Mal edel, mal Fast Food – Speisewagen gehen immer mit der Zeit
1978: weisses Gedeck auch unterwegs. Während draussen die Landschaft vorbeizieht, geniesst man im Speisewagen seine Speisen am weiss gedeckten Tisch. Der Weg gilt sozusagen als Ziel.
Gemeinfrei
Die über 100-jährige Geschichte des Schweizer Speisewagens ist vielfältig und teilweise kurios. Stichwort: McDonalds-Speisewagen. Während am Anfang noch im Zug gekocht wurde, kommt heute meist der Steamer zum Einsatz.
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
4 Minuten
Raphael Wallimann, SRF
Français
fr
Tantôt raffinés, tantôt fast-food, les wagons-restaurants ont toujours su s’adapter à leur époque
Im 19. Jahrhundert revolutionierte die Eisenbahn den Verkehr in Europa. Die erste Eisenbahnstrecke in der Schweiz wurde 1847 zwischen Zürich und Baden gebaut. Schon bald stellte sich die Frage: «Wie werden die Passagiere während der Fahrt verpflegt?»
Auf längeren Fahrten hielten die Züge teilweise über Mittag, damit sich die Passagiere versorgen konnten. An vielen Bahnhöfen entstanden Bahnhofbuffets, die es bis heute noch gibt.
Speisewagen statt Bahnhofbuffet
1903 wurde die Schweizerische Speisewagen-Gesellschaft SSG gegründet. Mittlerweile heisst das Unternehmen Elvetino, gehört zu 100 Prozent der SBB und betreibt immer noch die Speisewagen im Land.
«Die allerersten Speisewagen waren für die eher gut betuchten Reisenden gedacht», sagt Isabelle Bitterli von SBB Historic: «Bevor es Speisewagen gab, wurden Versorgungsstopps eingelegt, bei denen die Passagiere in einer Stadt ein Mittagessen einnehmen konnten.»
In den 1930-Jahre wurden die Züge leichter und schneller. Entsprechend mussten sich die Gäste unterwegs weniger oft verpflegen.
Ab den 1950er-Jahren war der Speisewagen für alle zugänglich. «Es war ein Ort, wo sich alle Klassen trafen. So wurden im Speisewagen sowohl Geschäfte bei einem Menü getätigt, wie auch einfache Speisen durch Ausflügler genossen. Man spricht von der ‹Demokratisierung des Speisewagens›», sagt Bitterli.
Vom Selbstbedienungsrestaurant bis zum McDonalds auf Schienen
In den 1980er-Jahren wurden neue Lösungen gesucht, die komplizierte Logistik zu vereinfachen. Man setzte auf ein Cateringsystem. «Erstmals wurden die Speisen in einer zentralen Küche zubereitet. Im Speisewagen wurden die Menüs dann nur noch aufgewärmt», verrät Bitterli. Diese Praxis ist bis heute üblich.
Frühstücken in der SBB – ein Luxus, den sich in den 1940er-Jahren nur wenige leisten konnten. Es ging nobel zu und her – wie im Grand Hotel.
Keystone/Albert Jansen
1914 – nobles Relikt aus der Belle Époque
Rollender Salon aus der Blütezeit der Bahngastronomie: In diesem Speisewagen speist man noch im noblen Design der Belle Époque. Die Wagen sind aus Holz gefertigt und mit schweren Teppichen sowie glänzenden Messingbeschlägen ausstaffiert. Ein Luxus, der wunderschön aussieht, den sich damals aber nur wenige leisten können.
Gemeinfrei
1941 – kochen mit Platzmangel
In der Küche ist Platz definitiv Mangelware. Der Koch benötigt nicht nur handwerkliches Geschick, sondern vor allem Improvisationstalent.
Keystone/Albert Jansen
1944 – Weltkriegsstimmung
Rationierung und Landesverteidigung sind omnipräsent. Da wirkt dieser verwaiste Wagen 1944 wie ein Symbol für die schwierigen Umstände.
Keystone/Hans Gerber
1951 – Speisewagen zum Umhängen
Auf der Strecke Zürich nach Lausanne im Jahr 1951. In Wagen ohne Speisewagen ist der Kellner selbst das Transportmittel. Das leibliche Wohl der SBB-Gäste erfordert noch vollen Körpereinsatz und starke Arme.
Keystone/Jules Vogt
1978 – orange-braunes Präzisionswerk
Stilechtes Dinner im Streifenmuster: Orange-braune Biederkeit sorgt in den Speisewagen der 1970er-Jahre für das angesagte Flair. Hier unterwegs im Wagen der Deutschen Schlafwagen- und Speisewagen-Gesellschaft DSG.
Gemeinfrei
1978 – Jonglierkünste am Kochherd
Auch in der Küche wird auf Qualität gesetzt. Der Koch steht höchstpersönlich hinter dem Herd und jongliert mit den Pfannen. Mikrowelle und Fertigrösti liegen noch in weiter Ferne. Hier wird bei vollem Tempo echtes Handwerk zelebriert.
Gemeinfrei
1985 – anstehen statt warten
Wer nicht auf die Bedienung warten und erst noch Geld sparen will, kann sich 1985 im Selbstbedienungs-Speisewagen ein Tablett schnappen und seinen Teller füllen. An der Kasse ist dann allerdings Schluss mit Self-Service – da heisst es: Portemonnaie zücken und bar bezahlen.
Keystone/STR
1989 – «Kafi,Sandwich,Mineral…!»
Die Minibar ist in den 1980er- und 1990er-Jahren obligatorisch. Man freut sich, wenn das «Wägeli» mit dem Ruf «Kafi, Mineral, Sandwich» hereinrattert. Da sich Gäste vermehrt am Bahnhof verpflegen, wird der Betrieb ab 2017 eingestellt.
Creative Commons/gemeinfrei
1992 – Big Mac und Pommes auf die Schnelle
1992 will McDonalds im Eisenbahnland Schweiz ebenfalls auf den Erfolgszug aufspringen. Die Euphorie über Big Mac und Pommes auf die Schnelle hält sich in Grenzen. Das Pilotprojekt wird ein paar Jahre später wieder eingestellt.
Gemeinfrei
2002 – Service in der Schräglage
Im Juli 2000 beginnt die Ära der neuen Neigezüge. Die SBB und Mitropa Suisse präsentieren im brandneuen ICN, wie man auch in der Kurve stilvoll speist. Serviert wird Hausmannskost von Schnipo bis Bolo.
Keystone/Jürg Müller
2002 – Zwischenstation Passagio
Passaggio Rail AG – das Gemeinschaftsunternehmen von SBB und Rail Gourmet soll mit 600 Mitarbeitenden frischen Wind in die Züge bringen. Nur ein Jahr später verschwindet der Name Passaggio bereits wieder und geht in der heute bekannten SBB-Tochter Elvetino auf.
Keystone/MARTIN RUETSCHI
2015 – Coffee-to-go auf Schienen
Der weltweit erste Starbucks auf Schienen versorgt seine Gäste 2015 mit Iced Latte statt Café Crème oder Schale – und das gleich auf zwei Etagen.
Keystone/Christian Beutler
Als Kuriosum wird das Pilotprojekt von McDonalds bezeichnet. Die Fast Food-Kette eröffnete 1992 ihr eigenes Restaurant auf Schienen. Die Passagiere waren allerdings wenig begeistert. Ein paar Jahre später wurde das Projekt abgebrochen.
Ungewisse Zukunft
«Der Speisewagen hat heute nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher», sagt Bitterli. Es gehe vor allem um die schnelle Verpflegung. Ausserdem hätten sich die Versorgungsmöglichkeiten innerhalb der Bahnhöfe massiv verändert. Viele Leute würden ihre Snacks in einem der vielen Läden kaufen und dann im Bahnhof oder im normalen Passagierwagen essen.
Wie der Speisewagen der Zukunft aussehen könnte, kann Bitterli nicht sagen. «Der Speisewagen ist immer ein Spiegelbild der Gesellschaft und hat sich stetig neu erfinden müssen. Bei Wirtschaftskrisen wurde er kaum genutzt. Ging es der Bevölkerung finanziell gut, leistete sie sich auch mal ein feines Essen im Speisewagen. «Die Zukunft der Speisewagen hängt von viel zu vielen Faktoren ab, um eine Prognose zu wagen», sagt Bitterli.
Bitterli selbst nutzt den klassischen Speisewagen immer noch gerne. «Es herrscht hier noch immer eine spezielle Atmosphäre, die mir gefällt», verrät sie. Ausserdem hat sie noch einen Geheimtipp: «Man kann im Speisewagen einen Tisch reservieren, was viele nicht wissen. Die Reservationskosten von fünf Franken werden der Konsumation angerechnet.»
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch
SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch