Grundsätzlich wohlwollend
Die Kommentare der Schweizer Presse stellen der Nationalbank ein gutes Zeugnis für die Zinssenkung vom Freitag aus. Aber auch kritische Fragen fehlen nicht.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat am Freitag den Leitzinssatz überraschend um einen halben Prozentpunkt gesenkt. Das Zielband für den Dreimonate-Libor liegt damit bei 1,25 Prozent – einem historischen Tief. Den Schritt begründet die SNB mit Anzeichen, dass sich die Konjunktur-Erholung verzögere und das Wirtschaftswachstum dieses Jahr niedriger als bisher erwartet ausfallen werde. (siehe Link am Ende)
Der Entscheid wurde in der Schweizer Presselandschaft ganz unterschiedlich gewürdigt: «Nationalbank erntet Applaus», titelt der TAGES-ANZEIGER. «Nationalbank drückt aufs Gaspedal», schreibt DER BUND.
Oder aber: «Nationalbank schlägt Alarm», meint die BERNER ZEITUNG und die BASLER ZEITUNG: «Nationalbank dreht an der Zinsschraube».
Beweis für eine angeschlagene Wirtschaft
Die wirtschaftsfreundliche NEUE ZÜRCHER ZEITUNG lobt die Nationalbank:»… die Notenbank [hat] mit ihrem Zinsschritt deutlich gemacht, dass der Gesundheitszustand der Schweizer Wirtschaft Anlass zur Sorge gibt, dass es mit dem seit Monaten herbeigeredeten Aufschwung nicht so weit her sein kann wie gemeinhin angenommen.»
Der Schritt ist aber für den NZZ-Kommentator gleichwohl überraschend, habe SNB-Direktor Jean-Pierre Roth doch noch vor zwei Wochen Zuversicht verströmt in seinen Erklärungen zur Wirtschaftslage. Die NZZ attestiert der SNB deshalb «Mut zum Risiko».
«Denn der […] Entscheid vom Freitag könnte die Erwartungen der Wirtschaftsakteure dahingehend schüren, es gehe konjunkturell noch weiter bergab.»
SNB schürt Unruhe
So sieht das auch die BERNER ZEITUNG: «Angesichts der turbulenten Börsenlage hatte man die Nationalbank schon beinahe vergessen. Gestern rief sie sich mit dem Paukenschlag einer Zinssenkung wieder in Erinnerung. Zunächst verdutzt, fanden alle rasch zurück in ihre Rollen: Wirtschaft, und Gewerkschaften, Mieter und Vermieter – sie alle spendeten artig Beifall. […] Dennoch fragt sich, ob der Paukenschlag nicht eher ein Schlag in den Nacken war. Denn die Begründung für den Zinsschritt ist alles andere als beruhigend.»
Auch der Kommentator der Zeitung DER BUND stellt kritische Fragen: «Gegen unten ist das Pulver bald verschossen. Wenn die Schweiz gegen die Prognosen in eine Rezession schlitterte, wären die Reaktionsmöglichkeiten sehr beschränkt. […] Schliesslich gibt die Nationalbank der Wirtschaft das Signal, dass die konjunkturelle Erholung der Schweiz doch nicht so toll ist wie angenommen.»
Forderung nach Hypozins-Anpassung
Das alles lässt den TAGES-ANZEIGER zum Schluss kommen: «Der Aufschwung findet nicht statt – oder genauer: nicht mehr in diesem Jahr. […] Mit der sechsten Zinssenkung seit März 2001 will sie [die Nationalbank] den Franken schwächen und die Wirtschaft mit Geld versorgen.»
Denn der starke Schweizer Franken behindert die wichtige Schweizer Exportwirtschaft. Doch auch der private Konsum muss laut TAGI angekurbelte werden: «Auch die Hypozinsen müssten nun endlich sinken, damit den Mietern etwas mehr Geld für den Konsum bleibt.»
Das fordert auch ganz vehement das Massenblatt BLICK: «Rutsch runter, Hypozins!»
swissinfo
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