Asbest lastet auf ABB
Das Elektrotechnik-Unternehmen rechnet im Zusammenhang mit Rückstellungen wegen Asbestklagen mit einem Konzernverlust für 2001. Die ABB-Aktien sanken deutlich.
Seit Monaten schwebt das Damoklesschwert der Asbestklagen in den USA über der ABB. Am Mittwoch hat der Konzern den Schleier darüber gelüftet, welchen Umfang die Klagen im letzten Jahr hatten und welche finanziellen Konsequenzen sich daraus für ABB ergeben.
Stark erhöhte Rückstellungen
So gingen 2001 total 55’000 neue Klagen ein gegenüber 39’000 im Jahr zuvor. ABB hat die Rückstellungen entsprechend um weitere 470 Mio. Dollar (über 800 Mio. Franken) erhöht. Zusammen mit der schlechten Konjunktur schlägt dies auf die Ertragsrechnung des weltweit tätigen Konzerns durch.
Für 2001 erwartet ABB nunmehr einen Verlust. Dessen Höhe liess Jörgen Centerman, Vorsitzender der Konzernleitung, offen. Im ersten Halbjahr 2001 war der Gewinn um 79 Prozent auf 266 Mio. Dollar geschrumpft.
Warnung vor voreiligen Schlüssen
Aus heutiger Sicht sollten die auf 940 Mio. Dollar erhöhten Rückstellungen ausreichen, um auch künftige Fälle zu decken. Eine Garantie gebe es natürlich nie. Analysten schätzen, dass die Asbestklagen ABB bis zu 9 Mrd. Dollar kosten könnten.
Auf die Frage, ob die Zahl der Klagen im Januar 2002 weiter gestiegen sei, sagte Centerman, die Daten würden nur quartalweise erhoben. Er warnte aber vor voreiligen Schlüssen. Der Trend könne nicht einfach in die Zukunft fortgeschrieben werden.
Asbest wirft lange Schatten
Die Klagen in den USA gehen auf Asbest-haltige Isolier- und Brandschutz-Produkte zurück, die das US-Unternehmen Combustion Engineering bis Mitte der 70er Jahre ausgeliefert hatte. ABB hatte die US-Firma 1990 übernommen. Asbeststaub gilt als Krebs erregend.
ABB hatte Combustion Engineering vor zwei Jahren zwar an Alstom verkauft. Bestehende und künftige Schadenersatzforderungen blieben jedoch am Technologiekonzern hängen.
Zahlreiche Klagen abgewiesen
Bei berechtigten Klagen strebe ABB eine Einigung mit den Klägern an, sagte Centerman weiter. Zugleich nehme die Zahl unberechtigter Klagen deutlich zu. Diese fechte der Konzern vor Gericht an.
Entsprechend diesem Trend habe die Zahl der abgeschlossenen Fälle im letzten Jahr nur noch 27’000 betragen gegenüber 34’000 im Jahr 2000. Die durchschnittlich ausbezahlte Summe je Klage sei zugleich von 4833 Dollar auf 6069 Dollar gestiegen.
Ende letzten Jahres waren insgesamt rund 94’000 (Vorjahr 66’000) Klagen gegen Combustion Engineering hängig. ABB hat im letzten Jahr 136 (Vorjahr 125) Mio. Dollar an Entschädigungen gezahlt. Um diesen Betrag sind die Rückstellungen entsprechend gesunken.
Hoffnung auf neue Gesetze
Hoffnungen setzen ABB und weitere über 2000 Firmen, gegen die in den USA ebenfalls Asbestklagen laufen, auf die Politik. So hat der Gouverneur im US-Bundesstaat Pennsylvania unlängst ein Gesetz unterzeichnet, das die Höhe der Asbesthaftung begrenzt.
Richtschnur wäre demnach der Wert eines Unternehmens bei der Übernahme. Im Fall von ABB entspräche dies 1,56 Mrd. Dollar.
Ferner gibt es Bestrebungen der US-Regierung, für Asbest-Fälle ein einheitliches Gesetz zu schaffen, so dass für alle US-Gerichte die selben Standards gelten.
Aktienkurs auf Talfahrt
Die Börse reagierte mit einem Kurseinbruch auf die steigende Zahl der Asbestklagen. Die Namenaktie gab in einem schwachen Gesamtmarkt teilweise um über 10 Prozent nach, fing sich dann aber wieder etwas auf. Der Titel schloss bei 15,45 Franken, was einem Minus von 6,9 Prozent entspricht.
Die Enttäuschung der Anleger sei deshalb gross, weil ABB immer erklärt habe, der Konzern habe die Asbest-Problematik im Griff, sagte ein Analyst einer Genfer Privatbank. «Man sieht, dass das Problem grössere Dimensionen annimmt als bisher angenommen», sagte Andres Gujan von der Bank Vontobel.
swissinfo und Agenturen
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