"Die Rezession in den USA, ein notwendiges Übel"

Amerikaner sind es gewohnt, mehr zu konsumieren als sie verdienen. Keystone

Die grösste Volkswirtschaft auf dem Planeten droht in eine Rezession abzugleiten. Dies könne aber auch positive Effekte haben, meint ein Experte gegenüber swissinfo.

Dieser Inhalt wurde am 22. Januar 2008 - 21:52 publiziert

Laut Michel Girardin von der Union Bancaire Privée in Genf müssen die Amerikaner aus ihren Schulden herauskommen, die sie seit über 20 Jahren angehäuft haben.

Aufgeschreckt durch das Gespenst einer Rezession in den Vereinigten Staaten, sind weltweit die Börsen unter Druck geraten. Kein Grund, den Kopf zu verlieren, meint Michel Girardin. Er erinnert daran, dass seit fast 25 Jahren – also seit der Ära Reagan – die Amerikaner über ihre Verhältnisse leben.

swissinfo: Die amerikanischen Verbraucher kommen einfach an Geld heran, das sie nicht haben. Tragen nicht die Banken, die ihnen dieses Geld leihen, eine grosse Verantwortung?

Michel Girardin: Richtig. Die Amerikaner sind sich von Klein an gewohnt, auf Kredit zu konsumieren. In jedem Briefkasten finden sich jeden Tag fünf bis zehn Werbebriefe von konkurrierenden Kreditkartenfirmen – und alle werben mit Kostensenkungen.

Und bis vor Kurzem hatten sie sogar die Möglichkeit, ohne Eigenkapital ein Haus zu kaufen, ja sogar ohne Arbeitsplatz. Eine Unterschrift und die Sache war erledigt.

Man erwartet jetzt eine Angleichung der amerikanischen Ökonomie mit Regeln für die Kreditvergabe, die sich an jener Realität orientieren, die wir beobachten und vergleichen können.

swissinfo: Sie haben die Kreditkarten erwähnt. Sind sie der Grund für die nächste Krise? Man kann sich vorstellen, dass auch dort die Verschuldung gigantisch ist.

M. G.: Heute sind es die Konsumenten, die vor allem für die Verschuldung der USA verantwortlich sind. Mehr als Unternehmen und Staat, dessen Haushaltsführung sich seit der Ära Clinton verbessert hat.

Wenn die USA in eine Rezession fallen, werden die Einkommen zurückgehen, wird es Entlassungen geben, und selbst wenn die Zinsen auf ein sehr niedriges Niveau fallen, muss man damit rechnen, dass es auch bei den Kreditkarten Probleme geben wird.

swissinfo: Bedeutet diese Krise das Ende der Zeit der exorbitanten Gewinne in der Finanzbranche, die nicht einfach weiter "Geld mit Geld" machen kann?

M. G. Auch wenn möglicherweise die Übertreibungen in bestimmten Sektoren und zu bestimmten Zeiten das Gegenteil verheissen, schafft man es nicht, ohne reales Wirtschaftswachstum Gewinne zu erarbeiten. Dies gilt nicht nur für die Banken.

Die Finanztitel, also Banken und Versicherungen, repräsentieren nämlich den grössten Sektor des weltweiten Aktien-Indexes. Auf die Marktkapitalisierung gerechnet, macht das einen Gesamtanteil von rund 30% aus. Und es ist gut, dass heute die Börsenplätze betroffen sind.

Denn die Qualität der Gewinne von Banken und Versicherungen ist recht schlecht. Sind die Märkte gut, sind auch die Gewinne gut. Sobald aber wie jetzt korrigiert wird, verkündet einer nach dem anderen Verluste.

Auch die höheren Boni bei den Finanzdienstleistern sind Zyklen unterworfen. Das kann ein Wachstum von 10% im einen Jahr bedeuten und ein Verlust von 5-10% im anderen. Die Banken haben 2007 Gewinne gemacht, sie werden 2008 Verluste machen.

swissinfo: Muss man in den Vereingten Staaten eine Rezession befürchten?

M. G.: Ich bleibe optimistisch und konstruktiv. Die Amerikaner gehen das Problem frontal an. Die Banken reinigen ihre Bilanzen, und sie tun das jetzt.

Zudem springen heute souveräne Fonds aus dem Nahen Osten und aus Asien ein. Sie beschäftigen sich mit den Bilanzen der Banken, sie schiessen Geld ein, aber nicht zu allen Bedingungen.

Ein Teil der Lösung ist, gegen die extensive Verschuldung anzukämpfen. Das heisst, im Moment muss man den Gürtel halt enger schnallen. Und so, muss man leider sagen, erweist sich die Rezession in den Vereinigten Staaten als ein notwendiges Übel.

swissinfo-Interview, Marc-André Miserez
(Übertragung aus dem Französischen: Etienne Strebel)

Fakten

Gewinne und Verluste an den internationalen Märkten:

Dow Jones –2,04%
Nasdac –2,04%
Zürich: +2,76%
Frankfurt: -0,31%
Paris: +2,07%
London: +2,90%
Madrid: +1,69%
Mailand: +1,18%
Tokyo: -5,65%
Shanghai: -7,22%
Bombay: -4,97%.
Sao Paulo: +4,63%

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Michel Girardin

Promotion in Volkswirtschaftslehre an der Universität Lausanne, Inhaber eines Mastertitels der London School of Economics.

Er weist fast 20 Jahre Erfahrung im Privatbanking auf, in Genf, Zürich und Asien.

Weiter arbeitete er in Mailand als für Italien zuständiger Ökonom der internationalen Rating-Agentur Standard & Poor's.

Heute ist er Miglied der Geschäftsleitung und Wirtschaftsberater für UBP Institutionelles Management, eine Tochtergesellschaft der Union Bancaire Privée.

Zudem ist Girardin regelmässiger Kolumnist in der Schweizer Presse und Dozent an der Ecole des Hautes Etudes Commercialles de l'Université de Lausanne.

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