Schweizer WM-Hoffnungen ruhen auf André Bucher
An den Leichtathletik-Weltmeisterschaften, die in Paris im Gang sind, peilt André Bucher die Titelverteidigung über 800 Meter an.
Trotz missglückter Hauptprobe von letzter Woche in Zürich strahlt das Schweizer Aushängeschild Optimismus aus.
In keiner Disziplin liegt die Weltspitze in diesem Jahr enger beisammen als ausgerechnet auf Buchers Paradestrecke. Nicht weniger als 16 Läufer, doppelt so viel wie im Final um WM-Gold rennen können, haben heuer schon die Schallmauer von 1:45 geknackt.
Dennoch blickt der 26-jährige bisher einzige Lauf-Weltmeister der Schweizer Leichtathletik-Geschichte der Titelverteidigung gewohnt locker entgegen. Schaffe er die Finalqualifikation, sei alles möglich, beurteilt Bucher seine Chancen.
Der komplette Mittelstreckler
Seinen Optimismus stützt Bucher auf drei starke Säulen. Als einer der komplettesten Mittelstreckenläufer bringt er nicht nur seine grosse Erfahrung in internationalen Meisterschafts-Rennen mit ihren oftmals eigenen Gesetzen auf die Piste.
Er hat auch einen ausgeprägten Renninstinkt, der ihn selten in taktische Fallen laufen lässt. Dazu sollte der Titelverteidiger von Edmonton 2001 exakt in Paris die Früchte seines einmonatigen Höhentrainingslagers in St. Moritz ernten können.
Den missratenen WM-Probegalopp an der «Weltklasse Zürich» vom vergangenen Freitag, als Bucher gar nie ins Renngeschehen eingreifen konnte und das Ziel als Achter erreichte, hat der Routinier mit der ihm eigenen Abgeklärtheit abgehakt.
«Es war einfach ein schlechter Tag», sagt er gegenüber swissinfo. An einem anderen Tag dagegen könne die genau gleiche Taktik aufgehen, das gehöre einfach zum Sport.
Breites Taktik-Repertoire
In den bisherigen Rennen demonstrierte der Luzerner, dass er über die Doppelrunde alle taktischen Renn-Varianten beherrscht. Dominierte er in seinen bisherigen Top-Saisons 2000 und 2001 die Gegner als Frontrunner jeweils von der Spitze aus, bummelte er zu Beginn des WM-Jahres am Ende des Feldes, um die Konkurrenz auf der Zielgeraden mit einem riskanten Vorstoss auf der Innenbahn zu überholen.
«Mit Taktik allein gewinnt man aber keine Rennen, dazu braucht es auch Glück», so der «Gambler» Bucher. Welche Variante in Paris gefragt sei, sei schwer vorauszusagen. «Aber es scheint, dass alle eine Zeit um 1:44 herum laufen werden. Es könnte deshalb zu einem ähnlichen Rennen wie in Zürich kommen, wo niemand auch nur einen Zentimeter nachgeben wollte.»
Auch Trainer zuversichtlich
Bucher-Trainer Andi Vögtli teilt den Optimismus seines Schützlings. «Alles, wirklich alles ist möglich», so auch seine Einschätzung. Im Unterschied zu Bucher, den er seit dessen Jugendzeit betreut, glaubt er nicht an eine Wiederholung des Rennens vom Letzigrund, denn «keiner wird die ersten 200 Meter so schnell anlaufen wie in Zürich.» Das horrende Anfangstempo war für Buchers verpasstes Rennen mitverantwortlich.
Überraschungen aus…
Im Sog des besten Schweizer Leichtathleten seit Markus Ryffel messen sich an der Seine weitere fünf Athleten und zwei Athletinnen mit den Weltbesten. Wenn auch Medaillenchancen ausser Reichweite liegen, kommen doch Christian Belz über 5000m und der Weitspringer Julien Fivaz zumindest für eine Überraschung in Frage.
… Neuenburg und…
Dazu müssten sie aber ihre Saisonbestleistungen egalisieren, angesichts der oft besonderen Charakteristik grossen Meisterschaften kein leichtes Unterfangen. Immerhin katapultierte sich der Neuenburger Fivaz mit seinem neuen Landesrekord von 8,27 Metern als Neunter der Weltjahres-Bestenliste mitten in die Weltelite, zumindest auf dem Papier.
… Bern
Dass es heuer neben dem weiten Satz noch eine weitere der doch eher dünn gesäten positiven Überraschungen in der Schweizer Leichtathletik gab, dafür sorgte Christian Belz.
Dass der ehemalige Steepler ein hervorragender Langstreckler ist, hatte Belz an Welt- und Europameisterschaften im Cross schon mehrfach unter Beweis gestellt. Dass ihm aber gleich in seinem ersten Rennen nach dem Disziplinenwechsel mit 13:12,16 ein absoluter Ausreisser glückte, übertraf doch einigermassen die Erwartungen.
Eher Fragezeichen stehen hinter dem Potential der 800m-Läuferin Anita Brägger. Gleiches gilt für Viktor Röthlin, den besten Schweizer Marathonläufer der Gegenwart. Beide können zwar aufgrund ihrer Marken mit der erweiterten europäischen Spitze mithalten, blieben aber bisher ihrer Reputation an grossen Meisterschaften doch einiges schuldig.
Erfahrungen sammeln
Bei Cedric El-Idrissi (400m Hürden), Martin Stauffer (Hochsprung) und der Siebenkämpferin Sylvie Dubois geht es in Paris in erster Linie darum, dass sie mit ihren Leistungen ihre Selektion bestätigen können. Pech hatte der Zehnkämpfer Rolf Schläfli, der zwar die WM-Limite erfüllt hatte, in Paris aber wegen einer Operation passen muss.
swissinfo und Agenturen
André Bucher ist heuer mit 1:44,25 über 800m die Nummer 8 der Welt.
Saisonschnellster ist der Südafrikaner Mulaudzi mit 1:43,25
WM-Rennen haben oft eigene Gesetze
Die WM in Paris dauert vom 23. bis 31. August
Im Stadion Parc des Princes werden insgesamt über 500’000 Zuschauer erwartet
Der Final über 800m ist am Schlusstag
Werner Günthor ist mit 3 WM-Goldmedaillen der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet
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