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Wie Yoga den Weg von Indien in die Schweiz fand

Historische Aufnahme eines Yoga-Kurses
Ausschnitt aus der Schweizer Filmwochenschau, die 1969 über die zunehmende Verbreitung des Yogas berichtete. Memobase

Yoga ist heute als Fitness- und Entspannungstechnik populär, hat aber eine jahrtausendealte Geschichte, die tief in der indischen Philosophie verwurzelt ist. Doch wie fand Yoga den Weg in die Schweiz?

SWI swissinfo.ch publiziert regelmässig Artikel aus dem Blog des NationalmuseumsExterner Link, die historischen Themen gewidmet sind. Die Artikel sind immer in deutscher und meistens auch in französischer und englischer Sprache verfasst.

Bier-Yoga in der Bahnhofshalle Zürich oder Yoga-Retreat in Scuol – in der Schweiz liegt Yoga im Trend. Es wird im Fitnessstudio, unter freiem Himmel oder in Wellnesszentren praktiziert.

Doch hinter dem populären Bild von Yoga verbirgt sich eine jahrtausendealte Kulturgeschichte, die tief in den philosophischen Traditionen Indiens verwurzelt ist.

Ursprünge und Entwick­lung in Indien

Yoga hat seine Wurzeln im alten Indien, wo es vor über 3000 Jahren als spirituelle Praxis entstand. In Indien war Yoga nicht nur eine körperliche Übung, sondern vor allem ein spiritueller und kultureller Weg mit dem Ziel der Erleuchtung durch Meditation.

Die frühesten Hinweise auf Yoga gehen auf die vedische Zeit zwischen 1500 und 500 v. Chr. zurück. Das Yoga-Sutra des Patanjali, verfasst um 200 n. Chr., ist ein Schlüsselwerk des Yoga.

Es beschreibt die acht Stufen des Yoga, von ethischen Prinzipien (Yamas) bis hin zur Erleuchtung (Samadhi).

Während der Kolonialzeit stiessen portugiesische Missionare auf Yoga und lehnten es ab, da sie es mit dem Hinduismus in Verbindung brachten.

Britische Kolonialherren zeigten ebenso wenig Interesse an der indischen Kultur und damit auch am Yoga. Als Reaktion darauf wurde Yoga für Inderinnen und Inder ein Symbol kultureller Identität und Selbstbestimmung.

Altes Gemälde, das die Yoga-Stellung des Pfaus darstellt
Wandmalerei der Pfauenhaltung (Mayurasana) im Mahamandir-Tempel in indischen Jodhpur, um 1810. Wikimedia

Obwohl die Briten zu Beginn der Kolonialisierung Yoga ablehnten, entdeckten sie einige Zeit später die Asanas – die Körperhaltungen des Yoga – als Fitnessübungen und kombinierten sie mit ihrer Gymnastik.

Die Ursprünge einzelner, heute bekannter Yogahaltungen wie der Herabschauende HundExterner Link oder der Krieger IIExterner Link lassen sich nur schwer zurückverfolgen. Einigen Quellen zufolge gehen sie auf diese Verschmelzung der Asanas mit der britischen Gymnastik zurück.

Der Weg in den Westen

Die Praktiken wurden weiterentwickelt und verschiedene Schulen entstanden, die die körperlich orientierte Übungspraxis lehrten.

Ende des 19. Jahrhunderts besuchten indische Gelehrte und spirituelle Lehrer den Westen. So präsentierte Swami Vivekananda 1893 Yoga auf dem Weltparlament der Religionen in Chicago.

Sein Ziel war es, den Westen für den Hinduismus zu gewinnen und Gegensätze zu überwinden. Dafür passte er Yoga an westliche Wissenschaft und Rationalität an, wofür er spirituelle und kulturelle Aspekte teilweise wegliess.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal zur Schweizer Sportgeschichte, entstanden. Die Plattform bietet schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit. Weitere Informationen finden Sie unter sportshistory.chExterner Link.

In den folgenden Jahrzehnten brachten weitere Lehrer Yoga nach Europa und Nordamerika. In den 1960er- und 1970er-Jahren erlebte Yoga einen Boom im Westen.

Die Beatles trugen wesentlich zu dieser Popularität bei, als sie 1967 an einem Seminar für transzendentale Meditation von Maharishi Mahesh Yogi im walisischen Bangor teilnahmen.

Im darauffolgenden Jahr reisten sie mit Familie, Freunden, Assistenten und zahlreichen Reportern nach Indien, um im Ashram Shankaracharya Nagar an einem Fortbildungskurs für transzendentale Meditation teilzunehmen.

Durch die Beatles und andere Weltstars erlangte Guru Maharishi Mahesh Yogi Weltberühmtheit und sein Weg führte ihn auch in die Schweiz.

Maharishi Mahesh Yogi mit George Harrison und John Lennon
Im August 1967 hielt Guru Maharishi Mahesh Yogi in London einen Vortrag über die Rolle der transzendentalen Meditation, einer von ihm entworfenen Form des Yogas. Zu seinen Zuhörer gehörten auch Paul McCartney, George Harrison und John Lennon. Robert Girardin / Fonds France-Soir / Bhvp / Roger-Viollet

Yoga in der Schweiz

Anfang der 1970er-Jahre verlegte Guru Maharishi Mahesh Yogi den Hauptsitz seiner Organisation in die Schweiz, in das ehemalige Grand Hotel Sonnenberg im Urner Bergdorf Seelisberg, dessen Umgebung, Ruhe und Aussicht auf die Berge ihn faszinierten.

Felix Kägi, einer seiner ersten Anhänger in der Schweiz, hatte ihn mit dem Ort direkt über dem Rütli bekannt gemacht. Zu Spitzenzeiten lebten bis zu 300 Anhängerinnen und Anhänger in Seelisberg.

Maharishi Mahesh Yogi umgeben von Anhängerinnen und Anhängern, 1970.
Guru Maharishi Mahesh Yogi mit einigen Anhängerinnen und Anhängern, 1970. e-pics

Maharishi Mahesh Yogi war nicht der erste Yogi in der Schweiz.

Zwar fehlen konkrete Quellen, um die frühesten Yogis im Land zu benennen, doch bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in der Schweiz Yoga praktiziert – und zwar auf dem legendären Monte VeritàExterner Link: Hoch über Ascona versammelten sich Menschen, die nach einer Alternative zu den starren gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit suchten.

Sie strebten ein Leben im Einklang mit den natürlichen Rhythmen des Menschen und der Natur an. Laut dem Schriftsteller Hermann Hesse gehörten zu den Bewohnerinnen und Bewohnern des Monte Verità auch Anhänger und Praktizierende «indischer Übungen».

Historische Aufnahme eines Yoga-Kurses
Eine Yogaklasse in der Schweiz im Jahr 1954. e-pics

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde Yoga in der Schweiz bekannter und populärer. 1948 gründeten Selvarajan Yesudian und Elisabeth Haich in Zürich die erste Yogaschule der Schweiz, nachdem sie aus dem kommunistischen Ungarn geflüchtet waren.

Yesudian, ein indischer Yogi, wurde in Ungarn ausgebildet und veröffentlichte 1941 dort sein Buch «Sport és jóga» (Sport und Yoga), das sich an ein westliches Publikum richtete.

In den folgenden Jahren eröffneten Yesudian und Haich weitere Schulen in der Schweiz, unter anderem in St. Gallen, Lausanne und im Tessin.

Wie in anderen europäischen Ländern erlebte Yoga in den 1970er-Jahren auch in der Schweiz einen Boom. Yoga-Studios, Retreats sowie Ausbildungsmöglichkeiten entstanden und in Lausanne wurde die Fédération Suisse de Yoga gegründet.

Auch die Wissenschaft interessierte sich zunehmend für Yoga. Universitäten und Forschungsinstitute untersuchten die Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit.

Erste Studien zeigten, dass Yoga Stress reduzieren, die Herzgesundheit verbessern und bei Angststörungen helfen kann. So fand Yoga seinen Weg ins Gesundheitswesen, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten arbeiteten zunehmend mit Yogalehrerinnen und Yogalehrern zusammen.

Internationales Yoga-Seminar in der freien Natur bei Moléson (Kanton Freiburg), 1971:

Externer Inhalt

Kommer­zia­li­sie­rung

Die ursprünglich aus Indien stammende Yoga-Tradition wird heute von 250 bis 300 Millionen Menschen weltweit praktiziert. Während Yoga in Indien tief mit Spiritualität und Philosophie verwurzelt ist, hat sich der Fokus in Europa und den USA zunehmend auf körperliche Fitness verlagert.

In manchen Ausprägungen ähnelt Yoga hier eher einem Sport als einer spirituellen Praxis – etwa bei den Schweizer Yoga-Meisterschaften.

Die Kommerzialisierung des Yoga ist unübersehbar: Yogamatten, Designerkleidung, Bücher und sogar Playlists haben Yoga zu einem Milliardenmarkt gemacht.

Dabei bleibt oft nur noch wenig von der ursprünglichen spirituellen Lebensweise erhalten, die vor Tausenden von Jahren in Indien ihren Ursprung fand.

Manda Beck ist Historikerin.

Der Originalartikel auf dem Blog des Schweizerischen NationalmuseumsExterner Link

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