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Wikipedia: Frei manipulierbares freies Wissen?

Der Wikipedia-Tag in Bern wurde von Nationalrats-Kandidatin Nadine Masshardt eröffnet.

Manipulationsvorwürfe und Beschönigungsversuche haben in letzter Zeit die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia in die Schlagzeilen gebracht. Das soll sich nun ändern.

Am 29. September, dem Schweizer Wikipedia-Tag, diskutierten in Bern Macher und Nutzer über eine sicherere Zukunft des Lexikons, das zu den zehn am meisten genutzten Webangeboten gehört.

Wer war Denis Diderot, wann hat er gelebt, wodurch wurde er berühmt? Wie heisst die höchste Spielklasse im Schweizer Fussball, die frühere Nationalliga A?

Antworten auf diese und hunderttausende andere Fragen findet man im Online-Lexikon Wikipedia.

Wikipedia ist aus dem Online-Alltag von Millionen Internet Nutzenden nicht mehr wegzudenken. Und wer etwas auf sich hält, möchte sich, seinen Lieblingsstar oder seine Firma dort gerne verewigen – natürlich in bestem Licht.

"Vertrauenswürdigere" Inhalte

Tendenziöse Beiträge oder Veränderungen von missliebigen Textstellen haben deshalb Wikipedia in letzter Zeit negativ in die Schlagzeilen gebracht. So hatte zum Beispiel der Chef des "Weltwoche"-Magazins, Roger Köppel, seiner Ansicht nach "tendenziöse Kritiken" zu seiner Person einfach gelöscht.

Aber auch grosse Firmen wie Coop scheinen die Artikel über sich regelmässig zu kontrollieren und zu "entschärfen" oder zu "schönen".

Wikipedia will nun diesem Problem zuleibe rücken. In der Normalansicht sollen künftig nur kontrollierte Inhalte angezeigt werden.

Die geprüften Versionen enthalten nach Meinung bestimmter Prüfer weder falsche Aussagen noch verfälschende Lücken. Dies wird nicht als Zensur betrachtet, können doch auch noch nicht geprüfte Artikelversionen eingesehen werden.

Basis-Demokratie

Irmgard Wiesner ist eine von über 500 Freiwilligen, die einen Teil ihrer Freizeit der deutschsprachigen Wikipedia als Administratoren zur Verfügung stellen.

Administratoren rekrutieren sich aus Wikipedia-Nutzern und –Artikelverfassenden und werden vom Anwender-Kreis zur Wahl vorgeschlagen. Das Abstimmungsverfahren dauert einen Monat. Alle registrierten Wikipedia-Nutzer können daran teilnehmen.

Abgesehen davon, dass jedermann eigene Artikel verfassen kann, kann auch jedermann die publizierten Artikel korrigieren, verbessern – oder "verschlimmbessern".

Die Kontrolle neuer, verbesserter oder ergänzter Artikel ist die Hauptaufgabe eines Administrators. Beiträge, welche die Wikipedia-Grundsätze nicht erfüllen, weil sie zum Beispiel rassistische Züge haben oder verleumderisch sind, können von einem Administrator sofort gelöscht werden.

Kontrolle

Da alle Wikpedia-Nutzerinnen und –Nutzer jeden Artikel direkt ändern können, könnte zum Beispiel im Beitrag über Justizminister Christoph Blocher "Herr Meier ist doof" eingefügt werden.

Irmard Wiesner: "Oft sind das gelangweilte Schüler, die einen Lehrer verunglimpfen wollen. Meist sperren wir dann die Adresse des betreffenden Computers, die IP-Adresse, für 2 Stunden. Dann ist für den Schüler der langweilige Vormittag auch vorbei."

Häufen sich solche Vorfälle, wird das Editieren des betreffenden Artikels von einem Administrator gesperrt.

Versionen-Protokolle

Jede Änderung an einem Artikel führt zu einer neuen Version. Sämtliche Versionen können jederzeit und von jedermann eingesehen werden. Vermerkt ist dort auch, welcher eingetragene Benutzer die Änderung vorgenommen hat. Bei anonymen Einträgen wird die IP-Adresse registriert.

Zu jedem Artikel gehört auch eine Diskussionsseite, auf der alle ihre Meinung dazu abgeben können. "Es kann auch ein Antrag auf Löschung des Artikels gestellt werden. Darüber wird meist ein Abstimmungsverfahren eröffnet, an dem sich ebenfalls jedermann beteiligen kann" sagt Wiesner.

"Bei manchen Artikeln toben regelrechte 'Edit Wars': Jemand ändert gewisse Passagen, eine andere Person löscht diese und schreibt wieder ihre eigene Version, usw. In so seinem Fall sperre ich den Artikel und schreibe auf die Diskussionsseite den Vermerk, man solle sich melden, wenn eine Einigung erzielt worden ist."

Sprach- und kulturspezifische Unterschiede

Jede Sprach-Wikipedia hat ihre eigenen, unabhängigen Artikel. Manchmal spielen laut Irmgard Wiesner auch länderspezifische Interessen eine wichtige Rolle. So seien Artikel über Kunst in der französischen Version meist ausgezeichnet.

"Interessanterweise steht in der französischen Wikipedia auch ein besserer Artikel über Cowboys als in der englischen", grinst sie.

Der Artikel über Louis Pasteur ist in der deutschen oder der englischen Wikipedia völlig unumstritten. Irmgard Wiesner: "Bei den Franzosen aber scheint er der Lieblingsfeind der Impfgegner zu sein. Dort wird intensiv geändert und diskutiert."

swissinfo, Etienne Strebel

Wikipedia-Tag

Der Verein Wikimedia CH will den Dialog von Wikipedia-Nutzenden und Wikipedia-Autoren fördern und die Nutzer ermuntern, selbst Autoren zu werden. Rund drei Dutzend Interessierte nahmen am 29. September dieses Angebot an und trafen sich zum 3. Wikipedia-Tag in Bern.

Zu den Vorträgen wie "Arbeit in umstrittenen Wikipedia-Artikeln" oder "Erfahrungen der Geschichtswissenschaft mit der Wikipedia" wurde auch ein Workshop für angehende Wikipedia-Autoren angeboten: "Wie funktioniert Wikipedia?"

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Wikipedia

Wikipedia ist ein Kofferwort und setzt sich zusammen aus "Encyclopedia" (Englisch für Enzyklopädie) und "Wiki".

Wikis sind Websites, die es jedem Internetnutzer ermöglichen, daran mitzuarbeiten.

Bestand hat, was von der Gemeinschaft akzeptiert wird.

Als erste entstand Anfang 2001 die englischsprachige Wikipedia. Alle Sprachprojekte werden von der US-amerikanischen Wikimedia Foundation betrieben.

Wikipedia, die "freie Enzyklopädie", räumt jedermann das Recht ein, Inhalte - sofern Ursprungsautoren und Versionsgeschichte genannt werden – auch kommerziell zu nutzen, zu ändern und zu verbreiten.

Wikipedia gibt es in 253 Sprachen, darunter auch Baskisch, Esperanto, Rumantsch oder Alemannisch. Die englische Version bietet als grösste rund 2 Mio. Artikel, die kleinste, Siswati, gerade mal deren 2.

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