Let’s talk-Podcast: Vertrauen Sie der Schweizer Politik?
Wie steht es in der Schweiz mit dem Vertrauen in die Politik? Im Let's Talk-Podcast fallen die Antworten differenziert aus – und durchaus optimistisch.
Die Schweiz leidet nicht am grassierenden Misstrauen, das in anderen Ländern weite Teile der Bevölkerung erfasst hat. Noch nicht?
Denn Misstrauen wächst messbar, auch in der Schweiz. «Das Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in den Bundesrat zum Beispiel ist rückläufig», sagt Corina Schena vom Meinungsforschungsinstitut gfs.bern.
Dort untersucht die Politologin nicht nur das Abstimmungsverhalten der Schweizerinnen und Schweizer. gfs.bern fragt die Schweizer Bevölkerung im Auftrag der SRG auch regelmässig nach ihrem persönlichen Befinden.
Am Anfang war das Misstrauen
Im internationalen Vergleich sei das Vertrauen in der Schweiz aber immer noch auf einem hohen Niveau, sagt Corina Schena: «Die Ergebnisse sind ein Warnsignal, aber kein Grund, Alarm zu schlagen.»
«Wir als Menschen misstrauen einander von Natur aus», erklärt Marc Bühlmann, Professor für Politologie an der Uni Bern. «Darum ist Vertrauen eine kulturelle Leistung.» Er spricht von einer menschlichen Errungenschaft, die durchaus auch Gewinne bringe: «Wenn ich vertraue, muss ich nicht dauernd kontrollieren. Wenn sich also zwei Nachbarn trauen, kann sich jeder in Ruhe um seinen Acker kümmern.»
Bühlmann erinnert daran, dass Vertrauen in anderen Kulturen allenfalls nur auf die Familie oder die eigene Sippe beschränkt ist.
Milizsystem schafft Vertrauensbasis
Josef Zihlmann lebt als ausgewanderter Schweizer in Florida, USA. Er sagt im Let’s talk-Podcast, warum er der Schweizer Politik vertraut: «Politiker sind Menschen, also nicht perfekt. Die Leute, die in meiner Heimatgemeinde in die Politik gingen, wollten etwas Gutes machen, und sie schafften dies auch», sagt Zihlmann.
Corina Schena nimmt diesen Gedanken auf: «Wenn mir etwas in meiner Gemeinde nicht gefällt, kann ich in der Gemeindeversammlung aufstehen. Wir haben auf jeder politischen Ebene in der Schweiz die Möglichkeit, uns einzubringen und unser Misstrauen zu adressieren.»
Viele Auslandschweizer:innen aber hinterfragen das Schweizer Milizsystem durchaus, sie sind skeptischer als die inländische Bevölkerung. Auch das zeigten die Umfragen von gfs.bern.
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Ausgewanderte: auffallend tiefes Vertrauen in die Schweizer Politik
Politologin Corina Schena erklärt: «Wir können beobachten, dass die Auslandschweizer:innen ein ausgeprägteres Misstrauen hinsichtlich der Kommunikation von Politiker:innen hegen.» Mit andern Worten: Auslandschweizer vermuten eher, dass es Vertreter:innen der Schweizer Politik mit der Wahrheit nicht immer so genau nehmen.
Was Skeptiker und Konservative gemeinsam haben
Marc Bühlmann spricht in diesem Zusammenhang von einem «fantastischen Potenzial der Auslandschweizerinnen und -schweizer». Diese würden eine andere Sichtweise einbringen, die nicht selten geprägt von ihrer eigenen Lebenswelt sei. «Wir nehmen unsere Lebenswelt als richtig wahr und vergleichen sie mit dem Fremden», erklärt Bühlmann den Mechanismus dahinter.
Im Inland ortet Corina Schena bei zwei Gruppen besonders tiefe Vertrauenswerte. Einerseits bei Sympathisierenden der SVP und andrerseits bei jenem Bevölkerungsteil, der sich keiner Partei zugehörig fühlt.
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Marc Bühlmann erklärt diese Auffälligkeit mit der konservativen Ausrichtung der genannten Gruppen. «Wer bewahren möchte, ist skeptisch gegenüber Neuem und auch nicht offen gegenüber dem Fremden, also den progressiven Dingen.»
Für ihn zeichnet sich das Schweizer System im Gegensatz zu vielen andern gerade dadurch aus, dass auch diese skeptischen Gruppen darin integriert sind und somit konstruktiv wirken können. «Das ist das Wunderbare an unserem politischen System, dass wir dieses Misstrauen im Unterschied zu anderen Ländern sogar in die Regierung eingebunden haben.»
Erschüttertes Vertrauen
Dennoch gibt es Ereignisse, die geeignet sind, das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen zu untergraben. Beispielhaft dafür ist etwa der Unterschriften-Bschiss von 2023, als Medien aufdeckten, dass professionelle Unterschriftensammler systematisch und massenhaft gefälschte Unterschriften für Initiativen und Referenden eingereicht hatten.
Marc Bühlmann sieht dabei aber auch eine Empörungsbewirtschaftung der Medien. Zu Politskandalen wie diesem bemerkt er: «Ich kann die Geschichte auch ganz anders erzählen und sagen: Hey, unser System funktioniert so gut, dass wir das herausfinden.»
Bühlmann sagt: «Wenn unsere Institutionen so funktionieren, dass wir Fehler finden und dazu stehen können, dann sind wir als Demokratie wesentlich weiter, als wenn wir einfach ‚Skandal‘ rufen.»
Was viele kleine Vertrauensrisse bewirken
Corina Schena sieht die Menge an kleinen Vertrauensrissen hingegen durchaus als Faktor. «Wenn sich die Negativschlagzeilen häufen, ist das Vertrauen irgendwann erschüttert,» sagt sie.
Sind die Medien also Schuld, wenn die Bevölkerung beginnt, den Institutionen zu misstrauen? So einfach ist es nicht. Denn: «Vertrauen ist angewiesen auf ganz viel Skepsis, die von den Medien kommen muss», argumentiert Marc Bühlmann. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass es auch ein gesundes Misstrauen, eine Skepsis, gegenüber den Medien braucht.
Corina Schena berichtet von einer soeben veröffentlichten Studie, die zum Resultat hatte, dass herkömmliche Medien in Sachen Vertrauen immer noch besser abschneiden als soziale Medien oder Online-Informationsquellen.
Davon ist auch Auslandschweizer Josef Zihlman überzeugt. Er berichtet von der US-Medienlandschaft, die aufgrund einer fortgeschrittenen Kommerzialisierung die Menschen nur noch mit Echokammern bedienen würden. «Viele Schweizer sind sich gar nicht bewusst, was es für ein Segen ist, wenn man einigermassen ausgewogene Medien hat», sagt er.
Editiert von Mark Livingston
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