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Jugendliche Gewalttäter vor dem Richter

Der des Mordes angeklagte Franko-Algerier beim Betreten des Gerichts in Yverdon. Keystone

Diesen Monat finden in der Schweiz zwei Prozesse gegen jugendliche Gewalttäter statt. Deren Exzesse hatten 2003 eine Welle der Entrüstung ausgelöst.

In Yverdon stehen zwei Angeklagte wegen Mordes vor Gericht, in Bern sind vier Jugendliche wegen versuchter vorsätzlicher Tötung angeklagt.

Zuerst einen Walkman gestohlen, dann umgebracht: Zwei Jahre nach dem tödlichen Überfall auf einen Jugendlichen in Yverdon-les-Bains im Juni 2003 hat am Montag der Prozess gegen zwei der vier Täter begonnen. Den zwei jungen Männern droht eine lebenslängliche Zuchthausstrafe.

Auf der Anklagebank sitzen ein 20-jähriger Mann aus den Kapverden und ein 23-jähriger Franko-Algerier. Ihnen wird Mord und bandenmässiger Raub vorgeworfen. Sie riskieren eine lebenslängliche Haftstrafe.

Zwei zur Tatzeit minderjährigen Mittätern wurde bereits früher der Prozess gemacht. Sie wurden zu mindestens zwei Jahren Erziehungsheim verurteilt.

Dies ist die Höchststrafe, die das Jugendstrafrecht vorsieht. Sie werden am Prozess ihrer Komplizen als Zeugen aussagen.

Geschworene: Schwierige Aufgabe

Das Geschworenengericht in Yverdon steht vor einer schwierigen Aufgabe: Bis Donnerstag muss das Gericht entscheiden, wie die Verantwortlichkeit für die Tat genau verteilt ist.

Einer der beiden Angeklagten hatte dem Opfer zwar potenziell tödliche Messerstiche zugefügt. Gestorben ist der 18-Jährige aber an Verletzungen, die ihm einer der damals Minderjährigen zugefügt hatte.

Die vier Täter hatten am 1. Juni 2003 dem Opfer aus La Chaux-de-Fonds auf der Zugfahrt nach Yverdon zuerst den Walkman gestohlen. In Yverdon stiegen der Bestohlene und die Täter aus. Dabei kam es zu einer weiteren Auseinandersetzung, die dann tödlich endete.

Berner Postgass-Prozess bis Ende Juni

Kurz zuvor, im Mai 2003, war in Bern ein unvergleichlich brutaler Überfall auf einen 42-jährigen Mann verübt worden. Sieben Jugendliche im Alter von 17 bis 21 Jahren aus der Hip-Hop-Szene hatten in der schmalen, wenig frequentierten Postgasse in der Altstadt den Velofahrer grundlos vom Rad gerissen und auf ihn eingedroschen, bis er sich nicht mehr rührte.

Diesem Exzess war eine kurzfristig einberufene Demonstration gegen Gewalt gefolgt, an der gegen 1500 Personen mobilisiert wurden.

Die Anklage in diesem Prozess lautet auf versuchte vorsätzliche Tötung und Raub, eventuell auf Unterlassung der Nothilfe. Der Prozess, der ebenfalls diese Woche beginnt, dürfte bis Ende Juni dauern.

Selbst Normen setzen statt Broschüren verteilen

Allan Guggenbühl, Psychotherapeut und Spezialist in Erziehungsfragen, ruft in diesem Zusammenhang die Bevölkerung auf, sich persönlich mit Jugendlichen auseinanderzusetzen und sie nicht auf Broschüren, Pins und schöne Sprüche zu verweisen.

“Es braucht persönlich anwesende, real fassbare Erwachsene, die Normen setzen und Jugendliche bei Grenzüberschreitungen stoppen.”

Laut Guggenbühl nützt alles wenig, “wenn nicht Erwachsene sich direkt mit Jugendlichen über das Thema Gewalt unterhalten”.

Jemand müsse den Jungen die Schattenseiten bewusst machen, statt sie auszuklammern, wie das in der Erziehung oft getan werde.

Guggenbühl, Leiter des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich, macht unter anderem das Erziehungs-Versagen für die krassen Gewaltausbrüche verantwortlich: “Wir gehen von einer zu romantischen und naiven Vorstellung von jungen Menschen aus.”

“Gewalttätige Jugendliche banalisieren ihr Tun”, sagt Guggenbühl, der in seiner Arbeit mit aggressiven Jugendlichen mit Konfrontations-Therapien arbeitet.

Der Experte glaubt auch nicht, dass es früher besser war. Er verweist auf die Kriege, wo Jugendliche immer äusserst gewalttätig auftraten.

swissinfo und Agenturen

In Yverdon hat am Montag der Prozess gegen zwei Jugendliche begonnen. Einer stammt von den Kapverdischen Inseln, der andere ist Franko-Algerier.

Sie sind angeklagt, am 1. Juni 2003 einen 18-Jährigen angegriffen zu haben, als dieser ihnen sein Portemonnaie nicht geben wollte, und ihn darauf umgebracht zu haben.

Zwei damals Minderjährige, die am Mord beteiligt waren, sind bereits zu mindestens zwei Jahren Erziehungsheim verurteilt.

In Bern müssen sich ab Dienstag vier Jugendliche vor Gericht verantworten.

Sie haben am 11. Mai 2003 in der Altstadt grundlos einen Mann niedergeschlagen, der bis heute noch vollständig arbeitsunfähig ist.

Drei weitere Jugendliche, die am Überfall mitmachten, sind in einem früheren Verfahren bereits zu mindestens zwei Jahren Erziehungs-Institut verurteilt worden.

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