Hat das Palästinenser-Hilfswerk UNRWA noch eine Zukunft?
Das UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge durchlebt die schlimmste Krise seiner Geschichte. Unter politischem Druck stehend, finanziell geschwächt und in Gaza zunehmend marginalisiert, verdüstert sich die Zukunft der UNRWA.
Als der Schweizer Philippe Lazzarini, Generalkommissar der UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East), am 31. März sein Amt niederlegte, machte er kein Hehl aus seiner Besorgnis über die Zukunft der Organisation, die mit «immensen Herausforderungen» konfrontiert sei.
«Die UNRWA steht kurz davor, nicht mehr lebensfähig zu sein», warnte er auf einer Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf.
Die 1949 gegründete UNRWA sollte ursprünglich palästinensischen Flüchtlingen helfen, die durch den Krieg von 1948 vertrieben worden waren. Seither erbringt das Hilfswerk grundlegende Gesundheits- und Bildungsleistungen für mehrere Millionen Menschen im Nahen Osten.
Auch wenn die Organisation heute quasi-staatliche Aufgaben wahrnimmt, war sie ursprünglich nur als vorübergehende Hilfe gedacht. Mangels einer politischen Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts wurde ihr Mandat jedoch immer wieder erneuert.
Seit Beginn des Kriegs in Gaza – als Reaktion auf die Angriffe der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 – steht die UNRWA jedoch unter intensivem Druck. In mehr als zwei Jahren haben israelische Bombardierungen etwa 400 der 13’000 Mitarbeitenden dieser UNO-Agentur im palästinensischen Gebiet getötetExterner Link, während Hunderte ihrer Liegenschaften zerstört wurden. Eine in der Geschichte der UNO beispiellose Bilanz.
Im Januar 2026 erreichte die Spannung einen neuen Höhepunkt, als Israel die Räumlichkeiten der UNRWA im besetzten Ostjerusalem abriss, nachdem es die Tätigkeit der Agentur auf seinem Territorium verboten hatte.
Die Beseitigung des UNRWA ist «ein Kriegsziel»
«Ihre Beseitigung ist zu einem Kriegsziel geworden», sagte Lazzarini mit Blick auf die israelischen Angriffe gegen die UNRWA. Seiner Ansicht nach ist die UNRWA Ziel einer «Desinformationskampagne» der israelischen Regierung.
Diese behauptet, die Organisation sei von der Hamas durchdrungen und in den palästinensischen Gebieten nicht mehr funktionsfähig. Das Ziel sei, die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft sowie die Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser im Rahmen einer Konfliktlösung zu untergraben, fügte Lazzarini hinzu.
Israel, das der UNRWA historisch ablehnend gegenübersteht, ist der Meinung, die Agentur verlängere den israelisch-palästinensischen Konflikt, indem sie die Weitergabe des Flüchtlingsstatus von einer Generation zur nächsten ermögliche.
Auf palästinensischer Seite wird die Tatsache, dass die Agentur ein Flüchtlingsregister führt, als Anerkennung eines Rückkehrrechts betrachtet – eine Forderung, der die israelische Regierung widerspricht.
Unser Erklärartikel über die israelischen Vorwürfe gegen die UNRWA:
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Was Israel der UNRWA im Gazastreifen vorwirft
Seit 2024 wirft Israel der UNRWA vor, ihrer Neutralitätspflicht nicht nachzukommen, und beschuldigt mehrere Mitarbeitende, an den Massakern vom 7. Oktober beteiligt gewesen zu sein. Die Agentur, die diese Vorwürfe bestreitet, hat die betreffenden Mitarbeitenden suspendiert.
Diese Anschuldigungen wurden in mehreren Untersuchungen geprüft. Die erste, unter der Leitung der ehemaligen französischen Aussenministerin Catherine Colonna, kam zum Schluss, dass die UNRWA über Mechanismen verfügt, um ihre Neutralität zu gewährleisten, wenngleich noch Fortschritte möglich seien.
Die zweite, interne UNO-UntersuchungExterner Link gab an, für zehn der 19 beschuldigten Mitarbeitenden keine oder unzureichende Beweise zu haben. Bei den anderen neun kam sie zum Schluss, dass diese möglicherweise in die Angriffe verwickelt gewesen sein könnten, ohne dies mit Sicherheit bestätigen zu können.
Aussetzung der UNRWA-Finanzierung
Die von Israel erhobenen Vorwürfe veranlassten mehrere Länder – darunter die USA und die Schweiz – dazu, ihre finanziellen Beiträge auszusetzen. Im folgenden Jahr stellte Bern seine Finanzierung schliesslich wieder her, halbierte sie jedoch auf insgesamt zehn Millionen Franken.
Washington, bislang grösster Geldgeber, stellte seine Unterstützung im Jahr 2025 ein. Im Jahr 2023 hatte das Land noch 422 Millionen US-Dollar an die Agentur überwiesen.
«Die UNRWA wird langsam erdrosselt», sagt Max Rodenbeck, Projektdirektor für Israel-Palästina bei der internationalen NGO Crisis Group in London. «Es ist fast sicher, dass die Agentur in ihrer jetzigen Form nicht überleben wird», fügt er hinzu und verweist auf den finanziellen und politischen Druck, dem die Organisation ausgesetzt ist.
Die UNRWA sieht sich mit Haushaltsschwierigkeiten konfrontiert, die älter sind als der Krieg in Gaza. Ihre Finanzierung hängt weitgehend von freiwilligen Beiträgen der Staaten ab und schwankt daher von Jahr zu Jahr. So erhielt die Organisation im Jahr 2025 rund 830 Millionen US-DollarExterner Link, verglichen mit 1,33 Milliarden im Jahr 2024Externer Link und 1,48 Milliarden im Jahr davor.
Die Agentur musste die Löhne ihrer lokalen Mitarbeitenden kürzlich um 20% kürzen, während ihre Ressourcen bis September reichen müssen, wie Lazzarini präzisierte.
Die UNRWA ist in Gaza «marginalisiert»
Im vergangenen Jahr hat Israel der UNRWA operative Einschränkungen auferlegt. Das israelische Parlament verabschiedete eine Gesetzgebung, welche die Tätigkeiten der Organisation auf nationalem Gebiet untersagt und israelischen Amtsträgerinnen und Amtsträgern die Zusammenarbeit mit deren Teams verbietet.
Dieses Verbot wurde mit israelischen Sicherheitsinteressen und dem Vorwurf einer Kollaboration zwischen der UNRWA und der Hamas begründet.
Anfang des Jahres riss Israel die Räumlichkeiten der UNRWA im besetzten Ostjerusalem ab und missachtete dabei die Immunität, die UNO-Gebäuden zusteht.
Lazzarini räumte ein, dass die UNRWA, die zu Beginn des Gazakriegs eine Schlüsselrolle bei der Verteilung von Nothilfe gespielt hatte, die Bevölkerung in Gaza nicht mehr mit Nahrungsmitteln versorgen kann, da Israel ihren Lastwagen den Zugang verwehrt.
«Die UNRWA ist in Gaza marginalisiert worden», sagt Rodenbeck von der Crisis Group und fügt hinzu, dass «zehntausende Tonnen an Vorräten der Agentur in Lagerhäusern verrotten».
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Wann ist es ein Völkermord?
Laut ihrem Generalkommissar bleibt die UNRWA jedoch «einer der wichtigsten Anbieter von Grundgesundheitsversorgung, Bildung, Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung und Hygiene» und habe ihre Aktivitäten in diesen Bereichen in Gaza sogar «ausgeweitet».
Seit mehr als sechs Monaten ist offiziell ein Waffenstillstandsabkommen in Gaza in Kraft, auch wenn in dieser Zeit mehr als 730 Palästinenser getötetExterner Link wurden, darunter acht humanitäre HelferExterner Link. In Genf beklagen die UNO-Agenturen regelmässig gefährliche Sicherheitsbedingungen sowie einen unzureichenden Zugang für humanitäre Lieferungen.
Die israelischen Streitkräfte (IDF) beschuldigen die HamasExterner Link, den Waffenstillstand zu verletzen, und erklären, «Terroristen zu eliminieren». Sie bestreiten, den Zugang von Hilfslieferungen nach Gaza zu blockieren, und versichern, die Lieferungen zu «sichern»Externer Link, damit sie nicht in die Hände der Hamas fallen.
Die UNRWA ist vom Friedensplan ausgeschlossen
Während die zweite Phase von US-Präsident Donald Trumps Friedensplan beginnen soll, die durch den Krieg im Iran verzögert wurde, hat Lazzarini eingeräumt, dass er nicht weiss, welcher «Handlungsspielraum» der Organisation eingeräumt wird.
Auf seine Zukunft angesprochen, erklärte er, er wünsche sich, dass «die Agentur ihren vorübergehenden Charakter wiederfindet», und fügte hinzu, er habe «die Mitgliedstaaten aufgerufen, das Personal und das Fachwissen der UNRWA in Gaza zu nutzen, da sie ein wesentliches Gut für die erfolgreiche Umsetzung der Resolution 2803 des SicherheitsratsExterner Link darstellen».
Der Schweizer forderte, dass die wesentlichen Leistungen der Agentur weiterhin erbracht werden, «während sie in den Aufbau der künftigen palästinensischen Institution einbezogen wird, die am Ende eines politischen Prozesses Begünstigte ihrer Aktivitäten wird».
Die am 17. November 2025 in New York verabschiedete Resolution 2803 billigt den 20-Punkte-Plan des amerikanischen Präsidenten zur Beendigung des Kriegs. Der Text anerkennt die Legitimität des von Trump geleiteten Friedensrats als «Übergangsverwaltung», der die Modalitäten der «Neuentwicklung» Gazas festlegen wird.
Dieser hat im Januar ein Nationales Komitee für die Verwaltung von Gaza eingesetzt, das aus 15 Technokraten besteht und für die Übergangsregierung zuständig ist.
Die UNO wird im Text kaum erwähnt und lediglich als «kooperierende Organisation» für die Verteilung humanitärer Hilfe beschrieben. Während der Name Donald Trump darin sechsmal erscheint, ist der Name der UNRWA nicht zu finden.
Unser Reportage aus dem Libanon, um die Arbeit des UNRWA vor Ort zu verstehen:
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UNRWA im Libanon: Retterin im Überlebensmodus
Auf die Rolle der Agentur angesprochen, als er am 22. April Genf besuchte, sagte Jeff Bartos, US-Botschafter für UNO-Management und -Reform: «Der Aussenminister war sehr deutlich: Die UNRWA ist Geschichte. Und wie der 20-Punkte-Plan betont, werden wir uns auf das Nationale Komitee für die Verwaltung von Gaza konzentrieren.»
In diesem Zusammenhang sei es «sehr schwierig», die Zukunft der Agentur vorherzusagen, sagt Rodenbeck. «Ihre Zukunft wird seit einiger Zeit diskutiert. Einige Vorschläge sehen eine Einschränkung ihres Tätigkeitsbereichs oder eine Konzentration auf bestimmte Aspekte ihres Mandats vor.»
Eine Änderung des Mandats würde jedoch die Zustimmung der Generalversammlung erfordern, in der die 193 Mitgliedstaaten der UNO vertreten sind.
Die Mission Israels bei den Vereinten Nationen in Genf, angesprochen auf die Zukunft der Organisation, erklärt, dass «die UNRWA nicht Teil der Lösung, sondern des Problems» sei, und erinnert daran, dass das Land gemäss seiner Gesetzgebung «nicht mit» der Agentur «zusammenarbeiten» werde.
Was die Lieferung von Hilfe nach Gaza betrifft, fügt die Mission hinzu, dass «wie in anderen Konflikten auf der Welt spezialisierte UNO-Agenturen und NGOs vor Ort tätig sind und Hilfe geleistet wird» und sieht darin den Beweis, dass die Agentur «nicht unentbehrlich» sei.
Die Nachfolge von Philippe Lazzarini ist nicht bekannt
Wer auf Philippe Lazzarini nachfolgen wird, der sein Amt Ende März niedergelegt hat, ist noch nicht bekannt. Diese Ernennung obliegt UNO-Generalsekretär António Guterres. Er könnte die Aufgabe jedoch an seine Nachfolge weitergeben, die ihn im nächsten Jahr ablösen wird.
In der Zwischenzeit übernimmt Christian Saunders, leitender Beamter am Hauptsitz in New York, die Interimsfunktion – eine Aufgabe, die er bereits nach dem Abgang von Pierre Krähenbühl im Jahr 2019 wahrgenommen hat.
Auf das ideale Profil angesprochen, antwortet Rodenbeck: «Es bräuchte eine Person, die gleichzeitig die Lage in Gaza bewältigen und Gelder für die Agentur sammeln kann – zwei Aspekte, die schwer zu vereinbaren sind. Und Sie können sich vorstellen, das ist kein Job, den viele Menschen wollen.»
Editiert von Virginie Mangin/livm/ptur, Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub
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