Die Ausnahme Swisscom
Die Telecom-Branche kriselt, Unternehmen stehen vor gigantischen Schulden. Eine Ausnahme ist die Swisscom, die noch Gewinn einfährt und nur wenige Leute entlässt.
Der weltweit grösste Telecom-Anbieter, Worldcom, steht unter Gläubigerschutz, der europäische Marktleader Deutsche Telekom und der Mitbewerber France Telecom stehen vor einem Schuldenberg von jeweils knapp 100 Mrd. Franken.
Eine Ausnahme in der düsteren Telecom-Welt hat ihren Hauptsitz in Bern und gehört zu knapp über der Hälfte dem Schweizer Staat: die Swisscom. Swisscom-CEO Jens Alder konnte einen Geschäftsbericht 2001 präsentieren, der über fast 5 Milliarden Gewinn auswies: Die 4,9 Mrd. Franken Gewinn waren 57% mehr als im Vorjahr.
Gut verkauft…
Die gute Situation der ehemaligen PTT hat mehrere Gründe: Der Verkauf von 28 Geschäftshäusern Anfang Jahr an erstklassiger Lage an ein Konsortium unter Führung der CS spülte 1,27 Mrd. Franken in die Kassen der Swisscom.
In einer zweiten Tranche wurden weitere 162 Immobilien für 1,6 Mrd. Franken verkauft. Beachtliche 4,5 Mrd. Franken flossen der Swisscom zu, als sie 25% ihrer Mobil-Sparte an die britische Vodafone verkaufte – noch bevor der Markt kollabierte.
…gekauft…
Der Kauf der deutschen Debitel scheint sich ebenfalls auszuzahlen. Dieser Mobilfunk-Anbieter zählte Ende 2001 über 10 Mio. Kundinnen und Kunden. Die Firma verfügt über keine eigenen Netze, sondern kauft die Dienste bei andern Anbietern ein und ist damit zum wichtigsten virtuellen Anbieter in Europa geworden.
… und gespart
Der Entscheid, auf eine UMTS-Lizenz in Deutschland zu verzichten, hat die Swisscom vor Milliarden-Ausgaben bewahrt. Auf die dritte Mobilfunk-Generation setzte die Telco-Szene im letzten Jahr enorme Hoffnungen – endlich sollte Breitband-Internet auch mobile Geräte erreichen.
Entsprechend zahlten verschiedene Telekoms in Europa Phantasie-Preise für eine Lizenz, die heute kurzfristig beinahe wertlos ist. Oder sogar die Budgets belastet, weil die Lizenz zum Infrastruktur-Aufbau verpflichtet. Gesichert hat sich die Swisscom jedoch eine UMTS-Lizenz für die Schweiz zum Schnäppchenpreis von 50 Mio. Franken.
Unsichere Zukunft
Über dem Schweizer Telecom-Anbieter brauen sich aber dunkle Wolken zusammen. Denn auch wenn CEO Alder einen über die Hälfte verbesserten Gewinn präsentieren konnte, war dieser doch deutlich auf die beschriebenden Sonderfaktoren zurückzuführen. Der Umsatz des blauen Riesen stieg 2001 denn auch nur um 0,8% auf 14,17 Mrd. Franken. Und für das laufende Jahr rechnet Alder lediglich mit einem Wachstum von 1 bis 3%. Bereits angekündigt sind 600 Entlassungen.
Monopol in Bedrängnis
Es zeichnet sich weiteres Ungemach ab: Konkurrenten rütteln immer stärker am letzten Monopol der Swisscom, der letzten Meile. Festnetzanbieter Tele2 will die so genannten Interkonnektions-Gebühren mit juristischen Mitteln senken lassen. Auch der Schweizer Mobilmarkt gerät ins Stocken. Die Hälfte der Schweizer Bevölkerung telefoniert mobil, der Markt ist gesättigt. Der Preiskrieg droht in eine weitere Runde zu gehen, um Kundinnen und Kunden von einem Anbieter zum andern zu locken.
Auch im nahen Ausland kann die Swisscom nicht ohne weiteres wachsen – die 1999 beschlossene Strategie der Partnerschaften mit Unternehmen im nahen Ausland versagte völlig: Die Swisscom löste die Partnerschaften auf. Die Schweizer bleiben damit in Europa die Nummer 7 hinter Deutsche Telekom, British Telecom, Telecom Italia, der spanischen Telefonica, der englischen Vodafone und France Telecom.
«Unsere Option besteht allein darin, auf eine Nischenstrategie in den entsprechenden Marktsegmenten zu setzen, die unsere grossen Konkurrenten nicht interessieren», liess Swisscom-Chef Alder seine Aktionäre an der letzten Generalversammlung wissen.
Telco-Krise in den USA…
Während Swisscom verhältnismässig gut dasteht, rutschen andere Telcos weiter ab. Seit Montag steht der weltgrösste Telekom-Anbieter Worldcom unter Gläubigerschutz. Die Firma hat den grössten Bankrott der US-amerikanischen Wirtschafts-Geschichte zu verantworten.
CEO John Sidgmore legte am Dienstag jedoch gegenüber amerikanischem Medien bereits wieder Zweckoptimismus an den Tag: Innert 12 Monaten will er reorganisieren und wieder normal geschäften. Das dürfte 17’000 von rund 63’000 Stellen kosten.
… und Europa.
Auch andern grossen Telcos geht es schlecht: Die Deutsche Telekom, grösster europäischer Anbieter, und France Telecom schauen auf eine Schuldenlast von jeweils knapp 100 Mrd. Franken.
Die Krise bei den Dienstanbietern schlägt sich auch bei Netz- und Geräte-Herstellern nieder: Der schwedische Hersteller Ericsson hat Schulden in der Höhe von 10 Mrd. Franken, die französische Alcatel steht vor einem Schuldenberg von 9,3 Milliarden Franken. Die finnische Nokia vermeldete zwar letzte Woche einen gestiegenen Gewinn (+10%, 2,5 Mrd. Franken) , der Umsatz des Handy-Produzenten Nummer 1 sank jedoch (-9%, 20,3 Mrd. Franken).
swissinfo
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