ALT::::::::::::::::::Sinkflug zu spät befohlen?
Dieser Kernfrage wich die Schweizer Flugleitung Skyguide am Dienstag aus.
Vor den Medien in Zürich-Kloten wollte sich niemand zu dieser Frage klar äussern. Die Untersuchungen seien noch im Gang, hiess es. Bekannt gegeben wurden die Fakten, die am frühen Dienstag abend vorhanden waren und veröffentlich werden durften.
So betrug die vorgesehene Flughöhe der russischen Maschine 35’000 Fuss (rund 11’000 Meter). Zur Zeit des Unfalls befanden sich fünf Flugzeuge in der Luft. Zwei Fluglotsen taten die Arbeit in Zürich. Nur einer war am Arbeitsplatz.
Der erste Befehl zum Sinkflug erfolgte gemäss Toni Maag, dem Zürcher Flugsicherungsleiter, eine gute Minute (später auf 50 Sekunden korrigiert) vor dem Kollision. Die Instruktion erfolgte ohne Zeitreserve, denn ein Flugzeug kann im Normalfall in einer Minuten lediglich rund 1000 Fuss sinken. 1000 Fuss ist aber der vorgeschriebene Mindestabstand. Und bei 45 Sekunden bis zur voraussichtlichen Kollision schlägt auch das automatische Kollisions-Warngerät TCAS ein erstes Mal Alarm. Bei 35 Sekunden löst das System den Ausweichbefehl aus.
TCAS (Trafic Collision Avoidance System)
Das Kollisions-Warngerät TCAS müssen alle grösseren Flugzeuge installiert haben. Die Geräte kommunizieren miteinander und teilen einander ihre Position mit. Der Pilot sieht die anderen Flugzeuge auf dem Navigation-Display. Er hat – wie auf einem Radar – eine Distanzangabe.
TCAS hat Priorität gegenüber Anweisung des Fluglotsen. Man weiss nicht, ob die Tupolew über ein solches Gerät verfügt, sie müsste aber.
Steig- und Sinkflug
«Auf der Höhe, wo die beiden Flugzeuge flogen, findet eine erste akustische Warnung etwa 45 Sekunden vor dem Zusammentreffen statt. Bei 35 Sekunden zum kritischen Punkt wird ein Befehl in beiden Flugzeugen ausgelöst, wenn beide Flugzeuge entsprechend ausgerüstet sind», meinte Jürg Schmid, Vizepräsident Flight Safety Swiss.
«Die neuen Geräte befehlen dem einen Flugzeug Steigflug, dem anderen Flugzeug Sinkflug. Es wird nur in der Vertikalen ausgewichen, nicht in der Horizontalen.»
Beim Zusammenstoss über dem Bodensee erhielt eine Maschine einen Befehl vom Fluglotsen. Die andere vom TCAS.
«Der Controller hat diesen beiden Flügen die Durchflugbewilligung erteilt und hat dann als sich die Kreuzung abzeichnete das russische Charterflugzeug auf seine tiefere Höhe freigegeben,» so Toni Maag.
«Leider hat der russische Pilot diese Anordnung nicht sofort befolgt, sondern er musste nochmals zurückgerufen werden, und hat dann erst nach einigem Zögern die Flughöhe 36’000 Fuss verlassen, um auf die neue Flughöhe abzusinken.»
Maag fuhr weiter: «Diese Verzögerung führte dazu, dass dieses Kreuzungsproblem eine enge Situation ergab. Was aber viel gravierender hinzukam, war, dass diese Situation im zweiten Flugzeug die automatische Warnung gegen Kollisionen im Luftraum auslöste und dem Piloten im Frachtflugzeug einen automatischen Befehl zum Sinkflug erteilte, welcher der Pilot gemäss Vorschriften sofort auszuführen hatte.
Vorgesehene Staffelung funktionierte nicht
Nach Aussagen von Swiss-Piloten muss der Pilot diese Anweisungen innerhalb von 5 Sekunden befolgen. Durch dieses doppelte Absinken der beiden Flugzeuge wurde die Staffelung, die der Controller vorgesehen hatte, wieder aufgehoben und die beiden Flugzeuge haben sich dann auf tragische Weise in einer Höhe von 35’300 Fuss berührt und sind beide abgestürzt.
Eine Minute Vorwarnzeit
Maag meinte schliesslich: «Es ist die Arbeit des Lotsen, der selber verantwortlich ist, zu entscheiden, zu welchem Zeitpunkt er ein Flugzeug auf eine andere Höhe bewilligt. Was er als Vorgabe hat, ist die Minimalstaffelung, die er jederzeit gewährleisten sollte. Nämlich mindestens acht Kilometer in der Seite und 1000 Fuss sprich etwa 300 Meter in der Vertikalen. Das Verhalten des Lotsen war nicht unverantwortlich, sondern höchstens ein bisschen spitz, wie wir sagen würden.»
swissinfo
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