«Dann erkläre ich jeweils, dass Neutralität nicht Gleichgültigkeit ist»
Die Neutralität der Schweiz ist nicht immer einfach zu vermitteln, besonders im Ausland. Diese Erfahrung machen viele Schweizerinnen und Schweizer, die dort leben. Wir haben mit ihnen gesprochen.
Die Schweizer Neutralität ist sprichwörtlich, ein Markenzeichen der Schweiz. Im Ausland wird sie manchmal jedoch auch kritisiert. Schweizer:innen, die im Ausland leben, werden regelmässig mit Fragen dazu konfrontiert und müssen erklären, was Neutralität für die Schweiz bedeutet. Davon berichten mehrere Auslandschweizer:innen gegenüber Swissinfo.
«I’m Switzerland» ist in den USA auch eine Redensart. «Hier in den USA hört man das oft, wenn jemand zu einem Thema keine Stellung beziehen möchte», erzählt Auslandschweizerin Ruth Härri aus Florida. Auch sie selbst sage in letzter Zeit häufig: «I’m Switzerland.» Vor allem dann, wenn die US-Politik zum Thema werde. «Mit gewissen Freunden und Nachbarn möchte ich über solche Themen nicht diskutieren, da unsere Meinungen selten übereinstimmen», sagt sie.
Auch Peter Schärer, der in Frankfurt lebt, kennt dieses Klischee, das der Schweiz im Ausland anhaftet. Wenn Diskussionen in seinem Umfeld hitziger würden, höre er oft: «Du bist ja Schweizer, du bist neutral.»
Kritik von Deutschland bis Chile
In den letzten Jahren sei er in Deutschland jedoch auch mehrfach kritisch auf die Schweizer Neutralität angesprochen worden. Anlass war der russische Angriff auf die Ukraine und die Frage der Weitergabe von Schweizer Waffen. «Diese Prinzipienreiterei hat man hier in Deutschland nicht verstanden», erzählt er.
Kritik an der Schweizer Neutralität hört auch Patrick Reolon, der nach Chile ausgewandert ist. «Hier und generell in Südamerika wird die Schweizer Neutralität als wirtschaftlich opportunistisch angeschaut», berichtet er. Die Schweiz verscherze es sich mit niemandem und könne mit allen Geschäfte machen, so das Klischee. «Je nachdem, wen man fragt, gilt das als feige oder als clever», erzählt der Schweizer Auswanderer.
Aus Kroatien schreibt Peter Špari: «Die Neutralität wird hier als Grundstein für den Wohlstand der Schweizer gesehen und nicht als Feigheit oder Mangel an Solidarität.»
Vorurteile korrigieren
Auch in Spanien seien bestimmte Vorstellungen verbreitet. «Die Neutralität wird hier oft als Gleichgültigkeit missverstanden», sagt Sandra Carrasco, die in Nordspanien lebt. «Dies ist das Vorurteil, das ich am häufigsten mitbekomme.»
Die Schweizerin lässt diese Sichtweise jedoch nicht unwidersprochen. «Ich erkläre dann jeweils, dass Neutralität eben nicht Gleichgültigkeit ist. Gerade mit Blick auf auf die Geschichte kann ich sagen, dass es eben um Stabilität geht, um Unparteilichkeit, und dass die Schweiz durchaus auch SanktionenExterner Link verhängen kann», sagt sie.
Für Sandra Carrasco steht zudem fest, dass die Neutralität der Schweiz viel gebracht habe. «Wenn es um Friedensverhandlungen geht und um die internationale Diplomatie, dann ist die Schweiz nach wie vor vorne mit dabei», sagt sie.
Dem pflichtet auch Peter Schärer bei. «Neutralität hat der Schweiz gute Dienste geleistet», sagt er. Allerdings seien wirtschaftliche Interessen manchmal wichtiger, als die eigenen Werte zu verteidigen. «Der Angriff Russlands auf die Ukraine war letztlich auch ein Angriff auf unsere Werte. Andere traditionell neutrale Staaten wie Österreich oder Schweden zeigten Flagge. Wir nicht», sagt Schärer.
«Passt es noch?»
Für ihn ist es denn auch nicht überraschend, dass die Schweiz derzeit über ihre Neutralität diskutiert: «In Friedenszeiten ist Neutralität immer gut, und alle finden sie super. Aber wenn es wirklich ernst wird, sogar mit bewaffneten Konflikten, da wird es schwieriger.»
Ivo Dürr lebt in Österreich, einem Land, das sich ebenfalls zur Neutralität bekennt. Er findet, die Schweiz handhabe die Neutralität als Instrument gut.
«Auch hier in Österreich ist die Neutralität stark in der Bevölkerung verankert», beobachtet Dürr. Der Unterschied? Die Tradition der Neutralität in der Schweiz sei deutlich älter als jene Österreichs. Ausserdem beobachtet er: «In Österreich diskutiert man nicht so darüber, vielleicht traut man es sich nicht», sagt er.
Dass Österreich gar eine Volksabstimmung über die Ausgestaltung der Neutralität durchführen würde, sei daher kaum vorstellbar. Zur entsprechenden Debatte in der Schweiz sagt der Auswanderer: «In der heutigen Welt muss man vieles neu definieren. Insofern ist die Neutralitätsinitiative gar nicht mal so falsch. Sie zwingt uns, darüber zu reden und zu überlegen: Passt das jetzt noch oder müssen wir es anpassen?»
Editiert von Samuel Jaberg
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