Schweizer Frauen unter Still- und Abstilldruck

Stillende Frauen demonstrieren 2014 im Rahmen der Weltstillwoche. Keystone / Laurent Gillieron

Frauen in der Schweiz wollen stillen: 95% geben ihrem Kind nach der Geburt die Brust. Danach brechen allerdings viele ab. Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen 2 Jahre sind in der Schweiz kulturell nicht umsetzbar.

Dieser Inhalt wurde am 14. September 2019 - 14:00 publiziert

Weltstillwoche

Vom 14. bis 21. September ist Weltstillwoche. Das diesjährige Motto lautet: "Eltern unterstützen, Stillen erleichtern!"

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In der Schweiz engagieren sich mehrere Organisationen für die Stillförderung. Auch der Staat fördert das Stillen: In manchen Kantonen erhalten Mütter eine "Stillprämie", wenn sie mindestens 10 Wochen gestillt haben. Aufgrund eines WHO-Abkommens sind Pulvermilch-Hersteller in der Schweiz gesetzlich verpflichtet, auf den Packungen zu vermerken, dass Muttermilch der künstlichen Milch überlegen ist. "Stillen ist das Beste für Ihr Kind", liest deshalb eine junge Mutter, wenn sie zur Pulvermilch greift.

Die Förderung – oder der Druck, je nach Sichtweise – zeigt Früchte: Während in den 1970er-Jahren eine Mehrheit der Frauen ihren Babys das Fläschchen gab, stillen inzwischen 95% der Frauen in der Schweiz nach der Geburt.

Stillförderung oder Stillterror?

Die Still-Euphorie geht so weit, dass manche Frauen von "Stillzwang" oder "Stillterror" sprechen. Frauen, die nicht stillen können, fühlen sich stigmatisiert. "Die intensive Stillförderung bezieht sich auf die Optimierung der Rahmenbedingungen, keinesfalls soll Druck auf die Mütter ausgeübt werden", beteuert Christine Brennan von der Stillförderung Schweiz.

Brennan erklärt die hohe initiale Stillrate damit, dass sich Mütter in der Schweiz bewusst seien, dass Stillen gut für ihr Kind ist. Aber: "Mit den ersten Schwierigkeiten sinkt die Rate bereits nach wenigen Wochen." Viele Mütter stillten auch bei Wiederaufnahme der Arbeit ab, weil sie sich ihrer Rechte zum Stillen am Arbeitsplatz nicht bewusst seien oder glaubten, es lasse sich organisatorisch nicht einrichten.

Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Statistik, dass viele Frauen in der Schweiz trotz des gesellschaftlichen Drucks das Stillen abbrechen. Nach fünf bis sechs Monaten gehört die Schweiz nicht mehr zu den Musterschülerinnen:

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Eine Mitursache für die kürzere Stillzeit sieht Brennan darin, dass der Mutterschaftsurlaub in der Schweiz mit 14 Wochen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern kurz ist.

Stillen am Arbeitsplatz

Stillende Mütter haben in der Schweiz im ersten Lebensjahr des Kindes Anspruch auf bezahlte Stillpausen am Arbeitsplatz. Sie dürfen sich entweder das Kind zum Stillen bringen lassen oder die Milch abpumpen. Laut Stillförderung Schweiz und der La Leche League Schweiz fordern viele Frauen dieses Recht nicht ein. Für den Arbeitgeber stellt eine stillende Mutter eine finanzielle Belastung dar, was gerade für Kleinbetriebe zum Problem werden kann. Die Parlamentarierin Maya Graf fordert deshalb in einer Motion, dass bezahlte Stillpausen durch die Erwerbsersatzordnung finanziert werden.

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Langzeitstillen ist ein Tabu

Annette Saloma von der La Leche League Schweiz beobachtet gar einen "Abstilldruck". "Wenn eine Frau Schwierigkeiten beim Stillen hat, wird sie von ihrem Umfeld oft dazu ermuntert, abzustillen", erklärt sie. Im Unterschied zu anderen Ländern fehle die Unterstützung durch weibliche Verwandte. "Anderswo wird das Wissen rund um das Stillen von Generation zu Generation weitergeben. In der Schweiz war Stillen früher eine Zeitlang verpönt, daher haben viele Mütter und Grossmütter der heutigen jungen Frauen nicht gestillt."

Die WHO empfiehlt, Kindern bis mindestens zwei Jahre neben fester Kost die Brust zu geben, weil dies wichtig für optimales Wachstum, Gesundheit und Verhaltensentwicklung sei. Von diesem Ziel ist die Schweiz weit entfernt, nicht einmal die Kinderärzte empfehlen ein solches Langzeitstillen. "In unserer Kultur ist ein gestilltes Kleinkind ein ungewohnter Anblick", sagt Saloma. 

Langzeitstillen ist in der Schweiz geradezu ein Tabu; Mütter riskieren bei langjährigem Stillen den Vorwurf des Kindsmissbrauchs. Viele Langzeitstillende geben ihrem Kind daher heimlich die Brust - zumal unbedecktes Stillen in der Öffentlichkeit ohnehin verpönt ist. "Bei uns fehlen Vorbilder", bedauert Saloma. In anderen Kulturen sei Langzeitstillen völlig selbstverständlich.

Milchbanken

Seit über 100 Jahren gibt es Muttermilchbanken. In den 1980er-Jahren wurden allerdings viele geschlossen – aus Angst vor der Übertragung des HI-Virus. In der Deutschschweiz führen heute einige Spitäler Milchbanken mit Spendermilch für Frühgeborene. Auf Online-Plattformen verschenken oder verkaufen Mütter ihre Milch auf privater Basis. Der Bundesrat erachtet Letzteres als problematisch, weil die Milch nicht pasteurisiert und auch nicht auf Krankheitserreger getestet ist.

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