die Staaten bis auf einen Selbstbehalt von 10 bis 25 Prozent gedeckt.
Löscheinsätze, um zu lernen
Christine Eriksen hat im Auftrag des BABS bereits 2021 in einer StudieExterner Link die Vor- und Nachteile einer Schweizer Partnerschaft mit dem EU-Katastrophenmechanismus evaluiert. Die Vorteile liegen auf der Hand: Zugang zum Pool, Zugang zu Fachwissen und Trainingsprogrammen sowie Einsatzerfahrungen. «Die Feuerwehrleute aus der Westschweiz, die in die Region Bordeaux gereist sind, leisten nicht nur Hilfe. Sie sammeln gleichzeitig wertvolle Erfahrungen», sagt Eriksen heute zu Swissinfo.
«Wenn wir den Bevölkerungsschutz weiterentwickeln wollen, müssen wir uns international besser vernetzen. Wir können nur lernen», sagt Roland Bollin. Er spricht von einer «unglaublichen Leistungsfähigkeit» des EU-Pools und verweist auf den hohen Spezialisierungsgrad einzelner Einsatzkräfte. Zudem entwickle der Pool seine Fähigkeiten jährlich weiter. Und das mit jedem Einsatz: Das EU-Katastrophenschutzverfahren UCPM wird inzwischen nahezu im Wochentakt aktiviert.
Umgekehrt könnte auch die Schweiz einen Beitrag leisten.»Sie bringt einen enormen Erfahrungsschatz im Bereich der humanitären Hilfe mit“, sagt Eriksen zu Swissinfo. Bollin verweist zudem auf besondere Fähigkeiten der Schweiz bei atomaren, biologischen sowie chemischen Ereignissen oder beim Schutz kritischer Infrastrukturen. Er fügt hinzu: «Auch im Bereich Prävention ist die Schweiz sehr stark.»
Ohne Prävention ist alles nichts
Gerade Prävention wird angesichts der durch den Klimawandel bedingten, zunehmenden Verheerungen in Europa immer bedeutender.
Wie Waldbrände alleine in den letzten zehn Jahren für Frankreich zum Problem geworden sind, zeigt diese Grafik:
Auch Anfang Woche wies ein EU-Beamter laut der Frankfurter Allgemeine ZeitungExterner Link darauf hin, dass die Mitgliedstaaten mehr für die Prävention tun müssten. «Sonst können wir künftig unmöglich reagieren, selbst wenn wir hundertmal so viele Flugzeuge hätten“, sagte er.
Europa tritt in eine neue Ära der Waldbrände ein. Die Schweiz sammelt heute Erfahrungen in Korsika, Bordeaux und andern Brandregionen Europas. Die entscheidende Frage ist, ob sie beim nächsten grossen Feuer selbst auf Hilfe zählen kann.
Editiert von Pauline Turuban
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