Schweizer Hochsee-Flotte steht vor einem Sturm

Die "Lausanne" von Suisse-Atlantique. DR

Mangels regelmässiger Kontrollen laufen Frachtschiffe unter Schweizer Flagge Gefahr, auf die schwarze Liste der Hochrisiko-Schiffe gesetzt zu werden. Um eine solche Situation zu verhindern, unternahm Bern einen beispiellosen Schritt: Es erlaubte ihnen, vorübergehend unter weniger exponierten Flaggen zur See zu fahren.

Dieser Inhalt wurde am 21. September 2020 - 15:30 publiziert
Olivier Grivat

Sie heissen "Lavaux", "Romandie", "Moléson", "Lausanne", "Genf" oder "Aventicum". Registriert sind sie alle im Hafen von Basel. Obwohl sie wegen ihrer Grösse und Tonnage nie in ihrem Leben dort vor Anker gehen werden.

2016 verfügte die Schweizer Flotte noch über 50 Frachtschiffe von sechs Schiffseignern. In weniger als vier Jahren sank diese Zahl auf 20 Schiffe von drei Reedereien: Reederei Zürich, Suisse-Atlantique in Lausanne und ABC Maritime in Nyon (beide Städte im Kanton Waadt).

Die Schweizer Flotte könnte bald auflaufen, wenn in Bern und Basel, wo das Schweizerische Seeschifffahrtsamt seinen Sitz hat, nichts unternommen wird.

"Diese Krise verschärft sich. Bis 2023 ist das völlige Verschwinden der unter Schweizer Flagge fahrenden Flotte zu befürchten, wenn nicht sehr kurzfristig Notmassnahmen ergriffen werden", verkündete der Verband der Schweizer Reeder (Swiss Shipowners Association) kürzlich. Die in Genf ansässige Organisation veröffentlichte soeben ein als S.O.S. getarntes Weissbuch.

Die Schweizer Hochsee-Flotte fuhr in den letzten Jahren wegen der weltweiten Flaute in der Schifffahrt Verluste in Millionenhöhe ein. Im vergangenen Jahr geriet ein Deutscher Reeder in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten. Seine Frachter waren von der Schweizerischen Eidgenossenschaft garantiert gewesen.

Eine solche Garantie erlaubt es Reedern, beim Bau eines neuen Frachtschiffs Geld zu einem günstigeren Zinssatz von 1 bis 2% zu leihen. Dies im Austausch für die Möglichkeit der Schweiz, die Schiffe in Krisen- oder Kriegszeiten zu requirieren. Bern sah sich deshalb gezwungen, das Dutzend Schiffe des Deutschen Reeders zu beschlagnahmen und zu einem niedrigeren Preis abzustossen.

Der Verlust belief sich auf 204 Millionen Franken. Im vergangenen Juli wurde der 66-jährige Reeder zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das Wirtschaftsstrafgericht des Kantons Bern befand ihn des Betrugs und der unlauteren Geschäftsführung für schuldig.

Der schwarzen Liste entkommen

Die Rückschläge der Flotte unter dem weissen Kreuz führten dazu, dass Schweizer Schiffe in europäischen Häfen häufiger festgesetzt wurden. Internationale Abkommen schreiben eine Reihe von Kontrollen vor, ohne die Schiffe unter Schweizer Flagge abgewiesen werden.

Angesichts der geringen Grösse der Schweizer Flotte wurden die Kontrollen in weit entfernten und verstreuten Häfen jedoch nach dem Zufallsprinzip durchgeführt. In den letzten drei Jahren wurde nur eine geringe Zahl von Inspektionen auf den Schiffen vorgenommen.

Die Schweizer Flagge steht derzeit auf der grauen Liste der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation. Ihr droht nun, auf die schwarze Liste verschoben zu werden – jene Liste der Flaggen, deren Schiffe ein hohes Risiko darstellen. Eine solche Stilllegung, zumindest für die nächsten zwei Jahre, würde in ganz Europa, Russland und Kanada gelten.

Der Bundesrat traf deshalb mit der Änderung einer Bundesverordnung eine bisher unübliche Notmassnahme: Schweizer Schiffe, für die der Bund bürgt, können künftig die Flagge wechseln und sich für weniger exponierte Farben entscheiden. Auf diese Weise können sie die negativen Folgen der Platzierung auf einer schwarzen Liste umgehen.

Das neuste Schiff, die "General Guisan", wird somit unter der Flagge der Marshall-Inseln losfahren. Es ist nach der Panama-Flagge die zweitgrösste der Welt. Die "General Guisan" wird von der grössten Schweizer Reederei Suisse-Atlantique betrieben und befindet sich derzeit in einer japanischen Werft auf den Philippinen im Bau. "Es ist ein starkes Symbol", sagt Jean-Noël André, Chef von Suisse-Atlantique. "Wie dieser charakterstarke Offizier geben auch wir vor dem Gegner nicht klein bei."

Ein zweiter Frachter, die "Nyon", befindet sich ebenfalls auf der philippinischen Insel Cebu im Bau und soll im November 2021 vom Stapel laufen. Auch sie wird höheren und teureren Standards für die Schwefel- und Stickoxid-Belastung unterworfen werden. Das 64'000 Bruttoregister-Tonnen schwere Frachtschiff wird voraussichtlich auch unter der Flagge der Marshall-Inseln in See stechen.

900 "Schweizer" Schiffe

"Die Zollstatistiken sind irreführend. Sie erwähnen nur den letzten Frachttransporteur. Aber 90% von allem, was wir konsumieren, kommt auf dem Seeweg. Dies ist für unsere Wirtschaft unerlässlich, es bedeutet 2000 direkte Arbeitsplätze oder 0,4% des BIP", sagt Olivier Straub, Generalsekretär der Swiss Shipowners Association.

Der Verband nahm kürzlich den Weltriesen Mediterranean Shipping Company (MSC) auf. Diese betreibt die grössten Container- und Kreuzfahrtschiffe der Welt. MSC ist weltweit die Nummer zwei in der Containerschifffahrt, hinter der dänischen Maersk und vor der französischen CMA. Die Reederei, die seit 1978 in Genf ansässig ist und sich im Besitz der neapolitanischen Familie Aponte befindet, betreibt eine Flotte von 550 Schiffen.

Der Verband der Schweizer Reeder, dem nun auch Frachtschiffe angehören, die nicht unbedingt unter Schweizer Flagge fahren, vertritt damit inzwischen über mehr als 900 Schiffe. Das Land ohne direkten Zugang zum Meer liegt in Europa unterdessen an fünfter und weltweit an elfter Stelle, gemessen an der Bruttoregister-Tonnage. Noch vor den Seenationen Norwegen, Taiwan und Frankreich.

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