«Einer für alle, alle für einen» – das inoffizielle Motto der Schweiz
Auch die Schweiz hat ein Motto, wenn auch nicht offiziell: Die Phrase «Unus pro omnibus, omnes pro uno», die eng mit den bekanntesten Gründungsmythen der Nation verbunden ist, gehört zu den unsichtbaren Klammern, die das Land seit den Anfängen des Bundesstaats zusammenhalten.
Wer den Satz «Einer für alle, alle für einen» hört, denkt wohl zunächst an die drei Musketiere von Alexandre Dumas, wobei D’Artagnan und seine Gefährten den Satz streng genommen in umgekehrter Reihenfolge aussprechen («Alle für einen, einer für alle»).
Für die Schweiz ist er jedoch weit mehr als ein literarisches Zitat: Er ist das de-facto-Motto des Landes.
«Es ist schlicht der Föderalismus, zusammengefasst in sechs Worten», sagt Jonas Marti, ein Journalist und Kenner der Schweizer Geschichte.
Gegenseitiges Misstrauen überwinden
Die Ursprünge dieser Phrase verlieren sich in der Vergangenheit. Es lässt sich kaum genau sagen, wer sie zuerst auf Schweizer Boden ausgesprochen hat. Populär wurde der Slogan vor allem im 19. Jahrhundert, als die Schweiz im Jahr 1848 zu einem modernen Bundesstaat wurde.
Es war, wie Marti es nennt, «eine enorme Revolution», welche die Kantone zwang, einen Teil ihrer Souveränität an Bern abzutreten. Dieser Übergang verlief nicht schmerzlos.
Der Widerstand war gross – sowohl aus wirtschaftlichen Gründen (allen voran der Verlust der Zolleinnahmen) als auch aufgrund des politischen Misstrauens zwischen den konservativen und den liberalen Kantonen. Letztere waren als Sieger aus dem Sonderbundskrieg von 1847 hervorgegangen.
Das Motto setzte sich auch infolge zweier schrecklicher Tragödien durch. «Einer für alle, alle für einen» war der Slogan der Spendenaktionen, die nach dem Brand von Glarus im Jahr 1861 organisiert wurden. Dabei waren zwei Drittel der Stadt zerstört wurden.
Der Slogan wurde auch nach den Überschwemmungen verwendet, die 1868 mehrere Kantone heimsuchten, besonders Tessin, Wallis, Graubünden, Uri und St. Gallen.
Bei den Überschwemmungen waren 51 Menschen ums Leben gekommen und es entstand ein Schaden von rund 40 Millionen Franken, was heute einer Milliarde Franken entspricht.
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Die Naturkatastrophe, welche die Schweiz veränderte
Angesichts dieser Katastrophe «erklärte die Phrase auf einfache Weise, warum sich ein Bürger aus Zürich etwa um etwas kümmern – und dafür bezahlen – sollte, das in einem anderen Kanton geschehen war», sagt Marti.
Wie ein Hammer in den Händen eines geschickten Schmieds formte das Motto den interkantonalen Zusammenhalt und die Solidarität der Schweiz – im Feuer und im Schlamm.
Einige Jahre später nutzten die Behörden es für einen subtileren Zweck, wie ein Artikel des Blogs des Schweizerischen NationalmuseumsExterner Link in Erinnerung ruft: zur Förderung und Präsentation der Totalrevision der Bundesverfassung von 1874.
Diese führte unter anderem das fakultative Referendum sowie Grundrechte wie die Gewissens- und Kultusfreiheit ein.
Seit 1902 ziert die lateinische Version – «Unus pro omnibus, omnes pro uno» – die Innenkuppel des Bundeshauses.
Mit Materialien aus dem ganzen Land errichtet, ist es ein weiteres Symbol des Föderalismus. «Ein Konzentrat dessen, wie die Schweiz sich selbst darstellen wollte», so Marti.
Obwohl es ein so prestigeträchtiges Gewölbe schmückt, ist das Motto nie offiziell geworden. Dies verdeutlicht ein weiteres Merkmal der Schweiz: nationale Symbole entstehen hier durch Gewohnheit und nicht durch den Willen der Behörden.
Vielleicht ist das auch ein Weg, das Misstrauen der Kantone gegenüber einem Zentralstaat und seinen von oben aufgezwungenen Regeln nicht mehr als nötig zu reizen.
Auch bei der Nationalhymne zeigte die Regierung grosse Zurückhaltung, bevor sie diese offiziell anerkannte, wie in diesem Artikel erläutert wird:
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Was man zur Schweizer Nationalhymne wissen muss
«Einer für alle, alle für einen» ist jedoch kein Satz für sich, losgelöst von Raum und Zeit. In der Schweiz ist er mit einer präzisen nationalen Mythologie verbunden – blutig, wie es Nationalmythologien zu sein pflegen (Romulus und Remus sowie Jeanne d’Arc wissen ein Lied davon zu singen). Doch dafür muss man einen Sprung in die ferne Vergangenheit wagen.
Winkelried warf sich für alle in die Lanzen
Sempach, unweit von Luzern, im Jahr 1386: Im Schlachtengetümmel sieht der Nidwaldner Arnold Winkelried, wie seine Kameraden unter den Hieben der langen Lanzen habsburgischer Truppen fallen.
Ihre kurzen Waffen erweisen sich als tragisch wirkungslos. «Wenn wir nur eine kleine Bresche schlagen könnten!», denkt Winkelried und fasst einen drastischen Entschluss.
«Ich öffne euch den Weg!» (Einer für alle!) schreit er und breitet die Arme aus. «Sorgt für meine Frau und meine Kinder, liebe Mitbürger!» (Alle für einen!) ruft er und wirft sich in die Lanzenspitzen, in so viele, wie er fassen kann.
Indem er sich durchbohren lässt, schafft er die ersehnte Bresche. Seine «lieben Mitbürger» schlagen sich durch die Bresche, metzeln die Habsburger nieder, gewinnen den Krieg, befreien sich vom Joch und festigen die Eidgenossenschaft. Der Mythos ist geboren.
Die historische Existenz Winkelrieds ist nicht belegt. Die erste Überlieferung seiner Heldentat und der dabei gesprochenen Worte stammt aus dem «Halbsuterlied» oder «Sempacherlied» von 1533, wie das Historische Lexikon der Schweiz berichtetExterner Link.
«Die Winkelried-Sage entsprang dem Bedürfnis nach einem gestärkten Gemeinschaftsbewusstsein des lockeren, durch innere Konflikte gefährdeten eidgenössischen Bündnissystems. (…) Die Legende gehörte im 17. Jahrhundert zum festen Bestandteil der Volkserziehung», heisst es dort.
Dieses Motto findet sein Echo auch in einem anderen Gründungsmythos, dem Bundesbrief von 1291, der eng mit dem legendären Rütlischwur verbunden ist.
Auf der kleinen Wiese, die als Rütli bekannt wurde, stellten die Vertreter der Urkantone (Uri, Schwyz und Unterwalden) ihre Vorbehalte und Unterschiede für ein höheres Gut beiseite: ein Bündnis zur gegenseitigen Hilfe, abermals gegen die Habsburger.
Weder Winkelried noch die Gründerväter sprachen die Worte «Einer für alle, alle für einen» aus, doch lassen sich ihre Geschichten in diesem Satz zusammenfassen – und er wurde zum perfekten Slogan für den Schweizer Föderalismus.
Ein Eheversprechen, das erneuert werden muss
Die Habsburger sind heute kein Problem mehr, doch die Kraft des Satzes «Einer für alle, alle für einen» ist nach wie vor aktuell. Denn obwohl sich die Zeiten geändert haben, ist der Föderalismus «keineswegs selbstverständlich», wie Marti betont, und darf nicht als gegeben hingenommen werden.
Auch heute hat beispielsweise jemand aus der italienischsprachigen Schweiz wenig gemeinsam – in Bezug auf Prioritäten, Bedürfnisse, Sprache und Mentalität – mit jemandem, die oder der in Schaffhausen lebt, gibt der Historiker zu bedenken.
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Warum die Schweiz keine Hauptstadt hat
Das Schöne an der Schweiz, so Marti, liege gerade darin, dass sie aus der Wahl erwächst, trotz aller Unterschiede zusammenzubleiben, weil es gemeinsam besser geht als allein. Doch diese Beziehung muss ständig gepflegt werden, besonders angesichts von Widrigkeiten.
«Es ist ein bisschen wie eine Ehe zwischen 26 Männern und Frauen. Das Versprechen muss jeden Tag irgendwie erneuert werden.»
Dafür sorgen regelmässig die Bundesrätinnen und Bundesräte. In ihren Reden greifen sie häufig auf das Motto zurück, das nichts von seiner rhetorischen Kraft eingebüsst hat.
Während der Corona-Pandemie verwendete der damalige Gesundheitsminister Alain Berset es wiederholt, um die kollektive Verantwortung zu betonen, als er die Bevölkerung aufforderte, zu Hause zu bleiben, um die Ausbreitung von Ansteckungen zu verhindern.
Ignazio Cassis, der einzige Vertreter des Kantons Tessin im Bundesrat,, nutzte es 2019Externer Link, um das Wesen eines Landes zu beschreiben, das nicht durch eine Sprache, sondern durch einen Zusammenhaltspakt vereint ist, in dem interkulturelles Verständnis eine tägliche Aufgabe darstellt.
In seiner Neujahrsansprache 2013Externer Link verwendete der ehemalige Verteidigungs- und spätere Finanzminister Ueli Maurer das Motto sinngemäss, um das Volk zu bitten, seine Ansprüche zu mässigen. «Die Gemeinschaft Schweiz funktioniert nur dann, wenn wir uns alle immer wieder fragen, was wir für unser Land tun können. Jeder nach seinen Möglichkeiten und Kräften. Die Gemeinschaft Schweiz kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn wir uns nur noch fragen, was der Staat für uns tun soll», sagte er.
Doris Leuthard schloss ihre Ansprache zum 1. August 2010 mit dem Motto, nachdem sie die humanitären Pflichten der Schweiz gegenüber dem Rest der Welt betont und zu gegenseitigem Respekt im politischen Diskurs aufgerufen hatte.
Man könnte mit ähnlichen Beispielen über ein Jahrhundert zurückgehen. Dennoch drängt sich die Frage auf: Wie wären diese Reden wohl ausgefallen, hätte Winkelried statt seiner heldenhaften Worte vor den feindlichen Lanzen das gerufen, was viele Schulkinder glauben, die seinen Mythos studieren mussten: «Wer zum Teufel hat mich da gestossen?»
Editiert von Daniele Mariani, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub
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