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"Auf Benghasis Strassen wird schon gefeiert"



In Benghasi hat die Bevölkerung die Strasse erobert.

In Benghasi hat die Bevölkerung die Strasse erobert.

(Keystone)

In der zweitgrössten libyschen Stadt Benghasi hat die Bevölkerung die Macht übernommen. Die Unruhen haben auch auf die Hauptstadt Tripolis übergegriffen. swissinfo.ch konnte mit Ahmad Bentaher, Arzt im Spital Jala'a in Benghasi, telefonisch sprechen.

Die Macht des libyschen Diktators Muammar Gaddafi wankt. Das Land befindet sich quasi im Bürgerkrieg. Die Streitkräfte des Regimes haben sich aus der ostlibyschen Stadt Benghasi zurückgezogen, die Bevölkerung ist zum Teil bewaffnet.

Auf den Strassen Benghasis werde bereits gefeiert, sagte Ahmad Bentaher am Montag, 14.30 MEZ, gegenüber swissinfo.ch. Die Angst vor weiterem Blutvergiessen bleibe aber bestehen.

swissinfo.ch: Wie gefährlich ist die Lage in Benghasi?

Ahmad Bentaher: Nach den Zusammenstössen vom Sonntag haben sich die Sonderstreitkräfte der Armee auf die Seite des Volkes gestellt. Sie haben Gaddafis Privatmilizen aus der Stadt vertrieben und die Kontrolle in Benghasi übernommen.

swissinfo.ch: Besteht die Gefahr einer Rückkehr der Gaddafi-Milizen?

A.B.: Diese Möglichkeit besteht. Aber jetzt feiert die Bevölkerung auf den Strassen Benghasis – nach 42 Jahren Gaddafi-Regime sind wir endlich frei.

swissinfo.ch: Welche Leute haben am Aufstand teilgenommen?

A.B.: In erster Linie waren es Anwälte und Richter, Ärzte und Ingenieure – die intellektuelle Elite. Es war zuerst eine friedliche Demonstration. Dann verhaftete das Regime einen der Hauptorganisatoren; die Bevölkerung versammelte sich vor dem Gebäude der inneren Sicherheit und forderte die Freilassung des Inhaftierten. Das war der Funke zum Aufstand.

swissinfo.ch: Wie wird der Aufstand organisiert?

A.B.: In Libyen ist es verboten, Parteien und Organisationen zu bilden. Am Aufstand nehmen jetzt alle Menschen teil, sie vertreten keine klare politische Richtung. Vielleicht kommt das später, wenn alle frei sind. Es wird ein Recht auf Vereinigung geben. Das ist unsere Forderung. Wir hoffen, dass wir so frei sein werden wie in jedem freien Land der Welt.

swissinfo.ch: Im Westen heisst es oft, Benghasi sei eine Hochburg der Islamisten. Stimmt das?

A.B.: Das versuchen Gaddafi und seine Familie gerade jetzt eben zu sagen. Was ich sehe sind Menschen, die Freiheit, Einheit, eine Verfassung fordern – wir haben keine Verfassung. Man sagt, wir seien ein reiches Land, aber die Bevölkerung hier ist arm. Der Islam ist die Religion des Landes, 99 Prozent der Bevölkerung sind Muslime.

swissinfo.ch: Will niemand ein Khalifat oder ein ähnliches Regime errichten?

A.B.: Ich habe noch nie so etwas gehört. Wir sind ein Land, wir wollen es verändern, wir wollen Einheit. Wir wollen keine Beschädigungen, wir wollen keine Gewalt in der Stadt. Die Leute reinigen bereits die Strassen, versammeln sich, bilden Komitees und übernehmen die Führung.

swissinfo.ch: Wissen Sie, was in Tripolis vorgeht?

A.B.: Wir verfolgen die aktuelle Entwicklung mit grosser Besorgnis. Freunde von mir sagen, es habe zahlreiche Opfer gegeben. Bis Montagmittag gab es über 60 Tote in Tripolis. Auch um die Hauptstadt herum gibt es Demonstrationen.

In Benghasi gab es bis am Montag mehr als 300 Todesopfer und über 2000 Verletzte.

swissinfo.ch: Glauben Sie, dass der Gaddafi-Clan noch Unterstützung hat und zurückschlägt?

A.B.: Es ist kein grosser Clan. Was den Gaddafi-Stamm aber gefährlich macht, sind die Waffen, die er besitzt, er ist gut ausgerüstet. Der Clan hat seine Basis in der Mitte Libyens, in Sirte.

Der Aufstand hat im Osten und Westen des Landes begonnen, es wird zu Zusammenstössen um die Stadt Sirte herum kommen.

swissinfo.ch: Gibt es Unterschiede in der Haltung zwischen den Menschen in der Stadt und jenen, die in der Nähe ihres Stammes leben?

A.B.: Ja, natürlich. Aber das gemeinsame Ziel der Libyer ist, dass alle ein geeintes Land wollen. Der Warfala-Stamm und andere grossen Stämme haben sich dem Protest gegen das Gaddafi-Regime angeschlossen, weil sie unter ihm sehr gelitten haben

Der Gaddafi-Clan wird sich um eine friedliche Lösung bemühen müssen. Er ist nicht gross genug, um gegen alle anderen Stämme zu kämpfen.

swissinfo.ch: Was wird mit Muammar Gaddafi und seinen Söhnen passieren?

A.B.: Das beste für das Land wäre, wenn sie Libyen verlassen und uns in Frieden und Freiheit lassen würden. Wenn sie aber zurückschlagen sollten, dann wird es ein grosses Massaker geben, ein viel grösseres, als wir es bis jetzt gesehen haben.

In Benghasi gibt es Gerüchte über mögliche Luftangriffe. Bisher gab es aber nichts dergleichen. Ausschliessen kann man es nicht, die Bevölkerung glaubt, dass Gaddafi so etwas tun könnte.

swissinfo.ch: Ist es für Sie gefährlich, mit dem Ausland zu telefonieren?

A.B.: Wir befinden uns schon in Gefahr. Hier in Benghasi gibt es aber kein Zurück mehr. Das ist der ganzen Bevölkerung der Stadt klar.

swissinfo.ch: Haben Sie Angst um sich selbst?

A.B.: Ja, sicher. In Libyen hat Gaddafi die absolute Macht. Ich rufe die internationale Gemeinschaft auf, ernsthaft zu intervenieren.

swissinfo.ch: Was kann die internationale Gemeinschaft tun?

A.B.: In Dafur hat sie Truppen geschickt, um die Bevölkerung zu schützen. Wenn die USA, die EU Druck ausüben, wird Gaddafi vielleicht gehen. Die UNO sollte intervenieren, mit allen ihren Möglichkeiten zur Kommunikation mit dem libyschen Regime und Gaddafi persönlich.

swissinfo.ch: Welchen Eindruck erweckte die Fernsehrede von Seif al-Islam, dem "reformistischen" Sohn Gaddafis, am Sonntagabend?

A.B.: Es war sehr deprimierend. Er drohte mit seinem Zeigefinger dem libyschen Volk, wenn es nicht gehorche, werde das Militär einfahren. Ich weiss nicht, was das für ein Bursche ist. Er gab sich bisher als Reformer. Wenn man ihn jetzt sieht, droht er uns mit dem Tod.

Die Bevölkerung will jetzt das Gesicht Gaddafis oder das seines Sohnes mehr denn je nicht mehr sehen.

Ich war zuerst sehr froh, als ich hörte, dass Seif al-Islam im Fernsehen auftreten will. Ich dachte, er könne eine wirklich gute Veränderung herbeiführen. Es war aber niederschmetternd. So spricht man nicht mit seinem Volk.

Calmy-Rey ruft zu Zurückhaltung auf

Das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten ist besorgt über die Berichte aus Libyen. Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey ruft die Führung in Libyen und in anderen Staaten der Region auf, die grundlegenden Rechte der Bevölkerung zu respektieren.

"Ich verurteile jegliche Gewaltanwendung und rufe die Behörden zu grösster Zurückhaltung auf", erklärte Calmy-Rey. Insbesondere die Rechte auf freie Meinungsäusserung und Versammlungsfreiheit seien zu wahren.

Die Zentrale in Bern stehe in dauerndem Kontakt mit der Schweizer Botschaft in Tripolis, verlautete aus dem EDA weiter. Allerdings sei die Beschaffung von unabhängig bestätigten Informationen äusserst schwierig.

Bei der Schweizer Botschaft in Tripolis sind 46 Schweizer Bürgerinnen und Bürger gemeldet. Die meisten davon sind Doppelbürger.

Schweizerinnen und Schweizern, die sich in Libyen aufhalten, rät das EDA, die Lage aufmerksam zu beobachten und Menschenansammlungen zu meiden. Insbesondere die Städte im Osten des Landes seien zu verlassen, sofern dies möglich sei und sicher erscheine.

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Schweiz stoppt Vorbereitungen zu internationalem Schiedsgericht

Die brutale Reaktion des Gaddafi-Regimes auf Proteste aus dem libyschen Volk hat den Bundesrat auf den Plan gerufen: Er stoppte am Montag die Vorbereitungsarbeiten zur Einsetzung des internationalen Schiedsgerichts, das in der Affäre um die Verhaftung des Gaddafi-Sohnes Hannibal im Juli 2008 in Genf und deren Folgen Klarheit schaffen soll.

Das libysche Regime hatte nach der Verhaftung von Gaddafis Sohn vor zweieinhalb Jahren in Genf mit der Festsetzung der Schweizer Geschäftsleute Max Göldi und Rachid Hamdani in Tripolis reagiert.

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(Übertragung aus dem Englischen: Jean-Michel Berthoud), swissinfo.ch


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