es gibt ein leben nach dem gefängnis
Südafrika hält, nach Kolumbien, weltweit den traurigen Rekord der Kriminalität. Eine NGO arbeitet mit Unterstützung der Schweiz beim Wiedereingliedern Straffälliger mit.
Die Organisation NICRO ist bald hundert Jahre alt. Sie kümmert sich um Jugendliche, schon bevor sie aus dem Gefängnis kommen, und stellt sicher, dass sie wieder in der Gesellschaft aufgenommen werden.
Pietermaritzburg, der Name ist zwar Afrikaans, ist aber eine englische Stadt. Wenn man die Alleen, die eleganten Häuser, die «Town Hall» und die roten Backsteinkirchen sieht, kann man sich nur schwer vorstellen, dass die Kriminalitätsrate in der Hauptstadt von KwaZulu Natal nicht tiefer ist als im Rest des Landes.
Man muss sich aber nur etwas ausserhalb des Zentrums umschauen, und schon sieht alles afrikanischer aus. Hier, in einem kleinen, verblassten Pavillon lebt ein junger Mann von 20 Jahren, schüchtern und dünn, der sich nur ‚Remember‘ nennen will.
‚Remember‘ – weil er sich immer an die Jahre der Schinderei erinnern will, aber auch an die Hoffnung,
dass der Name eines Tages dem Rapper gehören wird, der er werden möchte.
Ganz banales Missgeschick
Der von seinem Vater verlassene Knabe wird zusammen mit zwei jähzornigen und verwöhnten Cousins von einer Tante aufgezogen. Er hat nichts als eine Decke, schläft auf dem Boden. Also sucht er sich anderswo, was er zu Hause nicht bekommt.
Mit 13 kommt er ins Heim. Drei Jahre später verlässt er dieses, landet auf der Strasse, gerät in die trügerische Bandensolidarität und den illusorischen Trost von Alkohol und anderen Drogen. Hier muss man mehr scheinen als sein, auch wenn man es sich nicht leisten kann.
Er stiehlt Nike-Shorts, kommt zum ersten Mal einen Monat ins Gefängnis. Danach steigt er mit zwei Kumpels durch das Fenster eines Büros und stiehlt – ein Rechaud und ein Bügeleisen. Polizei, Gericht, erneute Verurteilung. Diesmal zu drei Jahren. Dank einer Amnestie muss er «nur» 16 Monate absitzen.
Kein Abgehärteter
Remember ist kein Abgehärteter, anders als 55% der etwa 157’000 Gefängnisinsassen, die in Südafrika wegen Gewalttaten (bewaffneter Raub oder Mord) verurteilt sind oder vor der Verurteilung stehen.
Seine Geschichte ist «nur» ein alltägliches Armutsdrama, unerträglich, wenn man jung ist
und mitten unter dem zur Schau getragenen Reichtum lebt.
«Die Konsumanreize sind so zahlreich geworden», erklärt Irene Dugmore, Regionaldirektorin von NICRO (National Institue for Crime Prevention and the Reintegration of Offenders).
«Alle wollen ein Handy, schöne Klamotten oder einen MP3. Und nicht wenige Jugendliche stehlen, um ihrer Freundin etwas schenken zu können, aus Angst, dass diese sie sonst verlässt.»
Und nicht zu vergessen: Die Mitgift, ohne die ein Mann nie heiraten kann. «Eine veritable kulturelle Katastrophe», seufzt Irene. Abgehärtete trifft Remember viele im Gefängnis. «Wenn du nicht
zu einer Bande gehörst, wirst du regelmässig verprügelt», erzählt der junge Mann. Deshalb zögert er nicht lange, als er vom Wiedereingliederungs- Programm «Tough enough» (Stark genug) von NICRO hört.
Die Arbeit beginnt bereits im Gefängnis. In der Gruppe oder einzeln hilft man den Gefangenen, ihre Fehler einzusehen, Selbstwertgefühl zu entwickeln, einen Lebensplan auszuarbeiten. NICRO ermutigt sie, ein Handwerk oder etwas Künstlerisches zu lernen und organisiert jedes Jahr Ausstellungen und einen nationalen Wettbewerb. Die vorgestellten Werke sind mal düster wie der Gefängnisalltag, mal leuchtend wie die Hoffnung auf ein besseres Leben.
Für dieses Leben nach der Entlassung bereitet NICRO den Weg zu den Opfern, und der Familie und der Gemeinschaft entgegen, in denen die Entlassenen sich wieder eingliedern müssen.
So kann Remember nun bei einer anderen Tante leben, deren Familie sich mehr oder weniger auf seine Präsenz eingestellt hat. Und wie viele seiner Kumpane geht er wieder zur Schule.
Sänger oder Installateur
Dume, seine junge Helferin von NICRO, wird ihn ein Jahr lang weiter begleiten. «Nur wenige unserer Kunden werden rückfällig», bestätigt Irene, obwohl NICRO keine Statistik führt und sich natürlich nicht um alle kümmern kann.
Remember übt sich im Singen, abends in seinem Zimmer.
Was ihn am Rap anzieht, ist vor allem die Musik. Nicht dass er sich von der Glanz- und Kitschwelt der Videoclips täuschen lasse – aber wer weiss.
Sandalen statt Schuhe
Schliesslich errang Zuko Mgudlwa, auch er von NICRO betreut, einen schönen Erfolg mit seinem ersten Album. Und wenn Remember nicht Sänger werden kann, will er Installateur werden.
Bis dann muss er zur Schule gehen. In Sandalen. Immer diese vermaledeite Armut.
«Wie können Sie von Lebensqualität sprechen, wenn ein Schüler nicht einmal ein paar Schuhe hat?», seufzt Irene.
swissinfo, Marc-André Miserez in Pietermaritzburg, KwaZulu Natal (Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)
Ende 2005 zählte man 157’402 Insassen in den südafrikanischen Gefängnissen, 87’256 von ihnen sitzen wegen Gewalttaten (einschliesslich Mord und Totschlag).
Die Bedingungen in den Haftanstalten sind sehr hart und die Aids-Ansteckungsrate ist hoch.
Laut Polizeistatistiken wurden 2005 im Land 18’793 Morde, 24’516 Mordversuche, über 620’000 andere Gewalttaten, 55’114 Vergewaltigungen und nahezu 1,7 Millionen andere Straftaten verübt.
Diese Zahlen sind eindrücklich, doch ist seit einigen Jahren ein Rückgang zu verzeichnen.
Von den jährlich 9 Mio. Franken für das südliche Afrika setzt die DEZA 400’000 Franken für das Programm «Tough enough» von NICRO ein. Das Programm funktioniert mit einem Jahresbudget von 560’000 Franken.
Diese Mission entspricht der Ausrichtung der DEZA. Ein Teil ihrer Zusammenarbeit besteht darin, den ärmsten Gruppierungen zu einem besseren Zugang zu Ausbildung und Kultur zu verhelfen.
Die 1910 gegründete «Vereinigung zur Hilfe für die Gefangenen Südafrikas» wurde 1970 in NICRO umgetauft. Sie ist in den neun Provinzen des Landes aktiv und beschäftigt 240 feste Angestellte und rund 600 Freiwillige.
Ihre Aufgaben sind die Wiedereingliederung entlassener Gefangener, die Unterstützung der Opfer und die Gewährung von Kleinstkrediten an jene, die ein Berufsprojekt lancieren möchten.
Jedes Jahr kümmert sie sich um rund 200 «Kunden» im Alter von 18 bis 25 Jahren. Sie veröffentlicht keine Erfolgsraten, bezeichnet diese aber als «hoch» für ein Land, in dem mindestens 75% der entlassenen Gefängnisinsassen rückfällig werden.
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