Kein Höhenflug mit Agroprodukten
Seit Jahren werfen protestierende Bauern den Grossverteilern in der Schweiz vor, Preissenkungen nicht an die Verbraucher weiterzugeben.
Diese Behauptung ist nun mit einer Untersuchung widerlegt. Die Margen der Detailhändler sind «erschreckend» tief.
Wütende Bauern, die mit ihren Traktoren Verteilerzentren von Migros und Coop blockieren, gerichtliche Nachspiele, beschwichtigende Magistraten, Medienrummel: In den letzten Jahren war der Ärger rund um Preissenkungen für Agroprodukte, die die Schweiz etwas näher an das europäische Preisniveau bringen sollte, stetig gewachsen.
Immer wieder monierten die Produzenten, sie allein seien die Leidtragenden. Und die Konsumentinnen und Konsumenten würden zu wenig vom Preiszerfall profitieren.
Der Hintergrund: Die Schweizerische Landwirtschaft produziert zwar kostenmässig über den Weltdurchschnitt, aber ganz aufgeben möchte man die Agrarproduktion und den Bauernstand auch wieder nicht.
Anderseits bewegen sich die Preise für viele Nahrungsmittel in der Schweiz teils zu sehr über der europäischen Vergleichsmarke. Ein exzessiver Einkaufstourismus über die Grenze ist die Folge, an dem nur der Schweizer Konsument gewinnt.
Pluspunkt für Migros
Vor Jahresfrist hatte die Migros, der schweizerische Detailhandelsgigant Nr. 1, genug von diesen Vorwürfen und lancierte die Agrarplattform, damit «Klarheit und Transparenz bei den Margen» geschaffen werde. Ebenfalls an der Agrarplattform mit dabei sind Produzenten, Verarbeiter und weitere Detailhandelsfirmen.
Mit einer Ausnahme: Coop, Gigant Nr. 2 und stark im Bio-Geschäft, wollte von dieser Agrarplattform nichts wissen und alarmierte sogar die Wettbewerbskommission (Weko).
Die Weko allerdings reagierte unerwartet: Als Resultat werden nun Durchschnittszahlen der Verteiler offengelegt. Sie zeigen, dass sich mit Massenprodukten wie Milch, Fleisch oder Kartoffeln in der Schweiz kaum Geld verdienen lässt.
Ist-Zustand als Anfang
Vor den Medien in Bern wies Urs Riedener, Mitglied der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes, den Vorwurf von unangemessen hohen Margen in einzelnen Bereichen der Nahrungsmittelkette zurück.
Die «Agrarplattform» präsentierte in Bern eine Vollkostenrechnung. «Das Ergebnis ist nüchtern und erschreckend zugleich», so Riedener. So verlieren zum Beispiel bei der Milch sowohl Produzenten (-14 Rappen) als auch Verarbeiter (-18 Rappen) und Verteiler (-9 Rappen). Die Vollkosten der Milchproduktion übersteigen den Milchverkaufspreis trotz der Direktzahlungen.
Den Ist-Zustand habe man nun erhoben. Das sei zwar noch keine Lösung, sagt Riedener, aber eine Basis, um Massnahmen auszuarbeiten. Das ist Aufgabe der Politik, beispielsweise innerhalb der Diskussion um die «Agrarpolitik 07». Schon in der Sondersession nächste Woche wird der Nationalrat, die grosse Kammer, auf diese Probleme eingehen. Sehrwahrscheinlich liegt weder ein Ausbau der Subventionen noch eine Erhöhung der Endverbraucherpreise im Rahmen des Möglichen.
Auch Fleisch nicht lukrativ
Auch beim Fleisch, das in der Schweiz bekanntlich teurer verkauft wird als anderswo, würden sich kaum noch lukrative Verdienstmöglicheiten bieten, sagte Annalisa Meyer, Sprecherin der FocusGruppe Fleisch. Dies gelte für Frischfleisch, Schlachtviehproduktion, Fleischgewinnung und -vermarktung.
Dem Einzelhandel verbleibt zwar noch ein kleiner Gewinn von 47 Rappen je Kilogramm Frischfleisch. Die Vollkostenrechnung jedoch zeigt einen Verlust von 1.34 Franken aus.
Was die Milch betrifft, so seien gemäss Riedener im Detailhandel UHT-Milch und Butter nicht kostendeckend. Beim Emmentaler, Greyerzer und Appenzeller erwirtschaften einige Firmen einen kleinen Gewinn. Die Verluste bei der Milchproduktion und -verarbeitung werden nicht einmal durch die Direktzahlungen wettgemacht.
Kartoffeln werden gemäss der Berechnungen der Agrarplattform in der Schweiz nur noch deshalb angebaut, weil es allgemeine Direktzahlungen dafür gebe.
Kritik: Kein Persilschein
Die Kleinbauern-Vereinigung und die Stiftung Konsumentenschutz haben die Studie zur Margentransparenz bei landwirtschaftlichen Urprodukten kritisiert.
Die Ergebnisse hätten nur beschränkte Aussagekraft und stellten keinen Persilschein für das Einkaufs- und Verkaufsverhalten im Lebensmittelhandel dar.
Lockvogelpolitik als Dumping
In den Detailhandelsketten werden Agrarprodukte mit wenig Wertschöpfung wie zum Beispiel die Massenware UHT-Milch als Lockvögel für die Konsumenten benutzt.
So hat gemäss «Schweizer Bauern» die Migros während 2 Tagen Anfang April UHT-Milch zu Packungen à 1 Liter zum Preis von 7.50 statt 15 Franken verkauft. In diesem Fall erübrigt sich eine Margendiskussion: Denn die Milchkosten sind auf diese Weise zum Marketingfaktor geworden.
swissinfo, Alexander Künzle und Agenturen
Verluste in der Wertschöpfung am Beispiel der Milch:
Landwirt -14 Rappen
Verarbeiter -18 Rappen
Laden (Verteiler) -9 Rp.
Wirtschaftlich sinnvolle Margen werden von Agroprodukten mit höherer Verarbeitung oder von Hygieneprodukten erbracht. Mit diesen Artikeln werden dann im Laden die Massenagroprodukte quersubventioniert.
Streitforum «Agrarplattform»:
– alle werden miteinbezogen (oppositionelle Bauern, Verwaltung, Verbände, Vermittler, Verarbeiter, Detailhandel etc.)
– alle sind gleichberechtigt, Entscheide sind einstimmig
– alle müssen den neutralen Treuhandstellen Einblick gewähren
– Durchschnittszahlen von allen anerkannt
– Zweite Phase startet im Herbst mit dem Erarbeiten von Lösungen
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