Abfallturm in Bern
Die Reinigungsgeräte in der Berner Innenstadt standen während 24 Stunden still - die Reaktionen auf den Abfallberg waren geteilt.
Der «Nicht-Reinigungs-Tag» soll für mehr Sauberkeit sensibilisieren.
Von Donnerstag- bis Freitagmittag wurden in der Berner Innenstadt die Abfallkübel nicht geleert und die Gassen nicht mehr gewischt. Der Wind trieb am Freitagmorgen Papierfetzen und gebrauchte Fastfood-Packungen durch die Gassen Berns. Weit und breit gab es keinen Abfallkübel, der nicht längst überquoll.
Das traurige Bild war gewollt: Statt mit Besen und Wischmaschine waren die Angestellten der Stadtreinigung mit Plakaten unterwegs, auf denen die Bevölkerung über den behördlich angeordneten Nichtreinigungstag informiert wurde.
Auf der Strasse war zur Aktion mehrheitlich Positives zu hören, auch wenn der direkte Nutzen allenthalben bezweifelt wurde. «Jene, die’s angeht, lassen sich davon nicht beeindrucken», sagte ein älterer Passant.
Verärgerung bei Innenstadt-Organisationen
Er habe in den Lauben fast nur positive Rückmeldungen erhalten, sagte der zuständige Gemeinderat Alexander Tschäppät vor den Medien.
Es sei klar, dass mit der Aktion das Verhalten der hartnäckigen Abfallsünder nicht beeinflusst werden könne. «Wir wollen aber zeigen, dass wir für eine saubere Stadt kämpfen und einen Gedankenanstoss für mehr Eigenverantwortung liefern.»
Wenig Freude löste die Aktion bei Geschäftsbesitzern aus. Von «Bieridee» und «unnützes ‚Trashfest'», das keine Verhaltensänderung bewirke, war die Rede. Vor allem Touristen stünden ihr verständnislos gegenüber und nähmen ein negatives Bild mit nach Hause.
Gedenkhaufen
Der Abfall, der sich während 24 Stunden ansammelte, wurde nach der Aktion auf einem zentralen Platz zu einem Kehricht-Gedenkhaufen aufgetürmt.
Durchschnittlich fällt in den Gassen und öffentlichen Abfallkübeln der Berner Innenstadt pro Tag 2,5 Tonnen oder 40 Kubikmeter Abfall an.
Standard klar schlechter als früher
Dreckige Städte, überall herumliegende Abfälle – immer wieder beklagen sich Leute über die Zustände hierzulande. Für Stefan Baumann von der Vereinigung «Praktischer Umweltschutz Schweiz» (PUSCH) zeigen diese Klagen ein reales Problem. «Der Standard in der Schweiz ist klar nicht mehr wie in den 70er Jahren», so der Abfall-Experte.
In Abfall-Entsorgung, -Trennung und -Recycling war die Schweiz lange Zeit Spitze. Beim Sammeln von Papier, Glas, PET-Flaschen oder Aluminiumdosen gehört das Land weiterhin zu den europäischen Spitzenreitern.
Verdreckte Städte schweizweit
Von zunehmender Verschmutzung allerdings sind alle Schweizer Städte betroffen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmass.
Thierry Diserens, Verantwortlicher für die Abfallentsorgung in Lausanne, spricht von keinem grossen Problem. Die Begründung: «Wir kennen in Lausanne keine Gebühren für die Haushalts-Abfallsäcke. Und da wir zudem die Strassen häufig reinigen, sind sie meistens sauber.»
Anders tönt es aber nicht bloss in Bern. Genf, Basel und Zürich klagen ebenfalls über zunehmende Abfallberge auf den Strassen. Und auch kleinere Städte sind betroffen: Punkto Sauberkeit ist die Schweiz europäisches Mittelmass geworden.
Änderung der Gewohnheit
Das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft sieht den Grund nicht bloss darin, dass Haushalte nun vielerorts direkt, mit Sackgebühren, für ihre Abfälle bezahlen müssen. Und auch der Leiter der Basler Stadtreinigung, Alexandre Bukowiecki, sprach im Frühling 2001 von «Folgen der veränderten Gewohnheiten einer breiten Öffentlichkeit in Sachen Umgang mit Sauberkeit und Abfall».
Im Jahr 2001 startete die PUSCH zusammen mit Gemeinden und weiteren Partnern eine schweizweite Kampagne, um Konsumierende zu sensibilisieren. Mit Plakaten, Klebern und auch Strassentheatern sollen die Leute motiviert werden, die Abfälle korrekt zu entsorgen – dies mit Witz und Ideenreichtum, nicht mit Drohfingern und Moral.
Eine erste Bilanz aus der Stadt Bern zeigt: Rein quantitativ war die Kampagne bereits im ersten Jahr ein Erfolg. «Letztes Jahr war das Mengenaufkommen erstmals rückläufig», sagt Stefan Baumann zufrieden.
Behörden haben Handlungsbedarf erkannt
Während 2001 das Thema schweizweit gross diskutiert worden sei, ortet der PUSCH-Fachmann nun eine Beruhigung. Die grosse Empörung darüber, was alles rumliege auf den Strassen und Plätzen, sei nicht mehr da.
Den Grund sieht er nicht darin, dass man sich an die Zustände gewöhnt habe: «Es geht vielmehr darum, dass die Leute gemerkt haben, dass die Behörden das Problem ernst nehmen und handeln.»
In Bern spürt Beat Hunziker weiterhin Druck aus der Bevölkerung und der Politik, etwas gegen den achtlosen Umgang mit dem Abfall zu unternehmen – deshalb nun der Putzstopp und weitere Sensibilisierungsaktionen.
Mehr Verpackungen, weniger Verantwortung
Weshalb braucht es das eigentlich, weshalb haben sich die Gewohnheiten besonders bei den jungen Leuten so verändert? «Heute interessieren sich die Leute weniger für Abfall als für die Qualität von Luft und Wasser», vermutet der Soziologe François Hainard von der Universität Neuenburg. «Zudem gibt es heute mehr Gelegenheit als früher, um Abfall zu produzieren.»
Die Tatsache, dass viele Leute heutzutage beim Gehen essen oder statt einem Mittagsmahl im Restaurant ihren Fastfood auf einem Platz verzehren, macht es wirklich nicht einfacher, Ordnung zu halten.
«Und vielleicht», so Hainard weiter, «fühlen sie sich auch nicht mehr verantwortlich. Denn die Putzleute kommen ja ohnehin vorbei.»
Fabio Mariani und Eva Herrmann, swissinfo
«Ein ausländischer Besucher lässt ein Papierchen fallen – ein Schweizer hebt es auf und rennt ihm nach, weil er meint, der Besucher hätte das Papierchen verloren.» Die Beschreibung des Erfolgsautors Ephraim Kishon ist nicht mehr Realität.
Mit Kampagnen und Strafen versuchen die Behörden in allen grösseren Städten, gegen das gedankenlose Liegenlassen der Verpackungen von Zwischenmahlzeiten, von Zigarettenverpackungen und anderen Überbleibsel unserer Wegwerf-Gesellschaft anzukämpfen.
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