Mythos wirtschaftlicher «Röstigraben» gesprengt
Die Westschweizer Wirtschaft ist gemäss einer Studie der Credit Suisse nicht schwächer als jene der Deutschschweiz.
Damit werden oft geäusserte Behauptungen in der Romandie widerlegt, wonach die Westschweiz gegenüber der Deutschschweiz wirtschaftlich benachteiligt sei.
Der Übergang von einer vor allem auf die traditionelle Industrie gestützten Wirtschaft zu einer wissensbasierten Gesellschaft, die sich durch Dienstleistungen und Spitzenindustrie auszeichne, sei problemlos vonstatten gegangen. Die Standortqualitäten und der Zustand der öffentlichen Finanzen relativieren jedoch diese guten Ergebnisse.
Das ist eine der Schlussfolgerungen der am Dienstag veröffentlichten Studie der Credit Suisse (CS).
Der von der CS erhobene Indikator der Standortqualität misst das langfristige Wachstumspotenzial einzelner Regionen. Er beruht auf Standortfaktoren wie etwa der Steuerbelastung und der Verfügbarkeit von hoch qualifizierten Arbeitskräften.
Bevölkerungswachstum über dem schweizerischen Durchschnitt
Die Westschweiz macht heute mit über 1,8 Millionen Einwohnern 25% der Schweizer Bevölkerung aus. Mit ihrem jährlichen Bevölkerungswachstum von 0,8% seit den Neunzigerjahren liegt sie über dem schweizerischen Durchschnitt (0,7%).
Es sind jedoch starke regionale Unterschiede zu beobachten. Zum Beispiel ist die demographische Dynamik des Kantons Freiburg fast doppelt so stark wie der Schweizer Durchschnitt. Das Bevölkerungswachstum begünstigt vor allem den Immobilienmarkt.
Beträchtliche Unterschiede nach Kantonen
Nach Kantonen betrachtet, belegt Genf nach Zug, Zürich und Nidwalden den vierten Rang und profitiert insbesondere von einer hoch qualifizierten Bevölkerung. Aus demselben Grund verfügt der Kanton Waadt im Vergleich zum schweizerischen Mittel über ein leicht überdurchschnittliches Potenzial.
Die Kantone Freiburg, Neuenburg, Wallis und Jura, die unter dem Schweizer Durchschnitt liegen, sind vor allem in Bezug auf ihre verkehrstechnische Erreichbarkeit benachteiligt. Freiburg, Wallis und Jura verfügen über einen unterdurchschnittlichen allgemeinen Ausbildungsstand.
Hohe Steuerbelastung
Gemäss Studie unterliegen natürliche wie juristische Personen in allen Westschweizer Kantonen einer hohen Steuerbelastung. Die bestplatzierte Region in der Westschweiz ist Nyon – mit einer tieferen Steuerbelastung und hoch qualifizierten Arbeitskräften -, gefolgt von Genf, Morges/Rolle, Lausanne und Vevey/Lavaux.
Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 38’000 Franken liegen die Westschweizer unter dem Landesdurchschnitt von über 41’000 Franken. Die bestverdienenden Einwohner weist die Region Nyon auf; deren durchschnittliches Einkommen beträgt über 50’000 Franken pro Person.
Heterogene Branchenstruktur
Die Branchenstruktur weist ebenfalls starke regionale Unterschiede auf. Sie widerspiegelt sich in der unterschiedlichen Wertschöpfung pro Arbeitnehmer. Dank dem Bankensektor und anderen Dienstleistungskategorien verzeichnet Genf die höchste Wertschöpfung in der Westschweiz.
Waadt profitiert von der Präsenz des Sektors Dienste für Unternehmen sowie von den Informationsbranchen. Der Kanton Neuenburg zählt aufgrund seiner Spitzenindustrie zu den Industriekantonen mit der höchsten Wertschöpfung.
Mit der angesiedelten chemischen Industrie platziert sich die Waadt vor dem Kanton Freiburg, der noch stark auf die traditionelle Industrie setzt. Der hohe Anteil an traditioneller Industrie ist ebenfalls der Grund dafür, dass der Kanton Jura die schwächste Wertschöpfung der Westschweizer Kantone aufweist.
Kaum Geld für Investitionen in die Zukunft
Nach der Kostenexplosion bei der öffentlichen Hand als Folge der schwachen Konjunktur Anfang der 90er-Jahre seien die Jahre mit starken Einnahmen nicht genutzt worden, um Reserven für eine nachhaltige Budgetpolitik anzulegen.
Der Handlungsspielraum der öffentlichen Gemeinwesen sei heute dementsprechend beschränkt. Besonders besorgniserregend sei die Situation in den Kantonen Genf und Waadt. Wegen der fehlenden Finanzen seien hier die Verbesserung der Standortfaktoren und die Finanzierung der für die Zukunft wichtigen Investitionen gefährdet.
swissinfo und Agenturen
Westschweiz: über 1,8 Mio. Einwohner (25% der Schweizer Bevölkerung)
Seit 90-er Jahren: 0,8% Bevölkerungswachstum (schweizerischer Durchschnitt: 0,7%)
Pro-Kopf-Einkommen: rund 38’000 Fr. (Landesdurchschnitt: über 41’000 Fr.)
Die Westschweizer Wirtschaft hat zwar gemäss einer Studie der Credit Suisse (CS) Potenzial. Branchenstruktur und Konjunktur sind nicht schwächer als in der Deutschschweiz. Die Standortqualität und der Zustand der öffentlichen Finanzen relativieren dies jedoch.
Der Übergang von einer vor allem auf die traditionelle Industrie gestützten Wirtschaft zu einer wissensbasierten Gesellschaft, die sich durch Dienstleistungen und Spitzenindustrie auszeichne, sei problemlos vonstatten gegangen.
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