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EU-Erweiterung: Folgen für die Schweiz

swissinfo.ch

Es wird konkret: Die EU-Kommission empfiehlt den Beitritt von zehn vorwiegend osteuropäischen Ländern im Jahr 2004.

Auch die Schweizer Wirtschaft wird davon profitieren – zumindest langfristig.

Die EU-Erweiterung hat politische und wirtschaftliche Konsequenzen für die Schweiz. Bestehende und noch zu verhandelnde Verträge mit der Europäischen Union werden auch in den neuen Mitgliedstaaten gelten.

Die Integration neuer Länder stösst in der Schweiz auf ein vorwiegend positives Echo. Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) wird sich die EU-Erweiterung günstig auf die Schweizer Wirtschaft und den Aussenhandel niederschlagen.

Laut seco können bewährte wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen zwischen der Schweiz und der EU auf neue Märkte ausgedehnt werden. Und auch staatliche, private und wirtschaftliche Akteure ausserhalb der EU werden von den strukturellen Reformen und der neuen politischen Stabilität der neuen Mitgliedstaaten profitieren.»

Osteuropa gewinnt an Bedeutung



Die Schweiz pflegt zu den meisten osteuropäischen Ländern Handelskontakte. Delegationen kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) und Vertreter verschiedener Verbände reisen regelmässsig in Länder wie Litauen, Slowenien, Ungarn und Polen. Die Hauptanliegen der Wirtschaftsexponenten sind der Aufbau von Handels- und Geschäfts-Beziehungen oder etwa Hilfeleistungen bei Direkt-Investitionen in den betreffenden Ländern.

Der Verband SWISS EXPORT ist zufrieden über die EU-Erweiterung: «Osteuropa ist ein riesiger Markt mit Millionen potentieller Kunden», sagt Geschäftsführer Marcel Ledergerber gegenüber swissinfo.

Wenn nun die allgemeinen Rahmenbedingungen in diesen Ländern verbessert und eine umfassende Marktöffnung stattfinden würde, sei dies für die Wirtschaft von grossem Vorteil, ist Ledergerber überzeugt.

CH-Firmen untervertreten

Allerdings sei dieser Gedankengang noch wenig präsent bei den heimischen Unternehmen, kritisiert Ledergerber. Während etwa deutsche Firmen längst die Bedeutung osteuropäischer Märkte erkannt hätten, seien heute verhältnismässig wenig Schweizer Firmen in Osteuropa aktiv.

Anlass genug für SWISS EXPORT, im November ein Management Forum mit dem Thema «Zielmarkt Osteuropa: Wirtschaftliche und kulturelle Charakteristiken» durchzuführen.

OSEC Business Network Switzerland, die staatlich unterstützte Organisation zur Förderung der Aussenwirtschaft, hat keine eigentliche «Osteuropa-Strategie». Keiner der acht weltweit bestehenden «Business Hubs» liegt in Osteuropa. Allerdings soll nächstes Jahr eine Aussenstelle in Warschau (Polen) eröffnet werden.

Massive Vergrösserung des Binnenmarkts



Als kleine Volkswirtschaft ist die Schweiz aussenwirtschaftlich eng verflochten. Heute ist jede zehnte Kleinfirma und jeder zweite Mittel- oder Grossbetrieb im Export tätig. Darüber hinaus ist jedes fünfte Unternehmen über Allianzen, Joint Ventures oder Tochterfirmen im Ausland präsent.

Die Hauptakteure im Aussenhandel sind vorwiegend Grossunternehmen. Lediglich 14% aller KMU exportieren und 21% importieren Güter oder Dienstleistungen. Der wichtigste Haupthandelspartner der Schweiz ist und bleibt die EU.

«Die EU-Erweiterung ist sehr interessant für die Schweizer Wirtschaft», sagt Hans-Peter Achermann, Direktor bei der Swiss Organisation For Facilitating Investing (SOFI). SOFI, 1997 vom seco gegründet, unterstützt Investitions-Projekte von KMU in Transitions- und Entwicklungsländern.

Grosses Potential für die Zement- und Bauindustrie



Laut Achermann bedeutet die EU-Erweiterung eine massive Vergrösserung des europäischen Binnenmarkts.

«Konkret ergeben sich für die Schweizer Unternehmen folgende Möglichkeiten: Neue lokale Märkte und die Belieferung der anderen EU-Länder über ein osteuropäisches Standbein.»

Ein beachtliches Absatzpotential sieht Achermann etwa für die Zement- oder Bauindustrie. Die osteuropäischen Länder befinden sich in einer grossen Aufbauphase und haben zum Beispiel im Infrastruktur-Bereich einen grossen Nachholbedarf.

«Wenn die Hilfsgelder aus der EU erst einmal in diese Länder fliessen, bedeutet dies natürlich für gewisse Unternehmen ein beträchtliches Absatzpotential», so Achermann.

Auch kritische Stimmen



Die EU-Erweiterung weckt auch Bedenken, zum Beispiel bei Curt Casteyger, emeritierter Professor für Internationale Studien.

«Die Schweiz befindet sich heute wirtschaftlich und finanziell in einer schwächeren Position als noch vor einigen Jahren. Damals konnte das Land stolz sagen: Wir gehören zu den Stärksten und Besten und brauchen deshalb keine EU.»

Das Fazit des Experten: «Dies ist nicht länger der Fall. Vielleicht sollten wir etwas bescheidener werden im Umgang mit der EU.»

Es gibt auch Unternehmen, die nicht nur Vorteile auf sich zukommen sehen, zum Beispiel der Industriekonzern Bucher Industries.

«Wesentlich sind der Erfolg und die Geschwindigkeit der Integration der osteuropäischen Länder in die EU», sagt Vanessa Ölz, Generalsekretärin bei Bucher Industries.

«75% unseres Absatzes generieren wir in der heutigen EU, also in Ländern mit hoher Kaufkraft. Wenn die (Unterstützungs-)Gelder beziehungsweise Subventionen neu umverteilt werden, könnte dies die Kaufkraft in den bestehenden EU-Ländern schmälern. Kurz- bis mittelfristig könnte sich die EU-Erweiterung sogar negativ auf Bucher Industries auswirken.»

Sollten es die osteuropäische Staaten jedoch schaffen, in absehbarer Zeit ihre Produktivität und Industrialisierung anzukurbeln, würden diese Länder sehr interessant für ausländische Unternehmen.

«Eine steigende Kaufkraft und verbesserte (Infra-) Strukturen machen die osteuropäische Länder langfristig zu interessanten Absatzmärkten und Produktionsstätten.»

Die endgültige Entscheidung über den Beitritt der zehn Kandidatenländer fällt beim EU-Gipfeltreffen im Dezember 2002 in Kopenhagen.

swissinfo, Elvira Wiegers

Beitrittskandidaten:
Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Zypern

Erwartete Kosten der Erweiterung:
bis 2007: 40 Mrd. EUR
grösster Kostenfaktor:
Strukturförderung: 25 Mrd. EUR

Einwohner EU: 380 Mio.
Einwohner Kandidatenländer: 75 Mio.

Fläche EU: 3.2 Mio. km2
Fläche Kandidatenländer: 0.7 Mio. km2

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