2005: Für IKRK ein Jahr am Limit
2005 war für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf ein "sehr belastendes" Jahr, sagt dessen Direktor für operationelle Einsätze.
Pierre Krähenbühl erzählt im Gespräch mit swissinfo, Naturkatastrophen, Kriege und Besuche in fast 2400 Gefängnissen in fast 80 Ländern hätten das IKRK ans Limit gebracht.
swissinfo: 2005 war geprägt von den Nachwirkungen des Tsunami, der Hungersnot in Afrika, der Darfur-Krise, dem Hurrikan Katrina und dem Erdbeben in Pakistan. Wie schwierig war das Jahr für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK)?
Pierre Krähenbühl: Es war ein sehr belastendes Jahr mit vielen bedeutenden und breit angelegten Einsatzgebieten weltweit.
Das IKRK hat zuallererst eine Verantwortung, in bewaffneten Konflikten und bei Gewaltausbrüchen da zu sein. Was uns während des letzten Jahres auffiel, war die sehr unterschiedliche Natur der Situationen, in denen wir arbeiten mussten.
Unsere grösste Operation war in Darfur im Sudan, wo viele unserer Leute unter zum Teil sehr schwierigen Sicherheitsbedingungen im Einsatz sind. Wir waren auch in Länden wie Haiti und Irak aktiv, wo die Sicherheitslage auch sehr instabil ist.
Wegen unserem universellen Ansatz gegenüber den humanitären Einsätzen, das bedeutet, wir unterscheiden nicht, ob es sich um Pakistan, Darfur oder Haiti handelt, hatten wir eine sehr breite Präsenz im Feld. Über 12’000 Leute waren in über 80 Ländern im Einsatz.
Wenn wir die reinen Personalzahlen anschauen, haben wir damit ein Rekordjahr hinter uns.
swissinfo: Sudan wird 2006 erneut der grösste Begünstigte der IKRK-Hilfe sein. Haben Sie Angst, dass die Welt Darfur nicht mehr wahrnimmt?
P.K.: Das kommt leider vor. Wir können in einem Jahr der Naturkatastrophen jedoch niemandem die Schuld dafür geben. Doch wir stellen fest, dass es bei Naturkatastrophen zum Teil einfacher ist, Sympathie und Aufmerksamkeit zu wecken als in Konfliktsituationen, die viel komplexer sind.
Eine unserer Pflichten ist es, die Aufmerksamkeit auf diese Situationen zu lenken. Und ich denke, Darfur ist einer dieser Fälle, wo es für die betroffenen Menschen gefährlich werden kann, wenn ihre Situation vergessen geht.
Im Spätfrühling sahen wir vermehrt positive Zeichen, doch ein halbes Jahr später hat sich die Sicherheitslage erneut verschlechtert und es werden wieder mehr Menschen vertreiben.
Die Botschaft unserer Leute vor Ort ist sehr klar: Es ist ein sehr empfindliches Umfeld; mit vielen Menschen in Gefahr.
swissinfo: Sie haben im Budget des nächsten Jahres 97 Mio. Fr. für Pakistan vorgesehen. Wird genügend getan, um eine zweite Todeswelle über den Winter zu verhindern?
P.K.: Es ist selten, dass so viele Leute gleichzeitig von einer Naturkatastrophe betroffen sind, wie beim Tsunami und beim Erdbeben in Pakistan.
Während der ersten Stunden und Tage müssen sehr viele Leute und Material sehr rasch eingesetzt werden. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass wir im Fall von Pakistan fähig waren, sehr effizient zu mobilisieren. Das IKRK hat im pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs über 200’000 Menschen geholfen.
Vor Ort wurde eine beispiellose Logistik-Organisation aufgezogen, um auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen. Doch es steht ein Fragezeichen über dem Winter. Wenn das Wetter mitspielt, sollten wir in der Lage sein, die Leute durchzubringen. Aber es bleibt eine grosse Herausforderung.
swissinfo: Das IKRK hat immer wieder seine Bedenken über «wesentliche Probleme» betreffend der Inhaftierungs-Bedingungen und Behandlung der Inhaftierten in Guantanamo auf Kuba geäussert. Hat es Fortschritte mit den USA gegeben?
P.K.: Ich denke, die Diskussionen, die wir über die Jahre mit den USA wegen ihrer Gefangenenlager hatten, haben sicher zu einer Reihe von Verbesserungen beigetragen.
In den letzten Monaten haben wir bemerkt, dass die USA einige unserer Vorschläge aufgenommen haben und auch den IKRK-Teams die Arbeit erleichtern.
Am Beispiel Guantanamo haben wir ein Niveau erreicht, das für uns betreffend Arbeitsbedingungen und Qualität des Dialogs befriedigend ist. Doch wir haben weiterhin unterschiedliche Meinungen, wenn es um die Frage der Rechtmässigkeit dieser Situation geht.
swissinfo: Washington hat kürzlich bekannt gegeben, dass das IKRK zu einigen Inhaftierten keinen Zugang hat. Wie schlagen Sie vor, die Situation zu verbessern?
P.K.: Dieses Problem haben wir seit längerer Zeit. Wir haben immer und immer wieder die Bekanntgabe von und den Zugang zu diesen Leuten verlangt.
Bis heute haben wir dies nicht erhalten. Wir werden in diesem Bereich weiterhin Druck auf die Regierung der USA machen.
swissinfo: Die USA sind ihr grösster Spender. Einige Leute könnten denken, dass sich diese so einen gewissen Spielraum kaufen könnten.
P.K.: Die USA waren für lange Zeit der grösste Spender des IKRK, sei es betreffend Geldbetrag und Qualität der Finanzierung. 2005 – ein Jahr, das unter dem Stern der Differenzen betreffend der Inhaftierungen stand – haben wir erneut einen bedeutenden Betrag erhalten. Dafür ist das IKRK dankbar.
Ich kann hier kategorisch festhalten, dass es keine Einflussnahme auf interne Entscheidungen im IKRK gibt. Weder von den USA noch von einem anderen Spender.
swissinfo-Interview: Adam Beaumont, Genf
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)
Das in Genf domizilierte IKRK kümmert sich hauptsächlich um Opfer bewaffneter Konflikte und Bürgerkriege, indem es humanitäre Hilfe anbietet und Kriegsgefangene besucht.
Es überwacht die Einhaltung der Genfer Konventionen, die Regeln für Kriege und Besetzungen festhalten, wie unter anderem die Behandlung von Kriegsgefangenen.
Die Schweiz ist Depositärstaat der Genfer Konventionen.
Das IKRK braucht über 1 Milliarde Fr. von seinen Spendern, um 2006 in über 80 Länden humanitär aktiv zu sein.
Sudan bleibt die grösste Aktion der Organisation, gefolgt von Pakistan, Israel und Palästina, Afghanistan sowie Irak.
Über 40 Prozent des Budgets ist für Afrika vorgesehen, wo die Situation in einer Anzahl Gebiete «ein Anlass für grosse Besorgnis» bleibt.
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