The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Fehler im Funkverkehr

Russische Zeitungen behaupten, der Fluglotse habe die beiden Flugzeuge verwechselt. Keystone

Wenige Sekunden vor der Flugzeugkollision am Bodensee mit 71 Toten Anfang Juli hat der Schweizer Fluglotse Anweisungen ohne Rufzeichen herausgegeben.

Das bestätigte die in Braunschweig ansässige deutsche Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) am Dienstag gegenüber swissinfo. Berichte russischer Zeitungen, nach denen der Lotse die Maschinen verwechselt hat, wollte die BFU jedoch nicht bekräftigen.

«Es ist natürlich eine ungünstige Situation, dass so kurz vorher ein solcher Funkspruch ohne Rufzeichen abgegeben worden ist. Aber dass es sich dabei um eine Verwechslung gehandelt habe, ist eine absolute Interpretation», betonte BFU-Sprecher Frank Göldner.

Wer war gemeint?

«Es ist richtig, dass die Piloten nicht wussten, wer gemeint war. Wir können derzeit jedoch noch nicht bewerten, welche Folgen dies hatte», sagte Göldner. Ebenso offen sei es, warum der Lotse die Meldung nicht an eine bestimme Maschine adressierte.

Etwa 20 Sekunden vor dem Zusammenstoss habe der Lotse der Zürcher Flugsicherung Skyguide ohne Anrufzeichen gefunkt: «Es gibt ein anderes Flugzeug, für sie auf zwei Uhr, jetzt auf 360 (36’000 Fuss).» «Zwei Uhr» bedeute, dass die andere Maschine in einem Winkel von 60 Grad halb rechts voraus hätte zu sehen sein müssen.

Dieser Funkspruch habe jedoch nur für die von links kommende Fracht-Boeing 757 des Kurierdienstes DHL Sinn gemacht. Nicht aber für die russische Tupolew-154 der Bashkirian Airlines, die den Spruch ebenfalls empfing.

Suche auf der falschen Seite

Nach den russischen Berichten suchte die Besatzung der Tupolew die Boeing etwa zehn Sekunden auf der falschen Seite. «Ob dies so war, wissen wir nicht», sagte Göldner. Es gebe lediglich Hinweise, dass die Piloten die jeweils andere Maschine kurz vor der Kollision gesehen haben. Auf die Zehntelsekunde könne dies jedoch nicht nachvollzogen werden.

In Berichten der russischen Zeitungen «Iswestija» und «Komsomolskaja Prawda» hiess es, der Boeing-Pilot habe die Tupolew erst 3,8 Sekunden vor dem Aufprall gesehen; die Tupolew-Besatzung habe nur 1,8 Sekunden Zeit gehabt.

Es sei auch fraglich, ob das Unglück zu diesem Zeitpunkt durch eine korrekte Adressierung überhaupt noch zu vermeiden gewesen wäre, sagte Göldner. «Wir sind noch voll dabei, den Sachverhalt zu untersuchen». Anfang September erwartet Göldner den nächsten Zwischenbericht. Wann der Abschlussbericht vorliegen wird, stehe noch nicht fest.

Vollständig rekonstruiert hat die BFU nach Angaben ihres Sprechers aber mittlerweile den Funkverkehr beider Flugzeuge vor dem Zusammenstoss. Die endgültigen Protokolle der beiden Flugschreiber und der Stimmenrekorder sowie die schriftliche Aufzeichnung des Flugverkehrs seien fertig gestellt. Göldner warnte erneut vor voreiligen Schuldzuweisungen an die Schweizer Fluglotsen.

Skyguide: Kein Kommentar

Bei Skyguide wollte man zu den jüngsten Informationen aus Russland keine Stellung nehmen. «Für uns sind einzig jene Informationen, welche die deutsche Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig veröffentlicht, massgebend», sagte ein Sprecher auf Anfrage.

swissinfo und Agenturen

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft