Bis 30 Mio. Franken Fluchtgelder pro Tag
Der Euro rückt immer näher. Und pro Deutschen, der in die Schweiz einreist, schätzt man die Fluchtgeldsumme auf 160'000 DM.
Täglich sollen momentan etwa 40 Millionen DM unversteuerte Gelder von Deutschland in Richtung Schweiz fliessen, schätzt die Deutsche Steuergewerkschaft. Das meiste davon auf persönlicher Basis, das heisst im gewöhnlichen Personenverkehr über die Grenze.
Experten schätzen deshalb die DM-Kapitalsumme pro Schweiz-Besucher auf rund 160’000 DM. Grund der DM-Flucht: Der Euro rückt näher, und die Deutschen können ihr seit Jahrzehnten am Steueramt vorbeigehortetes Geld nirgends undeklariert in Euro wechseln – ausser sie fahren mit dickem Portemonnaie in die Schweiz und eröffnen ein DM-Konto, das nach dem 1. Januar 2002 automatisch in ein Euro-Konto umgewandelt wird.
Gefragte Tausender-Banknoten
Die Frage, wohin mit dem gehorteten Geld, stellt sich inzwischen das halbe Land nördlich des Rheins. Die «Frankfurter Allgemeine» zitiert in diesem Zusammen Niklaus Blattner von der Schweizerischen Nationalbank, der mitteilte, dass vor allem die Nachfrage nach Tausend-Franken-Noten stieg – um 11% gegenüber dem Vorjahr. Trotz der Euro-Schwäche gegenüber dem Franken…
Dass «Schwarzgeld» inzwischen zu einem viel besprochenen Thema geworden ist, sieht man auch in der Werbung. So rät der Unterhaltungselektronik-Handelsriese «Saturn» seinen deutschen Kunden in grossformatigen Anzeigen, mit gehortetem Schwarzgeld jetzt bei ihm Kleingeräte zu kaufen. «Doch», so die Frankfurter Allgemeine: «im Bereich kleiner Geräte werden die grossen Bargeldbestände nicht gewaschen». Die ganz grossen Bestände sind wohl eh schon längst weggezaubert. Bleibt der «unversteuerte Mittelstand», mit Zielrichtung Schweiz.
Noch mehr Bargeld in die Schweiz
Bis Ende Februar, dem Zeitpunkt, an dem zum letzten Mal offiziell Mark in Euro eingewechselt werden kann, will das deutsche Bundesfinanzministerium seine verstärkten Kontrollen an den Grenzen aufrecht erhalten. Das deutsche Zollkriminalamt rechnet denn auch damit, dass die Zahl der Bargeldtransporte in die Schweiz in den kommenden Wochen weiter steigen wird.
150 Mrd. privat gehortete D-Mark-Kapitalien
Nach Berechnungen von Finanzfachleuten sind bei in deutschen Privathaushalten rund 150 Milliarden DM Bargeld gehortet, von denen «bis zu 60 Prozent unversteuert» sein dürften. Viele dieser Gelder befinden jetzt auch auf dem Weg in die «klassische Fluchtburg» Schweiz.
Privatkonsum in der Schweiz
Juweliere und Autohändler in Deutschland, die sich vom schwarz gehorteten Bargeld kurz vor DM-Torschluss noch einen erheblichen Umsatzzuwachs erhofft hatten, sind nach Beobachtungen der beiden Branchen bisher leer ausgegangen. Demgegenüber verhält sich der Privatkonsum in der Schweiz äusserst konjunkturresistent. Auch der Tourismus rechnet trotz allem mit einer guten Wintersaison, da der Gang auf die Piste oft mit einem Gang zum Private Banker kombiniert wird.
Georg Ubenauf und Alexander Künzle
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch