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In Argentinien steht ein Denkmal für eine Frau aus Bern – gigantisch, voller Mythen und fast vergessen

Stefford Baron Drink
Ein Paar zwischen Inszenierung und Legende: Myriam Stefford und Raúl Barón Biza. Nach ihrem tödlichen Absturz wurde die Auslandschweizerin durch das Mausoleum «El Ala» in Argentien unsterblich. PD

Mitten in Argentinien ragt ein 82 Meter hoher Betonflügel in den Himmel. Tourist:innen fotografieren ihn, Reiseführer erwähnen ihn, Argentinier:innen kennen seine Geschichte. In der Schweiz hingegen weiss kaum jemand, dass eines der höchsten Monumente Argentiniens einer Schweizerin gewidmet ist.

Myriam Stefford, geboren als Rosa Martha Rossi in Bern, ist in Argentinien eine Legende. Zwischen ihrer Schweizer Heimat und ihrem Mausoleum «El Ala» in Córdoba liegen rund 11’500 Kilometer Luftlinie. Ihr schillerndes Leben ist gut dokumentiert. Zeitungen in der Schweiz, wie etwa der BundExterner Link, sowie in Übersee, Bücher und Filme haben ihre Geschichte erzählt.

Weniger als über die berühmte Auslandschweizerin weiss man aber über das Schweizer Denkmal, das von ihr geblieben ist.

Wie kommt es, dass seit 90 Jahren ein 82 Meter hohes Mausoleum zu Ehren einer Schweizerin mitten in Argentinien steht? Die Antwort beginnt mit einem abenteuerlichen Leben, einer grossen Liebe, dem Fliegen – und endet mit einem tragischen Unfall, der bis heute Rätsel aufgibt.

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Eine erfundene Filmkarriere

Rosa Martha Rossi wurde 1905 in Bern geboren. Ihr Vater, ein aus dem Tessin stammender Kutschenhändler, gehörte zum soliden Mittelstand. 1924 meldete sich die junge Frau in Bern ab und reiste nach Paris – offiziell für ein Jahr.

Stefford mit Schmuck
Myriam Stefford, geboren als Rosa Martha Rossi in Bern. In Argentinien wurde sie zur schillernden Figur der Oberschicht. PD

Über die Gründe wird bis heute spekuliert. Argentinische Quellen sprechen davon, sie sei von zu Hause weggelaufen; Schweizer Historikerinnen vermuten familiäre Konflikte oder eine unerwünschte Beziehung.

Wie sie sich in Paris durchschlug, ist nicht bekannt. Und auch nicht, wie genau sie den argentinischen Millionär Raúl Barón Biza kennenlernte. Sicher ist: Der exzentrische Argentinier machte aus Rosa Rossi die Figur «Myriam Stefford».

In seiner eigenen Zeitschrift inszenierte er sie 1926 als aufstrebenden Filmstar mit Engagements in der deutschen Filmindustrie. Heute wissen wir, diese Karriere war weitgehend erfunden. Weder in Filmarchiven noch in Theaterregistern taucht ihr Name auf.

Selbst eine Hochzeit in Venedig wurde medial angekündigt, doch Jahrzehnte später fand sich im Zivilstandsregister kein entsprechender Eintrag. Als Stefford 1928 in Argentinien eintraf, soll sie als ledige Arbeiterin registriert worden sein.

Eine der ersten Flieger-Frauen Argentiniens

Stefford with Gear
Nur Wochen nach Erhalt ihres Pilotenscheins startete Myriam Stefford zu einem ambitionierten Rundflug – der tödlich endete. PD

In Argentinien wurde Myriam Stefford dennoch zur schillernden Figur. Sie bewegte sich im Kreis der wohlhabenden Oberschicht, lebte glamourös – und entdeckte eine neue Leidenschaft: das Fliegen.

1931 gehörte sie zu den ersten Frauen des Landes, die einen Pilotenschein erwarben. Nur wenige Wochen später kündigte sie an, einen Etappenflug über die 14 Provinzhauptstädte Argentiniens zu wagen.

Schon kurz nach dem Absturz kursierten Gerüchte über die Unfallursache. Es war von einem Luftloch die Rede. Andere spekulierten über ein Verbrechen. Die Legenden begannen unmittelbar nach ihrem Tod – und halten sich bis heute.

Am 18. August 1931 startete sie mit einem kleinen zweisitzigen Flugzeug zu dieser Reise. Mehrere Zwischenfälle zwangen sie zu Notlandungen, doch sie setzte ihr Vorhaben fort. Am 26. August 1931 stürzte ihr Flugzeug nahe Marayes in der Provinz San Juan ab. Myriam Stefford und ihr Fluglehrer kamen ums Leben.

Ein Denkmal aus Liebe

Barón Biza reagierte auf den Tod seiner Gefährtin mit einem beispiellosen Erinnerungsprojekt. Zunächst liess er an der Absturzstelle ein Denkmal errichten.

1936 folgte das monumentale Mausoleum «El Ala» – der Flügel – in Alta Gracia: ein 82 Meter hoher Betonflügel, der selbst den bekannten Obelisken von Buenos Aires überragt.

el ala
«El Ala» bei Alta Gracia in der Provinz Córdoba ist 82 Meter hoch. PD

Das als gigantischer, stilisierter Flugzeugflügel gestaltete Bauwerk wurde zugleich als Leuchtturm konzipiert. An seiner Spitze befand sich einst ein Licht, das bis zu 60 Kilometer weit sichtbar gewesen sein soll.

Myriam Steffords sterbliche Überreste wurden dorthin überführt. Mit ins Grab, so heisst es, habe man auch ihren Schmuck gelegt – darunter einen sagenumwobenen Diamanten, um den sich weitere Mythen ranken.

Das Denkmal war von Anfang an als öffentlicher Ort gedacht, als Parkanlage, als Begegnungsstätte. Zur Einweihung 1936 sollen Tausende Menschen gekommen sein. Neunzig Jahre später steht der Betonflügel noch immer in der Landschaft der Sierras bei Córdoba – verwittert, verlassen und in der Schweiz fast vergessen.

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In der Region kennt man die Geschichte

In Argentinien jedoch lebt die Geschichte weiter – nicht nur in Büchern und Filmen, sondern auch in persönlichen Erinnerungen an das Mausoleum.

Auf einen Aufruf von Swissinfo meldeten sich einige Leser:innen aus ArgentinienExterner Link. Viele verbinden mit dem Mausoleum Kindheitserinnerungen oder familiäre Verbindungen zur Schweiz.

Eine Leserin schreibt: «El Ala ist viel mehr als ein Monument: Es verbindet Córdoba mit der Schweiz durch eine Geschichte von Liebe und Pioniergeist.» Andere Leser:innen berichten, dass sie oft am Mausoleum vorbeigefahren sind, und manche betonen ihre Schweizer Herkunft.

So bleibt «El Ala» nicht nur das Grab einer jungen Pilotin, sondern ein Symbol der Verbindung zwischen zwei Ländern, dessen Geschichte auch 90 Jahre später fasziniert.

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Gastgeber/Gastgeberin Melanie Eichenberger

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Die offizielle Schweiz setzt das Denkmal der verstorbenen Auslandschweizerin heute kaum aktiv in der Beziehungspflege ein. Zwar porträtierte die Schweizer Botschaft in Argentinien Myriam Stefford 2021 im Rahmen einer Kampagne über «Schweizerinnen in Lateinamerika»Externer Link. Das Mausoleum selbst spielte dabei jedoch keine zentrale Rolle.

So bleibt der Betonflügel in Córdoba vor allem ein lokales Erinnerungszeichen – eines, das in Argentinien bekannt ist, für die Schweiz jedoch kaum eine Rolle spielt.

Editiert von Balz Rigendinger.

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