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«Hier leben mehr als die Hälfte aller Schweizer Tagfalter»

Hans-Peter Wymann mit einem Schmetterlingsnetz
Ein Schmetterlingsforscher wie aus dem Bilderbuch: Hans-Peter Wymann auf der Pirsch vor der Kulisse der Eigernordwand. SRF / Fabio Flepp

In der Schweiz gibt es 3800 Falterarten. Hans-Peter Wymann kennt sie fast alle. Unterwegs im Talkessel von Grindelwald.

Welche Tiere leben auf der Alp? Eine Städterin oder ein Unterländer erwarten wohl Kühe. Nicht aber Hans-Peter Wymann. Er schnürt sich die Wanderschuhe der Schmetterlinge wegen. «Im Sommer gehe ich nie ohne Netz aus dem Haus.»

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«Hier, schau, ein Bläuling! Da ein Schwalbenschwanz! Ein Braunauge, ein kleiner Dickkopf und ein Perlmutterfalter!» Es ist sofort klar, weshalb man ihn als wandelndes Schmetterlings-Lexikon bezeichnet. Wir sind unterwegs auf die Alp Hintisberg im Talkessel von Grindelwald.

«Hier kannst du hinschauen, wo du willst. Es ‹fladderet› überall. Es ist eine der artenreichsten Ecken überhaupt», schwärmt Wymann. «Auf einer Höhe von 1200 bis 1800 Metern leben über 100 verschiedene Tagfalterarten.»

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Schon als Kind hat sich Wymann für Schmetterlinge fasziniert. Später begann er, sie zu zeichnen, und war bis zur Pensionierung verantwortlich für die Schmetterlingssammlung des Naturhistorischen Museums Bern.

«Dieser ganze Hang hier ist südexponiert», erklärt Wymann. Das bedeutet: Es ist warm. «Zudem ist die Biodiversität auf dieser Bergwiese irrsinnig. Sie wird nur extensiv bewirtschaftet. Gemäht wird erst Mitte Juni und wahrscheinlich wurde sie noch nie gedüngt.» Und je vielfältiger die Pflanzen sind, desto grösser sei das Artenspektrum der Schmetterlinge.

Faszinierende Schmetterlinge am Hintisberg

Das kleine Paradox in Zeiten des Artensterbens: Hier auf der Alp würden es sogar von Jahr zu Jahr mehr Schmetterlinge. «Meistens sind das Wärmeprofiteure, die ihr Areal erweitern», so Wymann. Andere Arten wiederum haben andernorts ihre Lebensräume verloren. So etwa der Apollofalter.

Der Apollofalter: Symbol des Artenschutzes

«Da, da ist einer!» Hans-Peter Wymann zückt seinen Kescher. «Zack!» Schon flattert der weisse Falter mit den markanten roten Punkten im Netz. Wir nehmen ihn in die Hand. «Die sind viel robuster, als man meint, keine Sorge.» Aus der Nähe wirken die Flügel glasig. Sie sind fast transparent.

Mann der einen Schmetterling auf dem Finger hält
Hans-Peter Wymann und ein Apollo-Falter. Schon als Kind hat er sich für Schmetterlinge interessiert. SRF / Fabio Flepp

Einen Apollofalter zu präsentieren sei immer ein Highlight. «Der ist eine Ikone. Es ist die einzige kontinentaleuropäische Tagfalterart, die im Washingtoner Artenschutzabkommen aufgeführt ist», sagt Wymann. «Er hat den gleichen Schutzstatus wie Panzernashörner oder Elefanten.» Wir lassen ihn wieder frei und gehen zurück auf die Pirsch.

«Da! Ein Scheckenfalter im Paarungsflug. Hier, kleine Wiesenvögelchen! Und ein Mattfleckiger Weissling. Eine ganz geile Art», rutscht es dem Kenner heraus. Vor drei Jahren habe er diesen hier als Erster entdeckt.

Lebt weltweit nur hier: der Grindelwalder Mohrenfalter

Gerne hätte er mir ja auch noch eine weitere Art präsentiert. Den eigentlichen Lokalhelden des Gebiets. Der sei hier nämlich ein wahres Unikum, fliege aber erst Ende Juni: der Grindelwalder Mohrenfalter. «Diesen Schmetterling gibt es nur hier und bis zur grossen Scheidegg», sagt Wymann, «sonst lebt er nirgendwo auf der Welt.»

Sudeten-Mohrenfalter
Ein Weibchen des Grindelwalder Mohrenfalters (Erebia Sudetica). Diese Art lebt nur an den Südflanken bei Grindelwald. Martin Albrecht

Er ist stark gefährdet. Dass er an diesem Standort auf der Alp Hintisberg noch lebt, hat er mitunter Wymann zu verdanken. Genau in diesen Südhängen ist nämlich eine Solaranlage geplant. Schmetterlingskenner Wymann hat dem Planungsbüro und Auftraggeber aber erklärt, dass dies das Ende der Falterpopulation bedeuten könnte. Allen Beteiligten sei sofort klar gewesen: Das darf nicht sein. Die Panels werden nun weiter unten am Hang aufgebaut.

Happy End für die Schmetterlinge. Zumindest im Talkessel von Grindelwald.

Ein Schweizer Forschungsteam hat erstmals die Entwicklung der Insektenvielfalt in der Schweiz über fast ein Jahrhundert rekonstruiert und die Ergebnisse im Juni 2026 publiziert.

In der entsprechenden Studie zeigt sich: Einige Insektenbestände erholen sich stellenweise. Nach einem harten Einbruch zwischen den 1930er- und 1960er-Jahren erleben Totholzkäfer wie der Kopfhornschröter ein Comeback.

Über den gesamten 90-Jahr-Zeitraum verzeichnen Totholzkäfer sogar ein leichtes Plus von 2.7 Prozent. Sie profitieren von moderner, naturnaher Waldwirtschaft, mehr Totholz und der Klimaerwärmung.

Auch die wärmeliebenden und wärmeangepassten Arten profitieren in Zeiten der Klimaerwärmung, wie zum Beispiel der Moschuskäfer.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Insekten, deren Population zurückgeht – teils massiv. Landesweit sank die Vielfalt von Schmetterlingen um 12 Prozent. Im dicht besiedelten und landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland brach die Vielfalt sogar um 29.2 Prozent ein.

Hochgradig spezialisierte Schmetterlingsarten verloren sogar 41 Prozent ihrer Vielfalt. Auch Nahrungsspezialisten, die auf ganz bestimmte Pflanzen oder Bäume angewiesen sind, erlitten bei Käfern (-16.6 Prozent) und Schmetterlingen (-22.3 Prozent) massive Einbussen.

Auch kälteangepasste Schmetterlinge verloren seit den 1930er-Jahren rund 30 Prozent ihrer Vielfalt (Bild: der kälteliebende Hochalpen-Perlmuttfalter)

Dennoch: Für einige wenige Schmetterlinge sieht es nicht schlecht aus, nämlich die grösseren (+14.1 Prozent mehr Vielfalt). Sie sind mobiler und können neue Lebensräume leichter erreichen.

Die Bemühungen zum Schutz der Biodiversität zeigten teilweise Wirkung, schreibt das Forschungsinstitut für Wald, Schnee und Landschaft zur Studie. Doch es brauche weitere Anstrengungen – wie beim Grossen Eisvogel (im Bild), der in Pfeffingen BL nicht zuletzt wegen gezielter Fördermassnahmen eine dauerhafte Population aufgebaut hat.

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