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Geschichten der Schweizer Diplomatie Wie ist das Wetter in Bukarest?

Im April 1969 besuchte der Schweizer Bundesrat Willy Spühler Rumänien. Es war das erste Mal, dass ein Schweizer Aussenminister in einem osteuropäischen Land empfangen wurde. Die Reise, die in einer Atmosphäre der Entspannung zwischen dem Sowjetblock und den westlichen Ländern stattfand, markierte einen neuen Kurs in der Schweizer Diplomatie.

Zwei Männer, Schwarzweiss-Foto

Der rumänische Aussenminister Corneliu Mănescu (links) begrüsst Willy Spühler am 18. April 1969 am Flughafen Bukarest.

(SRF-SWI)

"[…] Die Unterhaltung während der beiden Besuche und während des anschliessenden Mittagessens in kleinstem Kreise spielte sich in freundschaftlicher und offener Weise ab. Währenddem Präsident Maurer, jovial und von Vitalität überbordend, sich in seinen Äusserungen wenig Zurückhaltung auferlegte, zeigte sich Präsident Ceausescu als der Partei-Puritaner, der jedes Wort wohl überlegt und abwägt. Es war klar, dass er keinerlei Zweifel aufkommen lassen wollte mit Bezug auf seine politischen Überzeugungen und seine Treue zum kommunistischen Lager. Anderseits hämmerte er aber mit ebensolcher Klarheit und Unmissverständlichkeit den rumänischen Standpunkt der Unabhängigkeit und Souveränität der Nationen sowie der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten heraus […]."

Notizexterner Link von Hans Miesch, Sektionschef des Dienstes Ost des Politischen Departements (EPD), für den Vorsteher des EPD, Willy Spühler, 30. April 1969

Infobox Ende

Mitte der 1970er-Jahre wehte ein frischer Wind durch die Beziehungen zwischen Osteuropa und den Ländern des Westens. Nach der Kubakrise von 1962externer Link war in den beiden Blöcken die Idee aufgekommen, eine gemeinsame Grundlage für den Dialog zu finden, um das Risiko von Konflikten zu verringern.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über "Geschichten der Schweizer Diplomatie", die wir in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis) realisieren.

Die Forschungsstelle ist ein Institut der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften und ein unabhängiges Kompetenzzentrum für die Geschichte der schweizerischen Aussenpolitik und der internationalen Beziehungen der Schweiz seit der Gründung des Bundesstaats 1848.

(Dodis)

Im Juli 1966 hatten sich die Länder des Warschauer Paktsexterner Link im Zusammenhang mit der Bukarester Erklärung ein Klima der Entspannung in ihren Beziehungen zu den westeuropäischen Ländern erhofft. Sie schlugen die Einberufung einer kontinentalen Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit vor.

Es war nicht das erste Zeichen in diese Richtungexterner Link, das von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs kam. Und die Botschaft wurde auch in Bern empfangen. Kurz nach der Bukarester Erklärung forderte der sowjetische Botschafter die Schweiz ausdrücklich aufexterner Link, sich den Bemühungen um Entspannung in Europa anzuschliessen.

Durch diese neue Dynamik in den internationalen Beziehungen musste auch die Schweizer Diplomatie ihre Beziehungen zu Osteuropa überdenken. Und die Frage eines möglichen Besuchs in einem Land des kommunistischen Blocks wurde aufgeworfen.

Minister, die nicht reisen

"Im Prinzip reisten die Bundesräte damals nicht oft ins Ausland", sagt Thomas Bürgisser, Mitarbeiter der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweizexterner Link (Dodis). Die republikanische Tradition der Schweiz sei wenig geneigt gewesen, Aufgaben der politischen Vertretung im Ausland an Regierungsmitglieder zu delegieren.

Willy Spühler in einer Karikatur der satirischen Wochenzeitung Nebelspalter, 1967.

(Nebelspalter)

Natürlich gab es Ausnahmen, und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg war die Teilnahme an Ministerkonferenzen oder multilateralen Treffen zu einer häufigen und allgemein anerkannten Praxis geworden (ein Essay des Historikers Georg Kreis zum Thema ist online verfügbarexterner Link).

Besuche der Schweizer Aussenminister in anderen Ländern wurden jedoch weiterhin mit Argwohn betrachtet. Dies war zumindest teilweise ein Vermächtnis aus jener Zeit, als die Leitung der Diplomatie in der Verantwortung des jeweiligen Bundespräsidenten lag, und es wurde die Meinung vertreten, dass der Bundespräsident das Land nicht verlassen sollte. "Die Reisen der Aussenminister konnten sich nicht nur auf technische Fragen beschränken, sondern erhielten auch eine politische Bedeutung", so Bürgisser.

Die Frage, ob die diplomatische Praxis angepasst werden sollte, namentlich im Hinblick auf die Länder des kommunistischen Blocks, wurde 1966 mehrfach diskutiert. In den Diskussionen wurde jedoch der traditionelle Ansatz bestätigtexterner Link.

"Der Schweizer hat einen Horror vor allzu beweglichen Leuten und vor politischem Geschwätz; auch lässt er sich nicht gerne Sand in die Augen streuen. Bleiben wir also bei unserer diskreten und seriösen Diplomatie, und diese eignet sich nicht für spektakuläre Besuchsreisen", notierte Antonino Jannerexterner Link, Stellvertreter des Chefs der Abteilung für Politische Angelegenheiten des Politischen Departements.

Kommunisten, aber unabhängig

Bundesrat Willy Spühlerexterner Link, der 1966 die Leitung des Eidgenössischen Politischen Departements (EPD, das spätere Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten, EDA) übernommen hatte, hielt sich zunächst an die Empfehlungen seiner Beamten. 1967 besuchte er Österreichexterner Link und Schwedenexterner Link, zwei neutrale Länder, die aus diplomatischer Sicht zu keinen Problemen führten. Die Idee einer Reise nach Osteuropa wurde jedoch nur verschoben.

Im selben Jahr brach Rudolf Gnägi, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Verkehr und Energie, das Eis: Er reiste zur Einweihung des Linienflugs der Swissair zwischen Zürich und Moskauexterner Link in die Sowjetunion. Es war eine repräsentative Reise, ohne diplomatische Gespräche, aber sie war trotzdem ein Präzedenzfall.

In den folgenden Monaten reifte im EPD das Projekt einer Reise Spühlers nach Rumänien. "Rumänien war für die Schweiz besonders interessant, weil es Teil des Warschauer Pakts war, aber einer von Moskau sehr unabhängigen Linie folgte", sagt Bürgisser.

Im Februar 1969 schlug der rumänische Botschafter Spühler vor, im April sein Land anlässlich einer Schweizer Industriemesse in Bukarest zu besuchen. Das EPD ergriff diese günstige Gelegenheitexterner Link: "Ein solcher Besuch würde auch weniger Aufsehen erregen als eine eigentliche Staatsvisite", hiess es.

Geistlicher und Zivilist, Schwarzweiss-Foto

Der Schweizer Aussenminister Willy Spühler besucht das Kloster Cozia in Rumänien.

(SRF-SWI)

Tauwetter

Am Abend des 18. April traf der Schweizer Aussenminister in Bukarest ein. Am nächsten Tag traf er seinen rumänischen Amtskollegen Corneliu Mănescuexterner Link. Die Diskussionen konzentrierten sich vor allem auf den Entwurf der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, ein Thema, das in den folgenden Jahren im Mittelpunkt der intensiven Arbeit der Schweizer Diplomatieexterner Link stehen würde.

Weitere bilaterale und internationale politische Fragen wurden in Gesprächenexterner Link mit dem rumänischen Premierminister Ion Gheorghe Maurer und dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Rumäniens, Nicolae Ceaușescu, diskutiert.

Das Treffen mit Ceaușescu war symptomatisch für die Vorsicht, mit der die Vertreter der beiden Länder einander begegneten: "Einleitend […] beginnt Präsident Ceausescu vom langen Winter zu reden, wobei der Departementschef dieses Thema in einer Art und Weise aufgreift und weiterspinnt, die dazu führt, dass Gastgeber und Gast sich – sous-entendu natürlich – plötzlich nicht mehr über das Wetter, sondern über die Politik unterhalten."

Aus Sicht der bilateralen Beziehungen hatte der Besuch des Schweizer Aussenministers in Bukarest relativ bescheidene Auswirkungen. "Aber Spühlers Weg war der Beginn einer Normalisierung der Schweizer Aussenpolitik", sagt Dodis-Direktor Sacha Zala. "Die Teilnahme an der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa war ein entscheidender Schritt in der Entwicklung der schweizerischen Aussenpolitik zu mehr Offenheit."


(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

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