«Kyoto-Protokoll für die Gesundheit»
Die Weltgesundheits-Organisation (WHO) hat neue Verhaltens-Regeln gegen die Verbreitung von Infektions-Krankheiten erlassen.
Diese Bestimmungen gegen Pandemien nennt Gaudenz Silberschmidt vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Gespräch mit swissinfo einen Meilenstein.
Zwei Wochen lang hat die WHO-Jahresversammlung in Genf getagt. Silberschmidt, Leiter der Abteilung Internationales im BAG, betonte schon vor dem Treffen die Wichtigkeit der neuen Bestimmungen, während auf der ganzen Welt die Angst vor einer neuen Pandemie stieg.
Die Schweiz brachte sich aktiv bei der Revision der so genannten «International Health Regulations» (IHR) ein, die aus dem Jahre 1969 stammen und der WHO helfen, drei gefährliche Krankheiten weltweit zu überwachen und unter Kontrolle zu halten: Pest, Cholera und Gelbfieber.
Diese IHR wurden jetzt ausgeweitet auf Pocken, Kinderlähmung und das schwere akute Atemnotsyndrom (SARS). Die WHO muss laut den neuen Bestimmungen fortan auch über jede «Gefährdung der öffentlichen Gesundheit von internationaler Besorgnis» informiert werden.
Die Schweiz unterschrieb zudem während der Tagung ein bilaterales Abkommen mit China. Es ermöglicht den Informations-Austausch und eine technische Kooperation in vier Gebieten: Überwachung ansteckender Krankheiten, Gesundheits-Gesetzgebung, traditionelle chinesische Medizin und HIV/Aids.
swissinfo sprach in der Schlussphase des Jahreskongresses mit dem BAG-Spezialisten Silberschmidt.
swissinfo: Wie wichtig war die Annahme der neuen «International Health Regulations»?
Gaudenz Silberschmidt: Aus unserer Sicht ist sie ein Meilenstein. Die Annahme der Bestimmungen bringt die Kontrolle von Bedrohungen, welche die öffentliche Gesundheit auf der ganzen Welt gefährden, vom 20. ins 21. Jahrhundert. Wir vollziehen den Schritt von einem Informations-System einzelner Länder zu einem orchestrierten, weltweit umfassenden System.
swissinfo: Sie haben die neuen IHR auch als «Kyoto-Protokoll für die Weltgesundheit» bezeichnet. Warum dauerte es so lange, bis es zu Stande kam?
G. S.: Die Angelegenheit ist hoch technisch, die Gesetzeslage kompliziert und viele Fragen sind höchst politisch. Mit all dem umzugehen war sehr komplex und wurde erst möglich durch die Erfahrungen mit Sars. Alle Länder haben verstanden, dass ein gemeinsames System eine absolute Notwendigkeit ist. Das schuf den Spielraum für die notwendigen Kompromisse.
swissinfo: Bis in zwei Jahren sollen die neuen Bestimmungen in Kraft sein. Wird die Welt dann bereit sein, mit einer weltweiten Bedrohung der öffentlichen Gesundheit umzugehen?
G. S.: Wir werden nie behaupten können, dass wir vollständig auf eine solche Gefahr wie eine Grippe-Pandemie vorbereitet sind. Aber wir werden viel besser vorbereitet und koordiniert sein, um das Bestmögliche in einer solchen Situation zu tun. Aber niemand kann behaupten, dass eine Krise dann keine Krise mehr sein wird.
swissinfo: In China sind neue Fälle von Vogelgrippe aufgetreten und die WHO hat ihre Befürchtungen wiederholt, dass das Virus auf den Menschen überspringen könnte. Was wurde diesbezüglich während der Jahrestagung unternommen?
G. S.: Eine eigene Resolution bezüglich der Vogelgrippe wurde verabschiedet und eine zusätzliche für die Sicherheit in Bio-Laboren. Die Vorkehrungen müssen weitergehen, wie hier in der Schweiz, wo die Regierung einen Pandemie-Plan in Kraft setzte. Immer mehr Länder haben solche Pläne, die zusammen eine bessere globale Bereitschaft schaffen.
swissinfo: In welchen andern Bereichen stach die Schweiz an der Sitzung hervor?
G. S.: Neben den IHR war eine anderes wichtiges Thema für die Schweiz die Geschäftsführung der WHO. Auf Initiative der Schweiz wurde eine Resolution verabschiedet, welche sicherstellen soll, dass die WHO mit andern Unterorganisationen der Vereinten Nationen (UNO) sowie andern globalen Gesundheits-Initiativen auf lokaler Ebene gut zusammen arbeitet.
swissinfo-Interview: Adam Beaumont
(Übertragung aus dem Englischen von Philippe Kropf)
Eine Pandemie ist ein länderübergreifender oder auch weltweiter Ausbruch einer Krankheit.
Die Vogelgrippe in Asien, so fürchtet die WHO, könnte zu einer Pandemie werden.
Die Jahrestagung der Weltgesundheits-Organisation (WHO) dauerte vom 16. bis am 25. Mai.
Die Delegierten beschlossen Massnahmen gegen Krebs, weltweit Todesursache Nummer 2.
Die Bestimmungen aus den spätern 60er-Jahren zum Umgang mit Virus-Erkrankungen wurden ebenfalls angepasst.
Sie sollen vor einer Ausbreitung einer weltweiten Grippe-Pandemie oder Sars schützen.
Eine weitere Resolution fordert von der WHO Untersuchungen zu den Auswirkungen von Alkohol-Missbrauch.
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