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Mit falschen Chalets die Schweiz verteidigt

Diese Villa in Gland/VD diente als Infanteriebunker und wird heute als Museum genutzt. (Bild: Christian Schwager)

(swissinfo.ch)

In der Schweiz gibt es Hunderte von Festungen, die nach dem Ende des Kalten Krieges militärisch nutzlos geworden sind. Was ist teurer: Rückbauen oder umnutzen?

Eine Ausstellung im luzernischen Kriens und ein Fotoband zeigen den kunsthandwerklichen Tiefsinn der Tarnungen.

Der Zweite Weltkrieg schrammte militärisch weitgehend an der Schweiz vorbei. Trotzdem fühlten sich die Eidgenossen von allen Seiten durch Hitlers Armeen bedroht.

General Guisan, der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, entwickelte damals ein Verteidigungskonzept, das die Schweizer Vorstellung von Wehrhaftigkeit und Abwehr bis zum heutigen Tag prägt.

Die Armeeführung glaubte damals, das Rückzugsgebiet in den Alpen, das so genannte Réduit, könne im schlimmsten Fall als Hauptstellung militärisch verteidigt werden. Die Strategie hatte einen gewichtigen Nachteil.

Hunderte von geheimen Schutzbauten

Die Frauen und Kinder wären im Mittelland einem möglichen Angriff der deutschen Truppen schutzlos ausgeliefert gewesen. Die Geschichte hat die Schweiz vor dieser Variante bewahrt.

Mit dem Réduitgedanken entstanden ab 1938 Hunderte von geheimen Kampf-, Führungs-, und Schutzbauten, vor allem in der Zentralschweiz. Im Schnellverfahren wurden Infanteriebunker, Panzertürme, Artilleriewerke, unterirdische Krankenhäuser, Kommunikationszentren, Mannschaftsunterkünfte und Vorratskammern, Offizierszimmer und Munitionsdepots, Regierungsbunker und vieles mehr in die Landschaft geklotzt.

Bunker für das Museum

Mit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1989 zerbrachen die Feindbilder auch in der Schweiz. Die geheimen Festungen und Bunker wurden überflüssig.

Christian Schwager hat mehr als hundert getarnte Bunker in der ganzen Schweiz fotografisch dokumentiert. Unter dem Titel "Falsche Chalets" kann die Welt der Bunker und Festungen im Museum im Bellpark in Kriens/LU betrachtet werden. Gleichzeitig hat die Edition Patrick Frey einen Fotoband zum Thema herausgegeben.

Die Ausstellung handelt von Tarnungen und Täuschungen und von architektonischen Doppelbödigkeiten. Die Bunker im Alpen- und Voralpenraum wurden mit unsäglichen Scheunen, Bauernhäusern, Stallungen und Chalets kaschiert.

So entstanden zum Beispiel Glasfenster mit Holzrahmen, die zur Täuschung blind auf Betonwänden angebracht wurden. Aus Kuhställen ragten Geschützrohre, Holztüren von urchigen Stallungen entpuppen sich aus der Nähe als bemalte Stahlnetze. Fakes und Kulissenbau vom Feinsten, mitten in der Idylle von saftigen Wiesen.

Alte Mentalität bricht nur langsam weg

Obwohl die meisten Bunker und Festungen seit Beginn der 1990er-Jahre nicht mehr geheim sind und neu beurteilt werden, brechen die Symbole und Bauwerke der Nachkriegszeit nur langsam weg.

So gibt es im ganzen Land noch immer Zahnreihen aus Betonklötzen, die durch Felder, Wiesen und Wälder laufen, Flüsse kreuzen und auf Strassen als Stahlstümpfe im Asphalt liegen: Panzersperren.

Was tun mit den moosüberwachsenen Sperrzähnen? Handelt es sich um Landschaftsskulpturen oder um Klötze einer virulenten Angst, die trotz offenen Grenzen in Europa nicht kleiner wird?

Was mit den schwarzen Löchern?

Die Debatte, was mit den dunklen Löchern in den Bergen, mit den getarnten Festungen und Bunkern geschehen soll, ist lanciert. Es gilt abzuwägen, was mehr kostet: Der Rückbau der Anlagen oder die Umnutzung.

Der Bund will im Verlauf des kommenden Jahrzehnts rund 15'000 militärische Anlagen wie Panzerbarrikaden, Bachsperren, Sprengobjekte, atomsichere Unterstände und Infanteriestände liquidieren. Einige der Anlagen werden den Abbau als Museen überleben.

Verschiedene Bunker sind von beträchtlicher Grösse. Im inneren des Mueterschwandenbergs bei Ennetmoos liegt zum Beispiel die grösste Artilleriefestung der Schweiz.

Der Bunker erstreckt sich über drei Ebenen, die mit 1372 Stufen miteinander verbunden sind und mehr als 800 Armeeangehörigen Platz bietet. Zur Festung gehört auch eine Standseilbahn, welche zwischen den drei Ebenen 230 Höhenmeter überwindet.

Bunker werden zu Begegnungszentren

Die Zukunft hat schon begonnen. Jean Odermatt macht sich im Gotthardmassiv für eine Armeeanlage stark, die zum Begegnungszentrum "La Claustra", einem 4'000 Quadratmeter grosses Refugium, umgenutzt wurde: Wo früher Soldaten für den Ernstfall ochsten, treffen sich heute Naturwissenschafter, Psychologen, Ärzte, Theaterleute und Schriftsteller und reden über wichtige Fragen der Zeit und über die Zukunft.

"Die ehemalige Artilleriefestung San Carlo kann als Membrane zur Aussenwelt dienen", sagt Odermatt. "Wer nach drei Stunden wieder ans Tageslicht kommt, nimmt die Welt ganz anders wahr."

swissinfo, Erwin Dettling

In Kürze

Christian Schwager wurde 1966 geboren und lebt in Winterthur. Sein ständig verfeinertes Generalthema ist die vom Menschen und seiner Technologie übernutzte Landschaft.

Die militärischen Eingriffe bilden dabei eine wichtige Variante. Seit mehr als zwei Jahren fotografiert er systematisch die Bunkerbauten der Schweizer Armee.

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