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"Libyen bezahlt einen hohen Preis für die Freiheit"



Der libysche Schriftsteller Ibrahim Al-Koni an einer Lesung in Zürich, im August 1998.

Der libysche Schriftsteller Ibrahim Al-Koni an einer Lesung in Zürich, im August 1998.

(Keystone)

Macht und Tyrannei sind die dominierenden Themen in den Büchern des libyschen Schriftstellers Ibrahim al-Koni. Der in der Schweiz lebende Autor ist seit kurzem von einem Besuch in seiner alten Heimat zurück. "Libyen war reif für eine Revolution", sagt er.

Aufgewachsen in der Weite der libyschen Wüste, lebt Ibrahim al-Koni heute zurückgezogen am Rand der Schweizer Alpen. Interviews gibt er selten, zu politischen Themen will er sich schon gar nicht äussern, er sei schliesslich kein Politiker oder Aktivist, sondern Schriftsteller. Und was er zu sagen habe, stehe in seinen Büchern.

Doch jetzt haben ihn die Umwälzungen in der arabischen Welt und die beispiellose Gewalt Gaddafis gegen seine Bevölkerung aus der Reserve gelockt. "Ich war gerade für zwei Monate in Libyen, um meinen kranken Bruder zu besuchen, als sich in Tunesien der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi verbrannte und die ersten Demonstranten gegen das Regime auf die Strasse gingen", sagt er gegenüber swissinfo.ch. Die Revolutionen in Tunesien und Ägypten habe er mit Spannung und Freude von Libyen aus verfolgt und gespürt, dass der Funke bald überspringen würde: "Libyen war reif für eine Revolution." Am Tag, bevor die Proteste in Libyen begannen, am 15. Februar, hat er das Land wieder verlassen.

Der Mut seiner Landsleute überrascht ihn nicht. Die libysche Bevölkerung sei zwar äusserst friedlich, tolerant und geduldig, aber der Druck sei nach 42 Jahren Diktatur zu gross geworden. "Als die Libyerinnen und Libyer sahen, wie die Menschen in Tunesien und Ägypten ihre Diktatoren stürzten, wurde ihnen bewusst, dass auch Gaddafi nicht unbesiegbar ist", sagt der Autor.

Der Aufstand gegen das Gaddafi-Regime löst ambivalente Gefühle bei ihm aus: "Ich freue mich, dass die Menschen mit so viel Willenskraft gegen die Diktatur kämpfen, bin aber auch sehr traurig über die Gewalt. Die Bevölkerung bezahlt einen hohen Preis für die Freiheit."

Enttäuscht von Gaddafis Revolution

Seit Jahrzehnten ist das kulturelle und intellektuelle Leben in Libyen auf individuelle Zirkel beschränkt, die Pressefreiheit von Gaddafis brutalem Willkürregime geknebelt. Literatur aus Libyen ist im Westen kaum bekannt. Dabei gehört Ibrahim al-Koni zu den wichtigsten Autoren der arabischen Welt. Bereits 11 seiner 70 Bücher sind ins Deutsche übersetzt.

Schauplatz ist die Wüste, Macht und Tyrannei sind die dominanten Themen. Kein Wunder, denn der in einem Tuaregstamm in der libyschen Wüste aufgewachsene al-Koni hat Gaddafis Machtübernahme 1969 als junger Journalist in Tripolis hautnah miterlebt. "Wir waren bald enttäuscht von der so genannten Revolution, die Gaddafi versprochen hatte. Ich kam immer wieder in Konflikt mit dem Regime und fühlte mich bedroht", sagt er. Deshalb ging er 1970 in die Sowjetunion. Nach dem Studium der Literatur am Gorki-Institut in Moskau arbeitete er als Journalist in Warschau und Moskau, bevor er 1993 in die Schweiz kam.

Der Fluch der Tyrannei

Macht und Tyrannei verhandelt der libysche Schriftsteller in seinen Romanen metaphorisch. Der erst letztes Jahr auf Deutsch erschienene Roman "Das Herrscherkleid" erzählt auf kafkaeske Weise, wie ein der Macht verfallener Herrscher in einer Wüstenoase mit seinem Kleid zusammenwächst. Als er das Gewand zurückgeben soll, wird klar, dass er damit seine Haut abziehen und sterben müsste. Dagegen wehrt er sich mit brutaler Gewalt. Der Roman, dessen Originaltitel "Das Geschwür" heisst, zeige die Tyrannei als vernichtendes Krebsgeschwür.

Er erzähle hier nicht einfach einen Schlüsselroman über die libysche Diktatur, sondern verhandle den Fluch des menschlichen Machtstrebens auf einer philosophischen Ebene, sagt er.

Ibrahim al-Koni hat für sein literarisches Werk zahlreiche Preise erhalten, 1996 auch den Libyschen Staatspreis für Kunst und Literatur. Die internationale Prominenz habe ihm in Libyen einen gewissen Schutz gewährt: "Das Regime hat mich respektiert." Dennoch sei er bei jedem Besuch vom Geheimdienst überwacht worden.

In den letzten Jahren hat Muammar Gaddafis Sohn Seif al-Islam in der Bevölkerung die Hoffnung genährt, dass das Regime das Land modernisieren und mehr Freiheiten zulassen wolle. "Vater Gaddafi brachte dieses Projekt zum Scheitern. Er hielt Reformen für überflüssig, besonders als er realisierte, dass er in Europa ohnehin wieder salonfähig geworden war", sagt Ibrahim al-Koni.

Ibrahim al-Koni

Ibrahim al-Koni lebt seit 1993 in der Schweiz, in einem Dorf oberhalb des Thunersees im Kanton Bern. Er besitzt sowohl die libysche wie die schweizerische Staatsbürgerschaft.

Neben zahlreichen internationalen Literaturpreisen erhielt er 2005 den Grossen Literaturpreis des Kantons Bern für sein Gesamtwerk.

1948 geboren, wuchs Ibrahim al-Koni in einem Tuareg-Stamm in der libyschen Wüste auf. 1970 zog er in die Sowjetunion, wo er am Gorki-Institut Literatur studierte und als Journalist arbeitete.

Von seinen rund 70 literarischen Werken sind bereits elf auf Deutsch im Basler Lenos Verlag erschienen, übersetzt von Hartmut Fähndrich, darunter: "Das Herrscherkleid" (2010), "Die Puppe" (2008), "Meine Wüste" und "Die Magier" (2001).

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