Solothurn ehrt Edna Politi: eine Filmemacherin geprägt von Exil und Widerstand
Die im Libanon geborene und in Genf lebende Filmemacherin Edna Politi ist die erste Nicht-Schweizerin, die als Ehrengast des wichtigsten Ereignisses der Schweizer Filmszene erkoren wurde – eine Würdigung ihres einzigartigen Blicks auf den israelisch-palästinensischen Konflikt.
Das vergangene Jahr war voller guter Überraschungen für Edna Politi. «Le Quatuor des Possibles» (Das Quartett der Möglichkeiten), ihr Dokumentarfilm von 1992 über den Avantgarde-Komponisten Luigi Nono, wurde als einer der 1000 Filme in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.
Ihre ersten drei Film «For the Palestinians» (Für die Palästinenser, 1974), «Like the Sea and ist Waves» (Wie das Meer und seine Wellen, 1980) und «Anou Banou, or the Daughters of Utopia» (Anou Banou oder Töchter der Utopie, 1983) wurden ebenfalls restauriert und werden im Rahmen einer Retrospektive in Solothurn gezeigt.
Dass sie als erste Person mit Migrationshintergrund Ehrengast der Solothurner Filmtage sei, habe sie überrascht und geehrt, verrät sie uns.
«Ich habe diese Hommage als Genferin angenommen, denn ich lebe seit mehr als 40 Jahren in dieser Stadt», sagte sie Swissinfo vor der Eröffnung des Festivals. «Das Festival hat meine Arbeit gezeigt, weil ich in der Schweiz wohne. Aber das Lustige ist, dass ich keine Schweizer Staatsbürgerin bin – zumindest noch nicht.»
Edna Politi wurde 1948 in der libanesischen Stadt Sidon geboren und wuchs in der Hauptstadt Beirut auf. Sie besuchte eine Schule der Alliance Israelite, die einen französischen Lehrplan in Französisch und einen libanesischen Lehrplan in Arabisch verfolgte, während sie gleichzeitig jüdische Geschichte und Hebräisch lernte.
Mit 18 Jahren zog sie nach Israel («um mein Leben frei und fernab der traditionellen Familie zu leben») und studierte Anfang der 1970er-Jahre Film in Deutschland. Nach einigen Jahren in Frankreich folgte sie ihrem ersten Ehemann, einem französischen Musikwissenschaftler, nach Genf, wo sie mehrere Video-Reportagen für das französischsprachige Schweizer Fernsehen RTS drehte. Nach ihrer Nahost-Trilogie wandte sich Politi Filmen zu, die von der Musik des 20. Jahrhunderts inspiriert waren.
Sie besitzt die libanesische, israelische und französische Staatsbürgerschaft. Sie sagt, sie erwäge, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu beantragen, aber zum jetzigen Zeitpunkt in ihrem Leben sei das nicht das Wichtigste.
Mit 78 Jahren ist Politi noch immer aktiv und arbeitet an einem neuen Film – eine Art Science-Fiction, sagt sie, «oder vielmehr eine politische Fiktion, die in einer fernen Zukunft spielt und fragmentarisch erzählt wird, als wäre es eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht. Auf diese Weise möchte ich meinen ganz persönlichen Nahen Osten neu betrachten und hinterfragen».
Das klingt wie ein klarer Bruch mit ihrer bisherigen Filmografie, die nüchtern im Realismus von Dokumentarfilmen verankert war – abgesehen von ihrer politischen Dimension. Selbst Politis einziger Spielfilm «Wie das Meer und seine Wogen» (1980), ihr Abschlussprojekt an der Filmschule, war von ihren persönlichen Erfahrungen unter libanesischen Exilant:innen des Bürgerkriegs in Paris inspiriert.
Eine langanhaltende Gegenwart
Ob sie die Vergangenheit dokumentiert oder die Zukunft imaginiert, Politis Filme sprechen immer über die Gegenwart – und diese Gegenwartsform kann sehr lang und weit sein. Wenn man ihren ersten Film «For the Palestinians» anschaut, hat man das seltsame Gefühl, dass ihre gesamte Erzählung von vor mehr als einem halben Jahrhundert auch heute hätte geschrieben werden können.
«Das ist bemerkenswert», sagt sie. «Ich habe genau diese Worte vom Editor gehört, der an der Restaurierung des Films arbeitete. Aber ich war damals noch Filmstudentin. Ich habe diesen Film in meinem zweiten Jahr an der Schule gemacht!»
«Ich finde es sehr traurig, dass dieser Film auch heute noch aktuell ist», fügt sie hinzu, denn die Aktualität des Films hat weniger mit ihrer visionären Kraft zu tun als vielmehr mit der Tatsache, dass die palästinensische Frage nach wie vor dringlich ist und sich die Lage sogar noch verschlechtert hat.
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«For the Palestinians» war der erste Dokumentarfilm, der von einer Israelin gedreht wurde – Politi fügt im Vorspann «von einer israelischen Frau» hinzu – über das Leid der palästinensischen Flüchtlinge, vom israelischen Unabhängigkeitskrieg – von Palästinenser:innen als Nakba (Katastrophe) bezeichnet – bis zum Sechstagekrieg, in dem Israel jene Gebiete eroberte, die noch immer unter Besatzung stehen.
Nie in Israel gezeigt
«Ich habe wirklich so gut wie möglich versucht, die verschiedenen Facetten dieses Themas zu zeigen. Tatsächlich betont der Film eine historische Perspektive, an der ich immer festgehalten habe, nämlich dass man ein Thema verstehen muss, bevor man urteilt», sagt sie.
Während ihres Filmstudiums in Westberlin entstanden, wurde «For the Palestinians» nie in Israel gezeigt. Am Berliner Filmfestival haben ihn israelische Journalisten gesehen. «Einer von ihnen war Uri Avnery», sagt Politi. Avnery ist bekannt als Pazifist und unter den israelischen Intellektuellen einer der lautesten Kritiker der Besatzung.
«Er veröffentlichte ein langes Interview mit mir in seinem Magazin, und so erfuhren die Menschen in Israel von mir und dem Film.» Politi, die vor ihrem Studium in Berlin als Videoeditorin für das israelische Fernsehen gearbeitet hatte, wurde bei ihrer Rückkehr nach Israel nicht herzlich empfangen.
«Man machte mir schnell klar, dass ich keinen Job mehr im Bereich Film und Fernsehen haben würde … aber die Idee, zwei Staaten für die beiden Völker zu haben, war zu diesem frühen Zeitpunkt sowohl für die israelische Regierung als auch für die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) einfach inakzeptabel.»
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Kritische Verbundenheit
Ist das der Grund, warum sie beschloss, Israel endgültig zu verlassen? «Ich bin nie endgültig gegangen», antwortet sie. «Ich bin diesem Land und seiner Kultur noch immer sehr verbunden. Und ich habe dort lange Zeit verbracht, zum Beispiel als ich Anou Banou gedreht habe.» Diskussionen über den Zionismus berühren sie nicht. «Ich mache mir keine Sorgen darüber, ob ich Zionistin bin oder nicht; der Punkt ist, dass diese Nation existiert, dass der Zionismus seine Arbeit getan hat und man ein Land mit zehn Millionen Menschen hat, das man weder einfach auslöschen kann, noch ihm das Existenzrecht absprechen.»
Politi beklagt das Verschwinden einer Generation israelischer Künstler:innen und Denker:innen, wie die Schriftsteller Amos Oz (1939-2018) und Bar Yehoshua (1936-2022), die eine Art moralische Orientierung boten, die, wie Politi sagt, eher mit jüdischer Ethik als mit zionistischer Moral im Einklang stand.
Politi räumt ein, dass ihre Positionen bezüglich Israel stark davon geprägt sind, in einem arabischen Land aufgewachsen zu sein, mit Arabisch als ihrer Muttersprache. Und selbst ihre jüdische Seite unterscheidet sich sehr von der Erfahrung der Europäer:innen, die die zionistische Bewegung prägten. Ihre Familie führt ihre Ursprünge auf die älteste jüdische Gemeinde der Diaspora zurück, die griechischsprachigen Romanioten, die sich im Laufe der Zeit innerhalb des Osmanischen Reiches mit den sephardischen Juden iberischer Herkunft vermischten, die vor der katholischen Verfolgung flohen.
Pionierfrauen
Edna Politi wurde im selben Jahr wie der Staat Israel geboren, aber ihre Familie erwog nie, in den neuen jüdischen Staat nebenan zu ziehen. Einer der Gründe, warum ihre Eltern beschlossen, von ihrer Geburtsstadt Sidon nach Beirut zu ziehen, war, dass ihr Haus vorübergehend von den libanesischen Behörden beschlagnahmt wurde, um die in Scharen aus Palästina ankommenden Flüchtlinge unterzubringen.
«Die jüdischen Familien aus Sidon, die ihr Eigentum verloren hatten, konnten es später wieder in Besitz nehmen, aber mein Vater beschloss, nach Beirut zu ziehen.» Sie erinnert sich auch daran, dass zu diesem Zeitpunkt fast niemand die Flüchtlinge als Palästinenser bezeichnete. «Sie wurden einfach ‚Laji‘ (Flüchtlinge) genannt, weil es im Libanon noch viele andere Flüchtlinge gab, wie die Armenier, die Kurden und die Hauranis», sagt sie.
Das Erwachsenwerden in den revolutionären 1960er-Jahren stärkte sie auch als überzeugte Linke, und alle ihre Filme und Fernsehprogramme behandeln Themen wie Geschlechtergleichstellung, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte.
In diesem Sinne ist es wichtig, das hervorzuheben, was dieser Kritiker für ihren wichtigsten Film hält, sogar wichtiger als «For the Palestinians». «Anou Banou oder Töchter der Utopie», gedreht 1983, basiert auf Gesprächen mit den Pionierfrauen, die Europa in den 1920er-Jahren verliessen, um die jüdische Heimat in einer sozialistischen Utopie in Form der Kibbuz-Bewegung aufzubauen.
Einige dieser sehr politisierten Frauen wurden Parlamentsmitglieder, und selbst diejenigen, die sich zurückhielten, blieben ihrem politischen Credo treu. In der Mitte des Films erwähnt Politi die palästinensische Frage, und die Interviewten zögern nicht, die vielen historischen Fehler in der Entwicklung des Landes zu benennen.
Eine der Frauen äussert sogar eine tiefgreifende Kritik an dem, was man als die Erbsünde der israelischen Linken bezeichnen könnte: Wie der Gründervater der Nation, David Ben-Gurion, in den 1930er-Jahren Kommunist:innen und Sozialist:innen innerhalb der zionistischen Bewegung marginalisierte, die sich für die Vereinigung jüdischer und arabischer Arbeiter:innen als Teil desselben revolutionären Kampfes gegen das britische Mandat, den internationalen Kapitalismus und arabische Grossgrundbesitzer einsetzten.
Dies ist eine Geschichte ohne viel Zugkraft in der aktuellen Situation, in der nicht nur Filmfestivals, sondern auch literarische, künstlerische, wissenschaftliche und akademische Veranstaltungen in Europa grosse Vorsicht walten lassen, wenn es um den Krieg in Gaza, die Handlungen des israelischen Staates und die palästinensische Situation geht.
In diesem Kontext scheinen sich die Organisator:innen der Solothurner Filmtage für eine subtile, aber unmissverständliche Botschaft entschieden zu haben, indem sie eine Künstlerin ehren, deren Lebensgeschichte, Vision und Praxis eine Verkörperung der Koexistenz sind.
Editiert von Mark Livingston/ts, Übertragung aus dem Englischen mithilfe der KI Claude: Janine Gloor
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