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Die Schlacht ist gewonnen, nicht aber der Krieg

4. November 2002: Ein GBI-Gewerkschafter unterwegs zum grössten Streik seit 1947. Keystone

Die Gewerkschaften haben zwei grosse Siege errungen: im Bausektor und im Postwesen.

Diese Erfolge verhindern aber weder die Erosion der Gewerkschaften, noch ihre Schwierigkeiten, sich im Dienstleistungs-Sektor durchzusetzen.

Die Titel in der helvetischen Presse waren deutlich. «Die Gewerkschaften zwingen die Post in die Knie», heisst es in der «Tribune de Genève», nachdem die Post die Pläne von Konzernchef Ulrich Gygi zur massiven Reduktion der Briefpost-Zentren aufgegeben hatte.

Diesem Sieg war vor kurzem die «historische Einigung», wie «Le Temps» sie nannte, zwischen der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) und dem Schweizerischen Baumeisterverband über das Pensionsalter 60 für Bauarbeiter vorausgegangen.

Die Beschäftigten hätten erkannt, dass sie zusammen eine grosse Kraft bildeten, erklärte Paul Rechsteiner, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), gegenüber swissinfo. «So ist der grosse Erfolg im Baugewerbe möglich geworden.»

Diese beiden Erfolge zeigten, dass die Gewerkschaften zulegten, bestätigte SGB-Sprecher Ewald Ackermann.

Sonderfälle

Der frühere Gewerkschafter Beat Kappeler nuanciert: «In der Schweiz sind die Gewerkschaften nur in einigen Sektoren stark, so im Baugewerbe oder im öffentlichen Dienst.»

Laut Kappeler, der zur Zeit für die «NZZ am Sonntag» arbeitet, sind die zwei jüngsten Siege der Gewerkschaften Sonderfälle.

«Sie kommen unter anderem, wie im Baugewerbe, vom ungeschickten Verhalten der Arbeitgeber und bei der Post vom Gewicht der politischen Verantwortlichen», so Kappeler.

Auch für Arbeitgeberpräsident Peter Hasler sind die beiden Ereignisse eher ungewöhnlich: «Der Fall der Post entspricht nicht den gewöhnlichen Regeln des Marktes.» Und die Einigung im Bausektor sei die Folge einer ausserordentlichen Zerreissprobe.

Dem widerspricht Jean-Claude Rennwald, Mitglied des Lenkungs-Ausschusses der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen SMUV. «Es sind keine Sonderfälle. Sie zeigen im Gegenteil, dass die Gewerkschaften wieder an Gewicht gewinnen.»

Entlassungen und ALV

Die Gewerkschaften hatten in jüngster Zeit allerdings auch einiges einzustecken: So wurde die Revision der Arbeitslosenversicherung (ALV) letztes Wochenende vom Schweizer Volk angenommen – eine Vorlage, welche die Gewerkschaften bekämpft hatten.

Gefordert sind die Gewerkschaften auch bei einer ganzen Reihe angekündigter Entlassungen: So hat der Drehautomaten-Hersteller Tornos in Moutier im Berner Jura diesen Monat einen massiven Stellenabbau verkündet, der Waadtländer Technologie-Konzern Kudelski baut kurzfristig 110 Stellen ab, und die Fluggesellschaft Swiss streicht 300 Arbeitsstellen.

Mitgliederschwund

Zu erwähnen sind zudem die weniger sichtbaren Kündigungen im Bankensektor und in den neuen Technologien.

Hier ortet Kappeler denn auch das Problem: «Die Gewerkschaften sind in jenen Sektoren wenig vertreten, wo neue Stellen geschaffen werden und höhere Löhnen gelten.»

Ähnlich tönt es bei Hasler: «Ganz allgemein verlieren die Gewerkschaften Mitglieder, sie haben auch nicht mehr genug Geld für neue Aktivitäten, was wir bedauern. Denn wir brauchen starke Sozialpartner.»

Ein Verdikt, dem Gewerkschafter Ackermann teilweise zustimmt: «Die Gewerkschaften haben Mühe, im Dienstleistungs-Sektor Fuss zu fassen. Im Bankensektor zum Beispiel verlieren sie laufend Mitglieder.»

Für SGB-Präsident Rechsteiner ist die Gewinnung neuer Mitglieder denn auch eine grosse Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe: «Wir haben immerhin erreicht, dass die Mitgliederzahl nicht weiter absinkt».

Veränderungen in der Wirtschaft

Kappeler seinerseits betont, dass die Veränderungen in der Wirtschaft die Arbeit der Gewerkschaften erschweren. «Die Unternehmer, in der Schweiz wie anderswo, reorganisieren ihre Wertschöpfungsketten rasch. Einfache Produktionsarten werden in Standorte ausserhalb Europas verlagert.»

SGB-Präsident Paul Rechsteiner erklärt die Schwierigkeiten der Gewerkschaften mit den demotivierenden Auswirkungen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise und dem Klima der Angst, das diese auslöst.

Gewerkschaften reagieren

Das heisst aber nicht, dass sich die Gewerkschaften unterkriegen lassen. So erinnert Jean-Claude Rennwald daran, dass GBI und SMUV im September ein berufsübergreifendes Gewerkschaftsprojekt lanciert haben, mit dem der Tertiärsektor besser erfasst werden soll.

Für Paul Rechsteiner ist die Reorganisation dringend notwendig: «Je mehr die Interessen gebündelt werden können, desto besser ist das Resultat.»

Hasler begrüsst Entwicklungen und Umstrukturierungen bei den Gewerkschaften: «Aber es ist zu früh, um sagen zu können, ob die Strategie sich auszahlt.»

swissinfo, Frédéric Burnand und Gaby Ochsenbein

Am 4. Nov. 02 fand der grösste Streik in der Schweiz seit 1947 statt.
Über 10’000 Bauarbeiter gingen auf die Strasse.
Am 14. Dez. soll Travail.Suisse gegründet werden: ein Zusammenschluss, der vom Christlich-nationalen Gewerkschaftsbundes lanciert wurde.
Travail.Suisse soll rund 150’000 Mitglieder zählen.
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hat 350’000 Mitglieder.

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