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Rückkehr in die Heimat Kosovo mit Schweizer Hilfe



Die Menschen stehen Schlange für ein Visa vor der Schweizer Botschaft in Pristina.

Die Menschen stehen Schlange für ein Visa vor der Schweizer Botschaft in Pristina.

(swissinfo.ch)

Vor fast 12 Jahren ging der Kosovo-Krieg zu Ende. Vor drei Jahren wurde die Unabhängigkeit des kleinen Balkanlandes ausgerufen. Und dennoch suchen noch immer viele Menschen aus dem Kosovo Asyl in der Schweiz.

Kosovarinnen und Kosovaren, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, erhalten von der Schweiz eine Rückkehrhilfe. Das Programm soll den Menschen die Heimkehr erleichtern und sie beim Neustart unterstützen.

2010 hatten 602 Albaner, Roma und Serben aus dem Kosovo in der Schweiz einen Asylantrag gestellt. Die meisten waren auf illegalem Weg in die Schweiz gekommen.

Grégoire Crettaz ist Migrations-Attaché auf der Schweizer Botschaft in Kosovos Hauptstadt Pristina. Seine Aufgabe ist es, abzuklären, ob die Informationen der Asylsuchenden der Wahrheit entsprechen, ob sie tatsächlich Opfer von Bedrohungen oder Einschüchterungen waren, ob sie sozial ausgeschlossen waren. Und ob sie daher die Anforderungen erfüllen, um als Flüchtlinge anerkannt zu werden. 

"Es kommt teilweise zu Fehden zwischen Familien. Zum Beispiel kann es sein, dass jemand bei einem Streit umgebracht wurde und die andere Familie danach bedroht wird. Es ist meine Aufgabe, abzuklären, ob die Angaben wahr sind", erklärt Crettaz im Gespräch mit swissinfo.ch.

Crettaz reist für seine Abklärungen durchs Land, spricht mit den Familien der betroffenen Asylsuchenden, mit deren Nachbarn und den lokalen Behörden. "Fälle, bei denen es um Drohungen geht, sind schwierig abzuklären", räumt er ein.

Sozialer Ausschluss

Crettaz untersuchte auch schon Fälle, in denen beispielsweise junge Frauen von ihren Familien verstossen wurden, da sie ohne die Zustimmung der Familie geheiratet hatten.

"Für eine Frau ohne Ausbildung, die allein zurückkehren muss und nicht mit der Unterstützung von Familie oder Staat rechnen kann, könnte das Leben hier sehr schwierig werden. Bei solchen Fällen müssen wir sehr vorsichtig sein", erläutert Crettaz.

Wenn jemand die Kriterien zur Gewährung von Asyl nicht erfüllt, man aber davon ausgeht, dass er oder sie bei einer Rückkehr gefährdet wäre, kann eine vorläufige Aufnahme beschlossen werden. Die Person erhält dann auch Unterstützung vom Schweizer Staat.

Die Mehrheit der Asylgesuche aus dem Kosovo wird jedoch abgelehnt, die Gesuchsteller können sich danach für eine Teilnahme an einem freiwilligen Rückkehrprogramm anmelden. Andernfalls droht ihnen die zwangsweise Ausschaffung, wobei dies nach Angaben der Schweizer Behörden die weniger effiziente und teurere Variante ist.

Nachhaltige Reintegration

Um die Repatriierungen kümmert sich die Internationale Organisation für Migration (IOM), die Beratungen, Transport und Empfang am Zielort organisiert. Sheremet Kukai, im Kosovo für den IOM-Einsatz zuständig, hat swissinfo.ch mit zwei in der Schweiz abgewiesenen Asylsuchenden in Kontakt gebracht, die es dank der Rückkehrhilfe geschafft haben, ein erfolgreiches Geschäft aufzubauen.

Einer dieser Rückkehrer war der Saxophonist Burim Danqi, den wir trafen, als er in einem kalten leeren Restaurant für seinen Auftritt am Abend probte. 

Die Kosten für sein funkelnd neues Mischpult, für Mikrophon und Lautsprecher hatte die Schweiz übernommen, um ihm so nach der Rückkehr in die Heimat beim Start in den beruflichen Alltag zu helfen.

Danqi gehört zur ethnischen Minderheit der Ashkali. Er war 2008 in die Schweiz gekommen, wo er einen Asylantrag stellte. Er konnte zwar gelegentlich als Musiker arbeiten, vermisste aber seine Frau und die drei Kinder, die er im Kosovo zurückgelassen hatte.

Als er von Rückkehrhilfe-Programm des Bundesamts für Migration erfuhr, entschloss er sich, nach Hause zurückzukehren.

"Ich bereue nicht, dass ich zurückgekommen bin, aber das Leben in der Schweiz hatte mir sehr gut gefallen. Ich spielte in einem Restaurant in Aarau und erhielt dafür immer gutes Trinkgeld. Das Leben im Kosovo ist klar härter", erklärt Danqi.

Unterstützung bei Arbeitssuche

Die Schweiz finanziert im Rahmen des Arbeitsvermittlungsprogramms EAS (Employment Assistance Programme) der IOM Massnahmen, mit denen nicht nur die wirtschaftlichen Aussichten der Rückkehrer, sondern auch der aufnehmenden Gesellschaften verbessert werden sollen.

Besonderes Augenmerk wird dabei auf verletzliche Personen oder Gruppen wie die ethnische Minderheit der Ashkali gelegt, die sich noch immer oft mit Schikanen konfrontiert sehen.

Danqi erhielt eine allgemeine Rückkehrhilfe von 2000 Franken. Dazu kamen 3000 Franken (Mietkosten für ein Jahr) sowie eine Start-up-Zulage von 3229 Franken, damit er sich beruflich selbstständig machen konnte.

Dank seiner neuen Ausrüstung ist es Danqi gelungen, in der Gemeinde von Lipjan regelmässig Arbeit zu finden. Eine beachtliche Leistung in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung arbeitslos ist.

 

Shaban Sejdiu arbeitet in seiner Garage in Lipjan, in der er nach seiner Rückkehr ebenfalls dank Hilfe des EAS-Programms eine Beteiligung hatte erwerben können. Der Automechaniker hatte bei der Rückkehr aus der Schweiz finanzielle Unterstützung in ähnlichem Umfang wie Danqi erhalten.

Das Geld brauchte er, um die Kriegsschäden an seinem Haus zu reparieren und für eine Beteiligung an der Garage. Diese hat heute regelmässige Aufträge. Diese bringen im Durchschnitt pro Monat etwa 400 Euro (etwa 520 Franken) ein, die Sejdiu und sein Geschäftspartner sich teilen. Sie kommen damit in etwa auf den Durchschnittslohn von 200 Euro pro Monat im Kosovo.

“Wir kommen damit gerade knapp über die Runden. Ich bessere mein Einkommen etwas auf, indem ich daneben auf Baustellen arbeite", sagt Sejdiu.

Die IOM stuft das Arbeitsvermittlungs-Programm als erfolgreich ein. Alle, die in das Programm eingebunden waren, konnten bei der Suche nach Arbeit unterstützt werden. Dennoch trägt es wenig dazu bei, den Trend der Kosovaren zu stoppen, die in die Schweiz wollen.

Visums-Restriktionen

Jeden Tag, wenn er zur Arbeit kommt, muss Crettaz schon früh am Morgen an Dutzenden von Leuten vorbei, die ausserhalb der Schweizer Botschaft Schlange stehen, weil sie ein Visum beantragen wollen.

"Seit der Unabhängigkeitserklärung vor drei Jahren ist die Zahl der Menschen, die Kosovo verlassen wollen, nicht gesunken", erklärt Crettaz.

Das ist auch nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass sich seit 2008 kaum etwas verändert hat. Noch immer gehört das Land, in dem rund zwei Millionen Menschen leben, zu den ärmsten Staaten Europas. Arbeitsstellen sind Mangelware, Löhne tief und Lebenshaltungskosten vergleichweise hoch.

Im vergangenen Jahr wurden etwa 15'000 Visa für Reisen in die Schweiz ausgestellt. Ob die Visumspflicht für Reisen in den Schengenraum früher oder später aufgehoben wird, ist offen. Kosovo ist das letzte Land auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, für welches die Visumspflicht für den Schengenraum noch nicht aufgehoben wurde.

Würde die Visumspflicht aufgehoben, so schätzen Migrationsfachleute, würden noch mehr Menschen ihren neuen Staat Kosovo verlassen, um zu ihren Grossfamilien in der Schweiz zu ziehen, wo heute schon etwa 170'000 Kosovarinnen und Kosovaren leben.

IOM Rückführung

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) unterstützt die freiwillige Rückkehr von Kosovarinnen und Kosovaren aus Österreich, Ungarn, Deutschland, Belgien, Norwegen, Schweden, der Schweiz, Frankreich, Bosnien-Herzegowina, Luxemburg, Finnland, Grossbritannien, den Niederlanden, der Tschechischen Republik, der Slowakei und Australien.

Zwischen Juni 1999 und Dezember 2010 kehrten rund 34'405 Kosovaren und Kosovarinnen aus der Schweiz in den Kosovo zurück, 67,5% davon waren ethnische Albaner. 70% der Rückkehrer waren Männer.

2010 erhielten insgesamt 163 Personen Rückkehr-Unterstützung von der Schweiz.

Kosovo ist das einzige Land auf dem Westbalkan, für dessen Bürger und Bürgerinnen für Reisen in den Schengenraum noch eine Visumspflicht besteht.

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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