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Sanierungsfall Simplon

Während des Brandes wurden im Tunnelinnern Temperaturen von bis zu 800 Grad gemessen.

(Keystone)

Der über 100-jährige Simplontunnel muss in den nächsten Monaten und Jahren umfassend saniert werden. Das stand schon vor dem Güterzug-Brand am letzten Donnerstag fest. Lokomotivführer fordern schärfere Sicherheitsmassnahmen in langen Tunnels.

Der Verband Schweizer Lokomotivführer und Anwärter (VSLF) verlangt vom Bundesamt für Verkehr (BAV) ein Obligatorium für eine so genannte Notbremsüberbrückung und Notbremsanforderung auf allen Personenzügen, die durch über 4 Kilometer lange Tunnels fahren. Einzig für den Lötschberg-Basistunnel besteht heute eine Vorschrift, wonach alle Reisezüge damit ausgestattet sein müssen.

Mit dieser Vorrichtung könne ein Lokführer einen Zug aus einem Tunnel fahren, auch wenn ein Passagier die Notbremse gezogen habe. Im Brandfall sei dies entscheidend, um Reisende aus dem Tunnel und damit in Sicherheit zu bringen.

Lokführer müssen technikgläubig sein

Die Bilder vom Güterzug-Brand im Simplon erinnern SBB-Lokomotivführer Hubert Giger, der auch Präsident des VSLF ist, an die Verantwortung, die man im Führerstand hat. "Sie mahnen einen zur Vorsicht, vor allem vor Fahrten durch einen Tunnel", sagt er gegenüber swissinfo.ch. "Es ist eine Art Warnung, die Arbeit korrekt und sauber auszuführen, damit so etwas nach Möglichkeit nicht geschieht."

Verunsichert nach dem Unfall im Simplon fühlt sich Giger eigentlich nicht. "Ein Lokomotivführer muss technikgläubig sein, er muss sich auf die Signale, auf die Vorschriften verlassen können. Das System Eisenbahn funktioniert so. Die Angst ist kein guter Berater für die Arbeit im Führerstand."

Einsam im Führerstand

Wie fühlt man sich, wenn man als Lokführer ganz allein mit einem Güterzug durch einen langen Tunnel fährt? Hubert Giger (lacht): "Einsam ist man sowieso im Führerstand. Man ist verantwortlich für den Zug, ob dieser nun Reisende oder Waren transportiert oder leer ist. Man muss die Signale, die Vorschriften beachten."

Bei einem Güterzug mache man sich schon Gedanken: "Wenn man Gefahrengut transportiert, ist das schon ein spezielles Gefühl."

Für die Rettung, Störungen oder Unregelmässigkeiten sei ein Güterzug aber einfacher zu handhaben, weil man sich nicht um Reisende kümmern müsse. "Deshalb ist man in gewissen Problemsituationen als Lokführer mit einem Güterzug ein bisschen entspannter als mit einem Reisezug."

Mehr Sicherheit

Nach dem Güterzug-Brand prüfen die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) nun, ob gewisse Reparaturen im Rahmen der Sanierungsarbeiten durchgeführt werden können. Der über 100-jährige Simplontunnel muss demnächst umfassend saniert werden. Die entsprechende Bewilligung des BAV wird für diesen Herbst erwartet. Geplant sind Arbeiten im Umfang von 135 Millionen Franken. Sie sollen 2014 abgeschlossen werden.

Bei den Sanierungsarbeiten geht es um die Erhöhung der Sicherheit. Mit dem Bau von Verbindungsstollen zwischen den beiden Röhren sollen die Evakuierungsmöglichkeiten für Zugspassagiere im Notfall verbessert werden.

Auch Kabel, Beleuchtung und Ventilation müssen erneuert werden. Laut SBB-Sprecher Christian Ginsig hätten die Rauchschäden aber auch mit einer neuen Ventilationseinrichtung nicht verhindert werden können.

Wenn ein Brand ausbreche, eine Schnellbremsung erfolge und man nicht mehr weiter fahren könne, habe das wenig mit der Ausrüstung eines Tunnels zu tun, ergänzt Lokomotivführer Hubert Giger.

Viel alte und dunkle Tunnels

Die Schweiz sei punkto Tunnelsicherheit gesamteuropäisch nicht im Rückstand, sagt der VSLF-Präsident. In Europa existierten heute vor allem im Metro-Bereich und auch im Kanaltunnel von Frankreich nach England sehr hohe Sicherheitsvorschriften.

"Die Schweiz ist insofern ein bisschen speziell, als wir viele sehr lange Tunnels haben, und diese sind alt und dunkel. Deshalb wäre es an der Zeit, unsere geforderten Sicherheitsmassnahmen zu verwirklichen und die Notbremsüberbrückung grundsätzlich einzuführen bei langen Tunnels."

Auch Beleuchtung und Beschilderung seien wichtig, ob man einen Gehweg habe oder auf dem Schotter laufen müsse. "Die alten Tunnels sind sehr eng. Viel wichtiger ist aber, dass man bei einem Brand weiter fahren kann. Wenn man im Tunnel ohne Rettungsstollen bei einem Brandfall zu Fuss unterwegs ist, hat man keine Chance", so Giger.

Ein Zug sei im Tunnel statistisch gesehen zwar sicherer unterwegs als ausserhalb des Tunnels. "Falls es aber zu einem Brand kommt, ist das katastrophal, das hat der Fall Simplon eindrücklich gezeigt."

Noch Monate lange Reparaturarbeiten

Mittlerweile läuft der Zugsverkehr durch den Simplontunnel wieder fast normal. Möglich machte dies die Öffnung des Tunnels auf drei Vierteln: Weil sich in der Tunnelmitte eine Kreuzung befindet, kann auch die unbeschädigte Nordhälfte jener Röhre befahren werden, in der sich der Brand ereignet hatte.

Durchgängig befahrbar wird die beschädigte Röhre wegen den Reparaturarbeiten aber noch über Monate nicht sein.

Kostenfrage noch ungeklärt

Schuld am Feuer war eventuell eine schlecht befestigte Abdeckung am Güterwaggon, der im Tunnel in Brand geriet. Es wird untersucht, ob eine Abdeckung die Fahrleitung berührt und sich dadurch entzündet hat.

"So lange die Brandursache nicht genau bekannt ist, wissen wir nicht, wer was bezahlen muss", sagte SBB-Chef Andreas Meyer am Montag in Brig. Die Brandstelle ist auf italienischem Boden, der brennende Güterzug gehörte der BLS und die Fracht darauf Dritten. Der Simplontunnel ist im Besitz der SBB.

Vorrang für Güterverkehr

Im Simplontunnel ist die Bergung des ausgebrannten Güterzuges für diese Woche unterbrochen worden. Die SBB wollen möglichst viel Kapazität für Güterzüge im Simplon schaffen, damit die seit dem Brand am Donnerstag aufgelaufenen Verspätungen aufgeholt werden können. Mehrere Güterzüge warten in Deutschland und in Italien darauf, den Simplon passieren zu können. Deshalb erhält der Güterverkehr Priorität.

Weil für die Bergungsarbeiten eine der beiden Röhren vollständig gesperrt werden müsste, könnten weniger Züge durch den Tunnel geführt werden, nämlich lediglich 5 pro Stunde statt wie zurzeit 7. Die SBB wollen nun ein detailliertes Konzept erstellen, um den Unglückszug zu bergen. Umgesetzt werden kann es laut SBB frühestens ab kommendem Montag.

Zurzeit können fünf Güter- und zwei Personenzüge pro Stunde durch den Simplontunnel fahren. Um den internationalen und regionalen Verkehr zu kombinieren, fahren die internationalen Züge nicht durch den Tunnel. Reisende müssen zwischen Brig und Domodossola in Extrazüge umsteigen. Die Anschlüsse sind gewährleistet.

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Verlagerung auf die Strasse

Der Brand im Simplontunnel und seine teilweise Sperrung hatte zur Folge, dass die Lastwagen der Rollenden Autobahn auf die Strasse ausweichen.

Allerdings sollten 90% der Rola-Züge ab Mitte kommender Woche wieder durch den Simplon rollen. Die Befürchtungen, wonach der Güterverkehr während der Reparaturarbeiten eingeschränkt werde, habe sich nicht bewahrheitet, sagte RAlpin-Chef René Dancet. Bis Mitte Woche rechnet er mit weiteren Ausfällen und schätzt die Gesamtzahl auf rund 80 Züge und etwa 1200 Lastwagen, die nicht hätten transportiert werden können. Diese seien auf der Strasse an ihren Bestimmungsort gefahren.

Die wirtschaftlichen Einbussen kann Dancet noch nicht beziffern. Er relativiert sie allerdings: Jährlich komme es auf der Rola zu drei bis vier Unterbrüchen aufgrund von Streiks oder Naturereignissen. Einnahmeausfälle von wenigen Tagen hätten deshalb "nicht eine so grosse Auswirkung".

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swissinfo.ch

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