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Schweizer Rat der Religionen


"Beziehung zwischen Islam und Christentum zentral"




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Das Zusammenleben zwischen den Religionen kann schwierig sein. Dieses Fazit zieht Gottfried Locher, der neue Präsident des Schweizer Rats der Religionen. Der 48 Jahre alte Berner sagt, die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen sollten gepflegt werden. Und er ist besorgt über die Zunahme der Fälle von Antisemitismus.

Gottfried Locher: "Die Beziehungen zwischen Christentum und Islam ist von zentraler Bedeutung." (Sandra Dominika Sutter/SEK)

Gottfried Locher: "Die Beziehungen zwischen Christentum und Islam ist von zentraler Bedeutung."

(Sandra Dominika Sutter/SEK)

Gottfried Locher, Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK), wurde Anfang Juli an die Spitze des Schweizer Rats der Religionen gewählt. Er trat die Nachfolge von Hisham Maizar an, dem im Mai verstorbenen Präsidenten der Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids).

swissinfo.ch: Der Schweizer Rat der Religionen wird im nächsten Jahr sein Zehn-Jahre-Jubiläum feiern können. Dennoch ist die Institution in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Haben Sie die Absicht, mit der Diskretion zu brechen?

Gottfried Locher: Ja und Nein. Einerseits müssen wir mehr mit der Öffentlichkeit kommunizieren. Bisher haben wir pro Jahr höchstens zwei Stellungnahmen veröffentlicht, das reicht nicht aus. Wir müssen unsere Verbindungen mit der Bevölkerung stärken und unsere Meinung zu aktuellen Themen bekannt machen, welche die Leute interessieren. Zudem sollten wir unter Umständen ein Thema auch mal dadurch vertiefen, dass wir eine Untersuchung durchführen. Der Schweizer Rat der Religionen ist noch auf der Suche nach sich selbst. Und er muss seine Art und Weise der Kommunikation noch finden.

Dialog im Dienst des Friedens

 "Mehr miteinander statt übereinander zu reden": Das Ziel des Schweizerischen Rats der Religionen ist auf der Website der Institution zu finden. Die Organisation will zum religiösen und sozialen Frieden in der Schweiz beitragen und versteht sich als Ansprechpartnerin für die Bundesbehörden. Dem Rat gehören sieben christliche, muslimische und jüdische Persönlichkeiten an. Er wurde am 15. Mai 2006 auf Initiative von Pfarrer Thomas Wipf gegründet, damals Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK).

Andererseits funktioniert der interne Austausch gut. Und wir müssen innerhalb der Organisation ein geschütztes Klima bewahren, damit die Vertreter der verschiedenen Religionen untereinander frei diskutieren können. Wir brauchen beide Aspekte: Die internen theologischen Debatten und die Kommunikation nach aussen mit den Bürgerinnen und Bürgern.

swissinfo.ch: Ihre letzte Stellungnahme erfolgte nach dem tödlichen Anschlag gegen die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo im Januar 2015 in Paris. Wie hatte der Rat dieses Attentat analysiert?

G.L.: Wir waren uns alle einig, dass diese Akte schrecklicher Gewalt scharf verurteilt werden mussten. Und das haben wir auch getan. Diese tragischen Ereignisse führten aber auch dazu, dass die Mitglieder des Rats über freie Meinungsäusserung und die Grenzen der Provokation diskutierten, und in dieser Hinsicht gab es unterschiedliche Meinungen.

Persönlich bin ich der Ansicht, dass man sich mit Blick auf Religionen kritisch äussern können muss, allenfalls auch mit Ironie oder Humor. Die Demokratie braucht das. Die Vertreter der anderen Religionen, vor allem die Muslime, teilen allerdings nicht alle meine Ansicht.

Die Suche nach Konsens innerhalb des Schweizer Rats der Religionen ist schwierig, manchmal auch unmöglich. Finden wir kein gemeinsames Terrain, müssen wir oft Kompromisse machen.

Es wäre allerdings erstaunlich, wenn der Konsens immer einfach zu finden wäre. Jede Religion hat ihre eigene Art und Weise, wie sie das Leben erklärt. Aus diesem Grund ist es meine Priorität, den Frieden zwischen den Religionen zu fördern. Das ist nicht das Gleiche, wie die Suche nach Konsens. Der religiöse Frieden ist oft eine heikle Sache, wie die Situation im Nahen Osten zeigt, und der Rat kann eine Rolle spielen, Frieden zu bewahren. Seine Aufgabe ist es, unter den Vertretern der Religionen eine gesunde Atmosphäre zu schaffen, um einen ehrlichen und aufrichtigen Austausch über jene Themen zu ermöglichen, die zur Diskussion stehen.

swissinfo.ch: Welches sind die Themen, mit denen der Rat sich nächstens auseinander setzten sollte?

G.L.: Wir werden in erster Linie über die Koexistenz von Islam und Christentum diskutieren müssen. Die Beziehungen zwischen diesen beiden Religionen ist von zentraler Bedeutung. Sie haben gemeinsam eine schwierige Geschichte, und man sollte die Konflikte der Vergangenheit nicht wiederholen. Die Schweizer Muslime sind heute ein wichtiger Teil unserer Bevölkerung. Wir dürfen auf keinen Fall das Zusammenleben "verlernen".

Religionen in der Schweiz

 Nach dem vom Bundesamt für Statistik veröffentlichten Zahlen der eidgenössischen Volkszählung von 2013 bezeichneten sich von den mehr als 15 Jahre alten Einwohnerinnen und Einwohnern der Schweiz 71% als christlich, 21% als konfessionslos, 5% als muslimisch, 0,3% als jüdisch und 2,7% als Anhänger anderer Religionen (Zahlen gerundet).

Darüber hinaus stellen wir fest, dass sich die Juden in unserem Land nicht mehr wohl fühlen. Sie fühlen sich bedroht. Der Schweizer Rat der Religionen muss sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Ich weiss nicht, wie das Auftauchen dieser Spannungen zu erklären ist, aber ich denke, die Entwicklung hat mit der veränderten Situation zu tun. Früher hatten wir hier eine christliche Mehrheit mit einer kleinen jüdischen Minderheit. Heutzutage haben wir in der Schweiz auch eine bedeutende muslimische Minderheit. Dieser Aufschwung des Islam zieht auch Befürchtungen und Spannungen nach sich. Das allgemeine Klima hat sich verändert.

swissinfo.ch: Die Befürchtungen hängen auch zusammen mit dem Problem des Extremismus und vor allem mit den Gewaltakten, die im Namen einer Religion verübt werden. Wie soll man diesen Auswüchsen gegenüber treten?

G.L.: Der Rat ist sich in der Frage des Extremismus einig: Dieses Phänomen muss bekämpft werden, wir müssen Wege finden, wie das gelingen kann. Was die jungen Leute angeht, die das Land verlassen, um auf Seite des Islamischen Staats in den Kampf ziehen, so  muss man ihnen sagen, dass sie nicht nur an einem Krieg teilnehmen werden, sondern dass sie in einer Hölle landen werden, aus der sie nicht ungeschoren davon kommen werden. Das ist aber nur eine Seite des Extremismus. Es ist schwierig zu wissen, wie man gegen Fundamentalismus kämpfen kann. Ich denke, man muss vor allem offen reden können, und man darf sich nicht davor fürchten, heikle Fragen zu diskutieren, will man vermeiden, dass Tabus entstehen.

swissinfo.ch: Sollte sich der Schweizer Rat der Kirchen nicht auch vermehrt einbringen in Polemiken, welche die Kirche betreffen. Wie etwa jene, die Vitus Huonder, der Bischof von Chur, provozierte, als er öffentlich eine Bibelstelle zitierte, in der für Homosexuelle die Todesstrafe gefordert wird?

G.L.: Normalerweise beziehen wir zu dieser Art Frage nicht Stellung. Die Frage muss zuerst von der Katholischen Kirche untersucht werden. Es geht um ein internes Problem. Daher muss die Schweizerische Bischofskonferenz Stellung beziehen. Sollte sich die Polemik allerdings ausweiten, könnte auch der Rat darüber diskutieren. Zunächst muss jedoch jede Religion ihre eigenen Probleme anpacken, bevor wir intervenieren.

Huonder relativiert Aussagen über Homosexuelle

Der Churer Bischof Vitus Huonder hatte Ende Juli bei einem Vortrag im deutschen Fulda Textstellen aus dem Alten Testament zitiert, wonach Homosexualität eine Gräueltat sei, die mit dem Tod bestraft werde.

Die Folgen waren scharfe Proteste sowie Strafanzeigen.

Nun zeigt sich der konservative Huonder betroffen und entschuldigte sich in einem Interview "bei allen Menschen (…), die sich verletzt gefühlt haben."

Er sei missverstanden worden, betonte der 73-jährige Bischof: "Die Leute haben nicht meinen Vortrag interpretiert, sondern das, was ihnen von den Medien vorgesetzt wurde." Wer den ganzen Abschnitt lese, könne nicht sagen, er habe die Todesstrafe gefordert.

Er räumte aber ein, dass seine Äusserungen ohne genügendes Fachwissen und Kenntnis des innerkirchlichen Kontextes falsch verstanden werde könnten. 

Gleichzeitig aber verteidigte er seine Haltung zur Homosexualität und verwies auf den Katechismus der katholischen Kirche. Wenn dieser sage, "homosexuelle Menschen seien zur Enthaltsamkeit aufgerufen, dann ist das für mich als Bischof bindend."


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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