Inszenierte Debatte: Wie koordinierte Netzwerke die Kommentarspalten europäischer Nachrichten kapern
Eine gemeinsame Untersuchung des «Eurovision News Spotlight» hat ergeben, dass Bot-Netzwerke, Fake-Accounts und koordinierte Kampagnen gezielt auf die Kommentarbereiche europäischer öffentlich-rechtlicher Sender abzielten – wobei die politische Lage im Iran im Mittelpunkt stand.
Hassreden von Bots, politische Kampagnen und kommerzieller Spam: Eine gemeinsame Recherche europäischer öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten hat aufgedeckt, wie koordinierte Netzwerke systematisch die Kommentarbereiche der Facebook- und Instagramseiten verschiedener Medien manipulieren. Unter den über 17,5 Millionen Kommentaren, die in den zwölf Monaten zwischen April 2025 und März 2026 auf den Konten von BR24, France 24, LRT, ORF, RTVE, Swissinfo, RFI, Tagesschau und ZDFheute hinterlassen wurden, löste ein Thema mehr koordinierte, unauthentische Aktivitäten aus als jedes andere: der Iran.
Die Protestbewegung im Iran spielt sich in den Kommentarspalten ab
Im Januar 2026 erschütterten Massenproteste gegen die Islamische Republik den Iran. Die politischen Grabenkämpfe des Landes spiegelten sich auch in den Kommentarbereichen europäischer öffentlich-rechtlicher Sender. Dabei waren mindestens drei unterschiedliche, koordinierte Netzwerke zeitgleich auf denselben Plattformen aktiv und manchmal sogar unter denselben Beiträgen.
Das grösste Netzwerk, das im Datensatz identifiziert wurde, unterstützte die iranische Opposition und deren Galionsfigur Mohammad Reza Pahlavi, ältester Sohn des ehemaligen Schahs, der im Exil lebt. Es generierte auf den analysierten Kanälen Zehntausende von Kommentaren – mit Abstand die meisten aller untersuchten Netzwerke. Die einzelnen Accounts veröffentlichten Beiträge mit gemeinsamen Hashtags – #KingRezaPahlavi, #FreeIran, #IranRevolution2026, #DigitalBlackoutIran – und verwendeten in vielen Fällen nahezu identische Textvorlagen, die vermutlich über Messenger-Apps verbreitet wurden.
«Once again, the Islamic Republic has shut down the internet and phone lines, cutting people in Iran off from the world. Iranians abroad are deeply worried about the safety of our fellow citizens. Silencing a nation is not security it is hostage-taking. Be the voice of Iran.»
(Deutsch: «Wieder einmal hat die Islamische Republik das Internet und die Telefonleitungen abgeschaltet und damit die Menschen im Iran von der Außenwelt abgeschnitten. Die Iraner im Ausland sind zutiefst besorgt um die Sicherheit unserer Landsleute. Ein ganzes Volk mundtot zu machen, dient nicht der Sicherheit – es ist Geiselnahme. Seid die Stimme des Iran!»)
Mit minimalen Abweichungen tauchte dieser Text hunderte Male in verschiedenen Kommentarbereichen auf: bei ORF, Tagesschau, France 24, RFI, RTVE und ZDF.
Dabei gab es ein aufschlussreiches forensisches Detail: einen falsch geschriebenen Hashtag, #DigitalBlackoutlran, bei dem ein kleines «i» das grosse «I» in «Iran» ersetzte. Dieser falsch geschriebene Hashtag tauchte in identischer Form in den Kommentarbereichen von ORF, ZDF, France 24, LRT und der Tagesschau sowie in Kommentaren auf der Seite des belgischen Senders RTBF auf. Dem ORF gelang es, Spuren dieses Hashtags auch auf Telegram zu finden. Sein tatsächlicher Ursprung ist jedoch unbekannt.
Swissinfo identifizierte ähnliche pro-Pahlavi-Hashtags wie «kingrezapahlavi» und «iranrevolution2026» und machte eine Reihe von Konten ausfindig, die sowohl auf unserer eigenen Seite als auch auf der von BR24 Kommentare hinterliessen. Diese Konten änderten ihre Benutzernamen relativ schnell, nämlich innerhalb des zweiwöchigen Zeitraums während der Datenerhebung im April. Im Mai, als die Journalist:innen die Ergebnisse der Datenerhebung analysierten, stellte Swissinfo fest, dass Beiträge dieser Konten von den Inhaber:innen gelöscht worden waren.
ORF, Tagesschau, France 24, LRT, RTVE, Swissinfo und BR24 – alle stiessen auf Varianten eines Netzwerks, das Reza Pahlavi unterstützt, auf ihren Konten. Vermutlich gehört der Grossteil der Konten echten Mitgliedern der iranischen Diaspora, die sich für echte – wenn auch koordinierte – politische Interessenvertretung einsetzten.
Die Tagesschau identifizierte zudem eine offenbar separate, deutlich stärker automatisierte Ebene innerhalb der Pro-Pahlavi-Aktivitäten: Beiträge, die im Abstand von wenigen Minuten veröffentlicht wurden und fast alle genau die Wortfolge «König Reza Pahlavi» enthielten: Ein Hinweis darauf, dass neben authentischen menschlichen Interaktionen auch eine Verstärkung durch Bots stattfand.
In einem Interview mit dem ORF bestätigte Alberto Fittarelli, Experte für Cybersicherheit, Desinformation und OSINT an der Universität Toronto, dass die Pro-Pahlavi-Bewegung im Internet grösstenteils von echten Menschen angeführt wird. Es scheint jedoch auch durch zwei weitere Arten von Online-Aktivitäten gestützt zu werden: «Konten, bei denen es sich eindeutig um Bots oder automatisierte Konten handelt, die innerhalb kurzer Zeit grosse Mengen an Inhalten veröffentlichen und auf Ereignisse reagieren», so Fittarelli, sowie eine «Grauzone, die oft aus vermutlich echten Konten besteht, die plattformübergreifend in hohem Masse koordiniert sind.»
Das Bot-Netzwerk, das das iranische Regime unterstützt
Parallel dazu gab es unter denselben Beiträgen Kommentare eines Netzwerks, das die gegenteilige Position vertrat: Es unterstützte die iranische Regierung und stellte sich gegen die Demonstrant:innen. Dieses Narrativ war in den Kommentaren zur Tagesschau eindeutig erkennbar, und das Verhalten dieses Netzwerks gehörte zu den eindeutigsten Fällen unauthentischer Aktivitäten, die im Rahmen dieser Untersuchung gefunden wurden.
Die Netzwerkanalyse zeigt ein Cluster mit nahezu perfekter interner Vernetzung: ein Netzwerk, in dem praktisch jedes Konto mit jedem anderen verbunden war. Die Kommentardaten zeigen, dass mehr als 200 Konten den folgenden Satz gepostet haben, und zwar alle am 24. Januar. Die meisten Kommentare – mehr als 190 – wurden innerhalb einer Minute gepostet, während die übrigen innerhalb von etwas mehr als zwei Minuten nach und nach hinzukamen.
«Hoffentlich wird jeder Demonstrant im Iran hart bestraft. Der Iran bleibt Islamisch und ihr werdet nichts dagegen tun können.»
Eine zweite Gruppe von Accounts, die unter demselben Beitrag aktiv war, veröffentlichte den Kommentar «Befreit den Iran vom Zionismus». Diese Kommentare tauchten noch am selben Tag, nur wenige Minuten vor dem zuvor genannten Beispiel, in mehreren kurzen Wellen auf.
Die Profile wiesen Merkmale auf, die auf kommerzielle Dienste zum Kauf von Interaktionen hindeuten: Sie waren erst kürzlich erstellt worden, wiesen nur wenige Beiträge auf und enthielten Hinweise auf einen Standort in Indien – was mit dem Profil übereinstimmt, das BR24 im Rahmen einer ähnlichen Spam-Aktion in einem anderen, finanziell motivierten Kontext identifiziert hatte.
Die ganze Zeit über während der Proteste im Januar war das Internet im Iran fast vollständig abgeschaltet. Die Sperre hätte jegliche koordinierten Aktivitäten aus dem Land heraus beeinträchtigt. Wer hinter den verschiedenen koordinierten Botschaften stand, konnte im Rahmen dieser Recherche nicht ermittelt werden – unabhängig davon, ob sie nun gefälscht waren oder nicht.
Im Schatten der Iran-Debatte: Kommentare, die zu Gewalt aufrufen
Die Netzwerkdaten brachten eine weitere Gruppe von Kommentaren zum Thema Iran zutage, die inhaltlich noch gravierender sind und die wenige Tage nach Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran veröffentlicht wurden.
Auf den Instagram-Seiten der Tagesschau und ZDFheute veröffentlichte ein koordiniertes Bot-Netzwerk identische Texte, in denen Muslime weltweit dazu aufgerufen wurden, gewaltsam Rache zu üben am Westen und an den Zionisten, wobei der Konflikt im Iran als Teil eines globalen Krieges gegen den Islam dargestellt wurde.
Dutzende Accounts veröffentlichten am selben Tag, dem 2. März, in den Kommentarbereichen beider Sender dieselbe Nachricht. Unter dem Beitrag des ZDF befanden sich insgesamt 414 Kommentare, von denen 153 diesen identischen Aufruf zur Gewalt enthielten. Unter einem Beitrag der Tagesschau tauchten mehr als 50 solcher Kommentare auf.
Zwar erschienen die Kommentare, die die Tagesschau und das ZDF ins Visier nahmen, an diesem Tag zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Doch bei jeder Welle wurde die grosse Mehrheit dieser identischen Kommentare innerhalb einer Minute gepostet. Die Namen der Konten wiesen Muster auf, die auf automatisch generierte Profile hindeuten.
«Der Westen führt keinen Krieg gegen den Iran sondern gegen Muslime auf der ganzen Welt. Der Hass gegen Muslime ist ihr Antrieb, unsere Frauen zu vergewaltigen und unsere Kinder zu töten. Muslime wehrt euch mit allen Mitteln, egal wo auf der Welt ihr seid. Rächt unsere Geschwister in den Muslimischen Ländern! Habt kein Mitleid so wie die Zionisten kein Mitleid mit uns Muslimen haben.»
Von allen in dieser Untersuchung identifizierten Netzwerken wies dieses die zweithöchste Verflechtung seiner Konten untereinander auf. Es erfüllte die typischen Merkmale einer bekannten Art von Manipulationskampagne – und sein gleichzeitiges Auftreten bei zwei grossen deutschsprachigen Sendern lässt vermuten, dass ein einziger Akteur dahintersteckte.
Diese Erkenntnis – koordinierte Anstiftung zur Gewalt, die mithilfe einer Bot-Infrastruktur gleichzeitig über mehrere Plattformen öffentlich-rechtlicher Sender verbreitet wurde – stellt die schwerwiegendste Kategorie von Aktivitäten dar, die die Recherche aufdeckte.
Weitere Ergebnisse: Antisemitismus, der Grenzkonflikt zwischen Kambodscha und Thailand sowie Finanzbetrug
Über das Thema Iran hinaus ergab die Untersuchung weitere Hinweise auf koordinierte Manipulationen. Auf dem Instagram-Account der Sendung Zeit im Bild des ORF begann ein Bot-Netzwerk aus mehr als 180 AccountsExterner Link zunächst mit Kritik an den israelischen Militäraktionen im Gazastreifen, bevor es im Laufe mehrerer Wochen zu antisemitischen Hassreden eskalierte, die nach österreichischem Recht illegal sind. Indem der ORF die Bots zu anderen Instagram-Konten zurückverfolgte, auf denen sie Kommentare hinterliessen, gelang es den Journalist:innen, Kontakt zu einem Influencer aufzunehmen, der Kommentare für sein eigenes Profil bei einer türkischen Agentur gekauft hatte – was weitere Einblicke in die Ursprünge des Bot-Netzwerks lieferte. Es bleibt unklar, wer die antisemitischen Inhalte in Auftrag gegeben hat und warum diese bezahlte Kampagne letztendlich auf ein wichtiges Nachrichtenprofil des österreichischen Rundfunksenders abzielte.
Während sich die Recherche grösstenteils auf Instagram-Kommentare konzentrierte, werteten einige Journalist:innen auch Daten aus den Facebook-Kommentaren ihrer Sender aus. So wurde beispielsweise der Facebook-Account von France 24 im Juli 2025 Ziel einer geopolitischen Kampagne im Zusammenhang mit dem Grenzkonflikt zwischen Kambodscha und Thailand.
Etwa 100 der dafür genutzten Konten wurden am selben Tag erstellt, rund 1000 der 7000 Kommentare wurden in Abständen von weniger als fünf Sekunden gepostet, und in den Beiträgen wurde Thailand die Schuld für den Konflikt zugeschrieben. Viele der Konten folgten einer Seite, die mit der regierenden Partei Kambodschas in Verbindung steht. Ein direkter Zusammenhang konnte allerdings nicht nachgewiesen werden.
Mehrere Medien stellten zudem finanziell motivierte Netzwerke fest. In Deutschland identifizierten BR24 und die Tagesschau koordinierte Spam-Aktivitäten, mit denen Online-Verdienstmöglichkeiten beworben wurden, wobei die Accounts Merkmale kommerzieller «Engagement-Farming»-Dienste aufwiesen.
ZDFheute stiess auf ein Netzwerk, das Dienstleistungen zur Steigerung der Reichweite in den sozialen Medien anbietet, und mehrere Journalist:innen entdeckten Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Profil «richboyjames», das Inhalte verbreitet, die den Wunsch nach Reichtum wecken, sowie sogenannte «Get-rich-quick»-Schemes, also Programme, die vorgeben, zu schnellem Reichtum zu führen. In den Facebook-Kommentaren von France 24 tauchte Spam auf, der für pornografische Kanäle, afrikanische Wunderheiler und eine angebliche AIDS-Behandlung warb.
Ein Blick hinter die Kulissen eines weitaus grösseren Systems
Auch wenn sich die Recherche ausschliesslich auf die Kommentarbereiche öffentlich-rechtlicher Sender konzentriert, bietet sie doch einen Einblick in ein weitaus grösseres System, das im öffentlichen Online-Raum am Werk ist. Dieselben Taktiken – Bot-Netzwerke, identische Vorlagen, gefälschte Konten, die über Messanger-Apps verbreitet werden – werden im gesamten offenen Internet eingesetzt, um das Weltbild gewöhnlicher Menschen zu beeinflussen.
In manchen Fällen, wie etwa bei dem Kommentar, der zur Gewalt aufruft, könnten sie als Instrumente der hybriden Kriegsführung eingestuft werden: als Mittel, um Spaltung zu säen, Spannungen zu schüren und das Publikum im Ausland zu radikalisieren. Ein extremer Kommentar einer einzelnen Quelle kann in einer künstlich inszenierten Debatte plötzlich so wirken, als würde er von Tausenden von «Menschen» unterstützt, wodurch die ohnehin schon stark polarisierte Landschaft des offenen Internets in den 2020er Jahren weiter manipuliert wird.
Die Kommentarbereiche der teilnehmenden öffentlich-rechtlichen Sender, die von internen Teams analysiert werden, die mit den eigenen Moderationssystemen vertraut sind, bieten einen ungewöhnlich transparenten Einblick in diese Aktivitäten.
Doch diese Kommentarbereiche unter Nachrichtenartikeln sind nur ein sichtbarer Ausschnitt in einem viel grösseren Bild. Was anderswo, ausserhalb des Blickfelds, geschieht, könnte noch ein viel grösseres Ausmass haben.
Der Umfang der Untersuchung:
– Zeitraum der Datenerhebung: 1. April 2025 bis 31. März 2026
– Blockierte Kommentare: Kommentar-Moderationssysteme blockieren bereits bestimmte anstössige oder vulgäre Inhalte. In einigen Fällen wurden Kommentare mit solchen Inhalten nicht im Datensatz erfasst, da sie ursprünglich durch die Sicherheitsfunktionen der Organisationen an der Veröffentlichung gehindert wurden. Aus diesem Grund könnten einige der identifizierten Trends sogar noch konservativ eingeschätzt sein.
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