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Tschetschenischer Oligarch erwirbt Neuchâtel Xamax

Spieler und Fans von Xamax feiern am 1. Mai den Heimsieg über St. Gallen.

(Keystone)

Der tschetschenische Milliardär Bulat Tschagajew wird Besitzer des Schweizer Super League Clubs Neuchâtel Xamax. Tschagajew ist ein Vertrauter des früheren tschetschenischen Warlords und heutigen Präsidenten der Teilrepublik, Ramsan Kadyrow.

Er wolle den verschuldeten Club, der kurz vor Saisonschluss in der Super League auf dem drittletzten Platz liegt, bis in die Uefa Champions League führen, lässt Tschagajew verlauten.

"Neuchâtel Xamax freut sich, die Übernahme des renommierten Clubs durch den Geschäftsmann Bulat Tschagajew bekannt zu geben", erklärte der zweimalige Schweizer Meister in einer Mitteilung letzte Woche.

Über den Kaufpreis wurde nichts bekannt. An einer Generalversammlung von Xamax am 12. Mai muss das Geschäft noch offiziell abgesegnet werden. Dies ist aber nur eine Formsache, Tschagajew übernimmt das Mehrheitsaktien-Paket des bisherigen Präsidenten Sylvio Bernasconi.

"Ich bin sehr glücklich darüber, Neuchâtel auf den nationalen Siegespfad führen zu können", erklärte Tschagajew. "Mit einem motivierten, gut vorbereiteten Team werden wir uns rasch den Herausforderungen in Europa stellen, angefangen mit der Champions League."

Tschagajew wird den Verein nicht selber präsidieren, sondern die Aufgabe seinem Vertrauensmann Andrei Rudakow überlassen. Der ehemalige Spieler von Spartak Moskau und FC Fribourg wird als Bindeglied zu Tschagajew agieren, der selber weder Französisch noch Englisch spricht.

Der schwerreiche neue Besitzer gilt als begeisterter Fussball-Fan. In den 1980er-Jahren spielte er in der tschetschenischen Liga bei Terek Grosny. Noch heute ist er dort Vizepräsident und seit Dezember 2010 ist seine Firma Hauptsponsor von Terek Grosny.

Im Januar 2011 verpflichtete Tschagajew den Niederländer Ruud Gullit als Trainer von Terek Grosny. Trotzdem liegt der Club bisher in der russischen Sogaz Championship nur auf dem niedrigen 11. Rang.

Schweizer Geschäfte

Der verschwiegene Tschetschene hat seine Kontakte in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten aufgebaut: 1987 war er zuerst nach Zug gekommen, später zog er nach Genf um. Seit 1991 wohnt er in der Gemeinde St. Sulpice im Westen Lausannes am Genfersee. Die meisten Details seiner Geschäfte bleiben bis heute im Dunkeln.

In der Schweiz besitzt er zwei Firmen mit Sitz in Genf, Dagmara Trading und Envergure Holding, die sich offenbar um seine Öl- und Gashandelsgeschäfte, Immobilien und sein Bauimperium kümmern.

In einem Interview am Donnerstag mit dem Westschweizer Fernsehen (TSR) weigerte sich Tschagajew, Angaben zur Höhe seines Vermögens zu machen: "Ich weiss es nicht, denn ich zähle mein Geld nie, auch nicht das von anderen Leuten." Angeblich soll er mehrere Milliarden Franken schwer sein.

Auf die Frage, ob seine Investition einfach eine Art Geldwäscherei sei, antwortete er: "Ich weiss nicht was sauberes oder schmutziges Geld sein soll. Geld hat keinen Familiennamen und kein Land – es ist einfach Geld."

Tschagajew bestätigte, dass er dem umstrittenen tschetschenischen Präsidenten Kadyrow nahe steht, der auch Präsident von Terek Grosny ist. Menschenrechts-Organisationen werfen Kadyrow immer wieder Verstösse gegen die Menschenrechte vor. "Er ist wie ein Bruder für mich", erklärte Tschagajew in dem Interview.

Gemischte Gefühle

Unter Xamax-Fans stiess die Nachricht der Übernahme des Clubs auf gemischte Reaktionen.

"Es ist nicht die beste Lösung, aber wir hatten kaum eine andere Wahl", erklärte etwa der einheimische Fan Jean Robert gegenüber swissinfo.ch und verwies unter anderem auf die Finanzprobleme des Clubs. Er stelle sich jedoch zu Tschagajew schon gewisse Fragen, fügte er hinzu.

Walter Gagg, Ehrenmitglied von Xamax und FIFA-Direktor, erklärte gegenüber der Neuenburger Zeitung L'Express: "Einerseits bin ich froh, dass nach dem Rücktritt von Sylvio Bernasconi jemand die Zügel übernimmt". Dennoch wolle er versuchen, noch etwas mehr über den tschetschenischen Investor zu erfahren.

"Geld ist gut, aber es braucht auch Kompetenz. Zurzeit ist das bei Xamax nicht immer der Fall, vor allem im technischen Bereich und was Transfers angeht."

Positiver äusserte sich der ehemalige Xamax-Präsident Gilbert Fachinetti: "Die Ankunft dieses Investors ist die einzige Lösung. Es spielt keine Rolle, ob es sich um Tschetschenen oder Deutsche handelt. Hauptsache der Club überlebt."

In einem Kommentar der Freitagsausgabe von L'Express hiess es, der jetzige Besitzer gehe ein "grosses Risiko" ein. Zudem wurden die Erfolgsraten bei Übernahmen durch Ausländer hinterfragt.

"In der Schweiz sind alle versuchten Übernahmen durch ausländische Investoren kläglich gescheitert: Sei es Marc Roger beim FC Servette, Waldemar Kita beim FC Lausanne Sport, Gilbert Kadji beim FC Sion, Alain Pedretti bei Xamax oder Antonio Tacconi beim FC La Chaux-de-Fonds", hiess es in dem Kommentar.

Riskantes Geschäft

Auch der kantonale Neuenburger Finanzminister Jean Studer hat seine Zweifel: "Neuchâtel Xamax hat eine lange lokale Geschichte, und dieser Kauf durch fremde Investoren" wecke beim ihm wie bei vielen Neuenburgern gewisse Bedenken.

"Der Kanton ist vielleicht zu klein und kann nicht auf seine eigenen Ressourcen zählen, wenn er im Wettbewerb in der obersten Etage mithalten will."

Edmond Isoz, der Direktor der Swiss Football League, bezeichnete den Entscheid als "riskant". Gleichzeitig erklärte er aber, dass die Handlungen Tschagajews nicht vorverurteilt werden sollten.

"Er besitzt Firmen in der Schweiz und respektiert theoretisch die Gesetze dieses Landes", sagte Isoz gegenüber swissinfo.ch. "Offensichtlich könnten seine Beziehungen zum tschetschenischen Präsidenten zu Problemen führen. Aufgabe der Liga ist es, sich um das Management der Meisterschaft zu kümmern." Man sei nicht da, um politische Meinungsäusserungen abzugeben.

Alain Bovard, Sprecher von Amnesty International, wollte den Fussball-Deal insgesamt nicht kommentieren, erklärte aber: "Wir können nur bestätigen, dass er einen schlechten Umgang pflegt."

Neuchâtel Xamax

Neuchâtel Xamax ging 1970 aus dem Zusammenschluss von zwei Clubs hervor. Zweimal wurde der Verein Schweizer Meister: 1987 und 1988.

Sylvio Bernasconi, seit Juni 2005 Präsident und Besitzer des Clubs, hatte bereits im letzten Jahr seinen Rücktritt auf Ende der laufenden Saison angekündigt.

Es wird davon ausgegangen, dass Bernasconi in den vergangenen Saisons jeweils geholfen hatte, die Schulden des Clubs zu tilgen, deren Ausmass nicht bekannt ist.

Neuchâtel Xamax findet sich zurzeit mit dem achten Platz in der Swiss Super League am unteren Tabellenende, ein allfälliger Abstieg ist noch nicht ganz ausgeschlossen.

Der Club liegt – vier Spiele vor Ende der Saison – nur drei Punkte vor dem Schlusslicht St. Gallen und zwei vor Bellinzona, das derzeit auf dem Barrageplatz liegt.

Hingegen hat Neuchâtel Xamax den Einstieg in den Schweizer Cupfinal geschafft und tritt am 29. Mai gegen den FC Sion an.

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(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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