Nestlé überwacht sein Palmöl aus der Vogelperspektive

Nestlé will nicht nur sein Palmöl vom Himmel aus überwachen. Satelliten sollen auch die Lieferketten von Produkten wie Papier, Soja und Kakao im Auge behalten. Keystone / Hotli Simanjuntak

Nestlé hat Journalisten einen Einblick in die Satellitentechnologie gewährt, die der Konzern zur Überwachung seiner Palmöl-Lieferkette einsetzt. Trotz Bemühungen um mehr Transparenz bei der Entwaldung: Konsumenten werden in naher Zukunft kaum vollumfänglichen Zugang zu diesen Daten erhalten.

Dieser Inhalt wurde am 06. Mai 2019 - 11:30 publiziert
Anand Chandrasekhar, Toulouse

Die Präsentation der Satellitentechnologie namens Starling findet im hochsicheren Airbus-Komplex im französischen Toulouse statt. Nestlé arbeitet hier mit Airbus an der Entwicklung des Satellitenüberwachungsdienstes. Denn der Schweizer Nahrungsmittelkonzern ist Mitglied des Konsumgüterforums und will bis 2020 eine Entwaldungsrate von null Prozent erreichen.

Ein Airbus-Vertreter zoomt Satellitenbilder von Wäldern und Palmölplantagen in Indonesien heran, um zu zeigen, wozu Starling fähig ist. Die Satelliten von Airbus können Ziele bis zu einer Grösse von nur 1,5 Meter zoomen. Palmölplantagen sind daher ziemlich einfach von Waldflächen zu unterscheiden. Im Zweifel helfen Algorithmen mit Hilfe verschiedener Farben Ölpalmen von anderen Pflanzen zu unterscheiden.

Rote Flecken zeigen Gebiete, in denen kürzlich Wälder abgeholzt wurden. Geschieht dies im Umkreis von 50 Kilometer von einem Standort eines Nestlé-Zulieferers, wird eine Push-Nachricht verschickt. Nestlé muss den Lieferanten kontaktieren und dieser muss nachweisen, dass er nichts mit der Entwaldung zu tun hat.

Nestlé arbeitet weltweit mit 1257 Lieferanten zusammen. "Rund 60% unserer Lieferanten haben schon einen Anruf von uns erhalten", sagt Benjamin Ware, Chef für verantwortungsvolle Beschaffung von Ressourcen bei Nestlé.

Kann der Lieferant für die von den Satelliten aufgezeichnete Abholzung keine Rechenschaft ablegen, kann das dazu führen, dass Nestlé ihn vorübergehend von seiner Lieferantenliste streicht. Bisher landeten zehn Lieferanten auf einer schwarzen Liste. Sie decken fünf Prozent des gesamten Palmölbedarfs von Nestlé ab.

Eine Kombination aus Satellitenbildern, Kontrollen vor Ort und Zertifizierungen erlaube es Nestlé zu sagen, "dass 77 Prozent unserer Rohstoffe frei von Entwaldung sind", sagt Magdi Batato, Betriebsleiter des Konzerns.

Für die Lieferanten bedeutet dies mehr Kontrolle durch Nestlé. "Es ergänzt das, was wir vor Ort tun. Nestlé sagt uns, wo es zu Entwaldung kommt, und wir können besprechen, wer dafür verantwortlich ist, weil sie rückverfolgbar ist", sagt Ian Suwarganda von Golden Agri-Resources, einem Nestlé-Palmöllieferant, gegenüber swissinfo.ch.

Suwarganda sagt auch, sein Unternehmen könne 62 Prozent des gelieferten Palmöls zu den Plantagen zurückverfolgen. Mit Blick auf die sofortige Aussetzung der Bestellungen durch Nestlé, wenn eine Entwaldung entdeckt wird, hat der Lieferant "einige Vorbehalte": "Ich denke, beide Parteien sind sich einig, dass Ausgrenzung nicht die Lösung ist", so Suwarganda.

Zugang für alle?

Vergangene Woche lancierte Nestlé ein Transparenz-Dashboard: Auf der Internetseite finden sich Informationen zum Thema Entwaldung in der Palmöllieferkette des Konzerns auf der Grundlage von Starling-Daten. Diese Informationen widerspiegeln aber nur einen Bruchteil der immensen Datenmenge über Palmölkonzessionen, zu denen Nestlé Zugang hat.

Einen Teil der Starling-Bilder möchte der Konzern auch den Konsumenten zugänglich zu machen. Derzeit sieht der Vertrag mit Airbus aber nur die alleinige Nutzung durch Nestlé vor.

"Das System selbst ist darauf ausgelegt, Informationen auszutauschen. Werden Informationen vermischt – Satellitenbilder, die Airbus gehören und Daten, die einem Kunden wie Nestlé gehören –, braucht es eine Vereinbarung. Diese muss regeln, was gezeigt und weitergegeben werden darf", sagte François Lombard. Er ist Leiter des Nachrichtendienstes von Airbus.

Aber können sich die Konsumenten darauf verlassen, dass Nestlé Informationen auch dann korrekt weitergibt, wenn es um Entwaldung durch ihre Palmöllieferanten geht? "Was würde Nestlé davon haben, zu lügen, mit dem Risiko, dass das später entdeckt werden könnte? Ziel ist es, Vertrauen zu gewinnen, nicht zu verlieren", sagt Bastian Sachet von Earthworm, einer Beratungsfirma, die auch an der Starling-Plattform beteiligt war.

Bis die langfristige Vision Wirklichkeit wird, den Konsumenten Zugang zu den Bildern zu gewähren, gibt es noch viele Hürden zu überwinden. Sachet von Earthworm schlägt in einem ersten Schritt vor, dass Nestlé einigen Nichtregierungsorganisationen von Fall zu Fall Zugang zu Starling gewähren könnte.

Kleinbauern nicht erfasst

Die Starling-Plattform ermöglicht es auch, die Grenzen der Plantagen zu sehen – violett für staatlich zugeteilte Konzessionen, blau für private. Sie trägt dazu bei, die Schuldigen der Entwaldung einzugrenzen. Allerdings gibt es keine Grenzkarten für Kleinbauern, die 20 Prozent der Palmöl-Lieferkette von Nestlé ausmachen.

Um die Abholzung durch Kleinbauern zu verfolgen, ist Nestlé darauf angewiesen, dass seine Lieferanten die Herkunft des Palmöls zurückverfolgen können. Dies ist jedoch selten der Fall und stellt somit eine weitere Hürde für das Ziel von Nestlé dar, bis 2020 eine Entwaldungsrate von 0 Prozent zu erreichen. Weil sie Rechenschaft über mögliche Rodungen ablegen müssen, hofft Nestlé, dass seine Lieferanten mit der Zeit besser informiert sein werden, woher ihr Palmöl stammt.

Gegen Kleinbauern vorzugehen, ist allerdings nicht sehr fördernd fürs Image. "Als Käufer von Palmöl konzentriere sich Nestlé daher "mehr auf Gebiete mit einer hohen Rodungsrate und nicht auf kleine Subsistenzwirtschaften", sagt Ware, Chef für verantwortungsvolle Beschaffung von Ressourcen.

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