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Gefährderter Hai auf Schweizer Tellern – wie ist das möglich?

Ein Rischer wirft einen Hai ins Meer
Es ist keine Option, einen Dornhai wegzuwerfen, wenn sein Fleisch in Europa einen guten Markt findet. AP Photo/Stephan Savoia

Obwohl neue Vorschriften den Import von Haifischfleisch einschränken, findet es immer noch seinen Weg auf Schweizer Teller. Das sind die Gründe.

«Sopa de cação» ist eine portugiesische Delikatesse, die vermutlich aus der Region Alentejo stammt. Es handelt sich um eine reichhaltige Knoblauch-Koriander-Brühe, die mit Mehl angedickt und mit Essig, gemahlenem Paprika und Lorbeerblättern gewürzt wird.

Es ist ein einfaches Gericht, das sich leicht mit Zutaten aus jedem Schweizer Supermarkt oder Lebensmittelgeschäft zubereiten lässt – mit Ausnahme vielleicht einer exotischen Zutat: Scheiben vom Dornhai.

Dieser kleine, am Meeresgrund lebende Hai, kommt an den Küsten des nördlichen Pazifiks und Atlantiks vor. Er ist weltweit als gefährdet eingestuft und sein Handel ist stark eingeschränkt, was bedeutet, dass die Schweiz ihn nicht importieren dürfte.

Swissinfo fand jedoch gefrorene Filets von Dornhai oder Glatthai (Mustelus mustelus) in einem Lebensmittelgeschäft in Genf, das die grosse portugiesische Diaspora in der Schweiz beliefert.

Portuguese Sopa de cacao. Sopa de cacao - traditional Portuguese specialty made with slices of dogfish shark
«Sopa de cação», eine traditionelle portugiesische Spezialität, die mit Scheiben von Dornhai zubereitet wird. Dreamstime.com

Haifischfleisch ist seit langer Zeit in den Regalen der Lebensmittelgeschäfte europäischer Länder erhältlich, auch in der Schweiz– manchmal, ohne dass die Konsumentinnen und Konsumenten es wissen.

Doch damit könnte bald Schluss sein. Da viele Haiarten auf der Liste der gefährdeten Arten stehen und Haifischfleisch zudem mit Schwermetallen belastet ist, will die EU den Handel damit weiter einschränken. In der Schweiz läuft eine parlamentarische Initiative, um den Handel mit Haifischfleisch und Rochenfleisch komplett zu verbieten.

«In der Schweiz bekommt man ein Kilo für weniger als 15 Franken. Einige Menschen sind daran gewöhnt, Haifischfleisch zu essen, und suchen gezielt danach. Andere kaufen es jedoch versehentlich, da es auf dem Etikett oft nicht transparent genug angegeben ist oder weil es in verarbeiteten Meeresfrüchten enthalten ist», sagt Laurianne Trimoulla von Gallifrey, einer Schweizer Venture-Philanthropy-Stiftung.

Europas Haifischfleischhandel

Der Handel mit Haifischfleisch in Europa ist ein relativ neues Phänomen, das mit der chinesischen Nachfrage nach Haifischflossen zusammenhängt, die als Delikatesse gelten.

Den Haien wurden noch auf den Fischkuttern die Flossen abgetrennt und sie wurden zurück ins Meer geworfen, ein Vorgehen, dass die Haipopulation seit der Jahrtausendwende weltweit dezimiert hat

Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) stammten zwischen 2000 und 2008 durchschnittlich 13,4% der weltweit gemeldeten Haifischfänge aus vier europäischen Ländern: Spanien, Frankreich, Portugal und Grossbritannien.

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Um die Haipopulation in europäischen Gewässern zu schützen, verpflichtete die Europäische Union im Jahr 2003 die Fischereiboote dazu, alle gefangenen Haie – egal, ob es sich um Beifang handelte oder die Haie absichtlich gefangen wurden – mit intakten Flossen zurück zum Hafen zu bringen. Dadurch nahmen die Haie mehr Platz im Boot ein, sodass pro Fahrt weniger Haie gefangen werden konnten.

Doch was sollte mit den Kadavern nach Entfernung der wertvollen Flossen geschehen, nachdem die entfernt worden waren? Das Haifischfleisch wurde exportiert, jedoch zu einem sehr niedrigen Preis.

Laut WWF lag dieser zwischen 2012 und 2019 bei acht Rappen pro Kilo, was zur Entwicklung eines Haifischfleischmarkts in Europa führte, wobei Länder wie Italien bis zu vier US-Dollar pro Kilo zahlten.

In diesem Zeitraum entfielen 22% des weltweiten Handels mit Hai- und Rochenfleisch im Wert von 2,6 Milliarden US-Dollar auf Europa. Das war mehr als der weltweite Handel mit Haifischflossen, der sich zu dieser Zeit auf rund 1,5 Milliarden US-Dollar belief.

In der Folge wurden bestimmte Haiarten durch Fischereiflotten regional dezimiert. So ging beispielsweise der Fang von Heringshaien in Norwegen weiter zurück. Verglichen mit 1936 war der Bestand 2005 um 99% reduziert; die Population im Nordostatlantik gilt als vom Aussterben bedroht.

Der Dornhai (Squalus acanthias), der in Grossbritannien für Fish and Chips und in Deutschland für eine geräucherte Delikatesse namens SchillerlockeExterner Link verwendet wird, wurde so stark überfischt, dass 2011 in den Gewässern der Europäischen Union ein Fangverbot eingeführt wurde, das bis 2023 Bestand hatte.

Irreführende Etiketten

In der Schweiz wird Haifischfleisch regelmässig falsch gekennzeichnet, wodurch die Konsumentinnen und Konsumenten in die Irre geführt werden.

«Die Schweiz hat in den letzten 35 Jahren 609 Tonnen Produkte aus Haien und Rochen, also der Familie der Elasmobranchier, importiert und tut dies auch heute noch. Haifischfleisch wird jedoch oft unter irreführenden Namen wie Dornhai, Glatthai, Stechrochen oder Hundshai verkauft», sagt Trimoulla.

Swissinfo fand im erwähnten Laden gefrorene Glatthai-Filets, die fälschlicherweise als «chien de mer» (französisch für Dornhai) gekennzeichnet waren. Gemäss der offiziellen Namensliste des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen lautet die korrekte französische Bezeichnung für den Glatthai «émissole lisse».

Dies deutet darauf hin, dass der Schweizer Importeur des Haifischfleischs aus Portugal die Lieferung falsch gekennzeichnet hat. Eine andere Bezeichnung, die auf Etiketten in der Schweiz verwendet wird, ist beispielsweise der deutsche Ausdruck «Schillerlocke».

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Die meisten Europäerinnen und Europäer sind sich der Rolle ihres Landes im globalen Handel mit Haifischfleisch nicht bewusst.

So ergab eine Umfrage unter 900 Italienerinnen und Italienern im Raum Mailand im Jahr 2024, dass 65% der Befragten nicht glaubten, dass Haifischfleisch in Italien legal verkauft wird.

Die Mehrheit identifizierte China und Japan als die Hauptabnehmer von Haifischfleisch. Nur 4% waren sich der bedeutenden Rolle Italiens in diesem Handel bewusst.

Nur etwa 8% der Befragten gaben an, Haifischfleisch gekauft zu haben. Mehr als ein Viertel gab jedoch an, unwissentlich Haifischarten unter einem anderen Namen, wie beispielsweise Smeriglio (Heringshai), Spinarolo (Dornhai), Palombo (Glatter Hundshai), Mako (Kurzflossen-Mako) oder Gattuccio (Kleinfleckiger Katzenhai), verzehrt zu haben.

Dies deutet darauf hin, dass Fans von Meeresfrüchten sich oft nicht darüber im Klaren sind, dass sie Haifischfleisch konsumieren, es sei denn, das Wort «Hai» ist auf dem Etikett in ihrer Sprache angegeben.

DNA-Analysen von in den USAExterner Link und Brasilien verkauftem HaifischfleischExterner Link haben gefährdete Arten identifiziert, die nicht auf den Etiketten angegeben waren.

Auswirkungen auf die Gesundheit

Da Haie an der Spitze der Nahrungskette stehen, können sie im Ozean so ziemlich alles fressen, was sie wollen. Dies birgt zusätzliche Risiken für Konsumentinnen und Konsumenten von Haifischfleisch . Einer dieser Nachteile ist die Anreicherung von Schwermetallen wie Quecksilber in der Nahrungskette.

Trimoulla sammelte Haifischfleischproben aus Schweizer Geschäften und schickte sie an ein Labor in Deutschland, um sie auf Schwermetalle zu untersuchen.

Insgesamt wurden 44 Proben von Blauhai- und sieben von Glatthai-Fleisch untersucht, das in verschiedenen Supermärkten und Restaurants in der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Spanien gekauft wurde.

Ein Drittel der Proben wies mit 1 bis 4,4 mg/kg alarmierende Werte auf und überschritt damit den von der WHO, der EU und der Schweiz festgelegten Höchstwert von 1 mg/kg für Haifischarten.

Swissinfo wandte sich mit den Testergebnissen an Europêche, den Verband der nationalen Organisationen von Fischereiunternehmen in der Europäischen Union. Der Verband antwortete, dass der Verzehr von Raubfischen, einschliesslich Haien, nicht gesundheitsschädlich sei.

Zwar räumt Europêche ein, dass Raubfische mehr Quecksilber enthalten als andere Arten, da sie an der Spitze der Nahrungskette stehen, er vertritt jedoch die Auffassung, dass der Quecksilbergehalt in Haien seit 50 Jahren stabil ist.

«Was uns an der Bioakkumulation von Quecksilber – einem bekannten Thema, das Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und Vorschriften ist – beunruhigt, ist der wachsende Druck, der nicht von der Wissenschaft, sondern von Fehlinformationen und Fake News ausgeht und die Konsumierenden von Meeresfrüchten davon abbringt, was schädliche Folgen für die Ernährung und Gesundheit hat», sagt Anne-France Mattlet von Europêche. 

Laut Mattlet hält sich die europäische Fischereiflotte strikt an die Vorschriften zu Quecksilbergrenzwerten. Dazu gehört, dass in verschiedenen Phasen der Lieferkette Quecksilberkontrollen durchgeführt werden: bei der Anlandung durch Fischereiboote, nach der Verarbeitung und vor der Vermarktung.

Jede Fischcharge, welche die zulässigen Quecksilberwerte überschreitet, werde blockiert oder zurückgeschickt. Die Fischkutter seien an der Einhaltung der Vorschriften beteiligt.

«Die Vorschriften zur Kontrolle der europäischen Fischerei sind äusserst streng, und das begrüssen wir. Wir fordern jedoch, dass sie für alle Flotten weltweit gelten», sagt Mattlet.

Der Wissenschaftliche Ausschuss der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit empfiehlt jedoch trotz dieser Massnahmen Vorsicht beim VerzehrExterner Link von Arten wie Haien, die ein hohes Risiko bergen.

«Beim Verzehr von Arten mit hohem Methylquecksilbergehalt dürfen nur wenige Portionen (maximal eine oder zwei) gegessen werden, bevor die tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge (TWI) erreicht ist, die bereits vor dem diätetischen Referenzwert (DRV) erreicht sein kann», so die Behörde.

Eine Bürgerinitiative

Um den Gesundheitsbedenken und dem Rückgang der Haipopulation Rechnung zu tragen, sammelten Nichtregierungsorganisationen in Europa vor drei Jahren mehr als eine Million Unterschriften für eine europäische Bürgerinitiative mit dem Titel «Stop Finning – Stop the Trade».

Als Reaktion darauf leitete die Kommission im vergangenen Jahr eine öffentliche Konsultation zu diesem Thema ein und erhielt fast 3500 Antworten.

Im Jahr 2022 wurden 60 Haiarten (hauptsächlich Requiem- und Hammerhaie) in Anhang II des Washingtoner Artenschutz-Übereinkommens (Cites) aufgenommen.

Der WWF schätzt, dass durch diese Massnahme 90% aller international gehandelten Hai- und Rochenarten nun nur noch gehandelt werden dürfen, wenn ihre Bestände dadurch nicht gefährdet werden. Vor Inkrafttreten der neuen Vorschriften betrug dieser Anteil lediglich 20%.

Diese Massnahmen hatten drastische Auswirkungen auf die Schweizer Importe von Haifischfleisch: So gingen die Importe von Dornhai und anderen Haien von 1676 kg im Jahr 2023 auf nur noch 4 kg im Jahr 2024 zurück, während die Tiefkühlimporte von 1358 kg auf 11 kg sanken. Aufgrund falscher Kennzeichnungen könnten die jüngeren Zahlen jedoch zu niedrig sein.

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Der Besuch von Swissinfo in einem Lebensmittelgeschäft in Genf deutet trotz der strengeren Vorschriften darauf hin, dass Haifischfleisch, das teilweise illegal verkauft wird, weiterhin unentdeckt durch den Zoll gelangt.

Der Ladenbesitzer teilte Swissinfo mit, dass der Zoll im Juni fünf Kisten (etwa 50 kg) Haifischfleisch im Wert von rund 1500 Franken beschlagnahmt habe.

Dennoch war der Laden weiterhin in der Lage, Fleisch des Glatthais zu beziehen und zu verkaufen. Dies war dem Besitzer bekannt.

Ein Verbot in der Schweiz?

Eine 2013 eingereichte parlamentarische Motion für ein Verbot der Einfuhr von HaifischflossenExterner Link wurde mit der Begründung abgelehnt, dass die Schweiz keine Importeurin sei. Das mag damals zutreffend gewesen sein, doch seitdem wurden Haifischflossen importiert.

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Um Schlupflöcher und den illegalen Handel zu unterbinden, will Trimoulla daher, dass der Import aller Haiprodukte in die Schweiz verboten wird. Sie setzt sich dafür ein, dass das Schweizer Parlament entsprechende Gesetze erlässtExterner Link.

«Letztes Jahr hat Österreich den Import aller Haiprodukte verboten, ohne dass dies negative wirtschaftliche Auswirkungen hatte. Die Regierung hat dies voll und ganz unterstützt. Es ist also möglich und sendet eine wichtige Botschaft an den Rest der Welt», sagt sie.

Die Gallifrey Foundation hat die grüne Nationalrätin Delphine Klopfenstein Broggini davon überzeugt, eine parlamentarische Initiative zu starten, die den Import von Haifisch- und Rochenprodukten in die Schweiz verbieten soll. Dies könnte den Weg für eine neue Gesetzgebung ebnen.

«Wir sind zunehmend besser über diese Themen informiert, mit einer soliden und zuverlässigen wissenschaftlichen Grundlage, und die Frage der öffentlichen Gesundheit könnte entscheidend sein», sagt Klopfenstein Broggini.

Editiert von Virginie Mangin/ts, Übertragung aus dem Englischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub

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