Nationalbank begründet Zinsentscheid
Der Präsident der Schweizer Nationalbank (SNB), Jean-Pierre Roth, erläutert im Gespräch mit swissinfo den Zinsentscheid der Nationalbank.
Nach zwei Zinserhöhungen im Juni und September begrüssten Wirtschaftsvertreter und Ökonomen den Entscheid der Nationalbank, den Leitzins bei 0,75% zu belassen.
Die Schweizerische Nationalbank fährt weiterhin einen expansiven geldpolitischen Kurs. Zur Freude der Wirtschaft belässt sie den Leitzins
unverändert bei 0,75%.
Mit der nachlassenden Wirtschaftsdynamik und der Dollarschwäche sieht sie einen geringeren Druck auf die Teuerung als noch vor drei Monaten.
Da längerfristig ein nachlassender Inflationsdruck zu erwarten sei, bestehe derzeit keine Notwendigkeit zu einem weiteren Schritt in Richtung Normalisierung der Zinssätze, begründete die SNB ihren Schritt.
Zudem seien durch die Aufwertung des Frankens die monetären Rahmenbedingungen bereits restriktiver geworden. Mit ihrem Entscheid unterstütze die SNB das Wirtschaftswachstum, ohne die Preisstabilität zu gefährden.
Die meisten Ökonomen begrüssen den Zinsentscheid der SNB. Der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Serge Gaillard, bezeichnete es als sehr positiv, dass die SNB die Zinserhöhungen unterbrochen habe.
Im Gespräch mit swissinfo erläuterte SNB-Präsident Jean-Pierre Roth den Entscheid der Nationalbank
swissinfo: Bedeutet der Entscheid der Nationalbank, dass der Konjunkturaufschwung in der Schweiz bereits zu Ende ist, bevor er richtig begonnen hat?
Jean-Pierre Roth: Nein, wir erwarten, dass sich der Wirtschaftsaufschwung auch im 2005 fortsetzt, sehen aber auch, dass er etwas an Schwung verloren hat.
Das ist der Grund, warum wir uns entschieden haben, die Zinssätze nicht zu erhöhen. Wir erhöhten sie im Juni und im September, um unsere Geldmengenpolitik zu straffen, die Wirtschaft befand sich in einer Phase der Konsolidierung.
Heute sehen wir, dass es etwas länger dauert, bis die wirtschaftliche Situation vollständig genesen ist. Damit braucht es auch mehr Zeit, die Geldpolitik abzustimmen.
swissinfo: Wie lautet die Hauptbotschaft, welche die SNB mit ihrem Zinsentscheid aussendet?
J-P.R.: Wir wollen damit sagen, dass die Erholung der Wirtschaft da ist und sich fortsetzen wird. Allerdings nicht auf so hohem Niveau, wie wir das zu Beginn des Jahres annahmen. Wir erwarten allerdings für 2006 eine stärkere Dynamisierung des Wachstums.
swissinfo: Was hat sich denn in den vergangenen Monaten verändert?
J-P.R.: Einmal hat sich der Preis für Erdöl stark erhöht, dann kommt die Dollarschwäche hinzu. Beides zusammen hat sich sehr stark auf die Wirtschaftslage in ganz Europa ausgewirkt. Nun haben wir hier für Europa insgesamt eine Situation, die nicht viel besser oder gar schlechter ist, als diejenige für die Schweiz.
Wir sind in hohem Masse davon abhängig, wie sich die Lage entwickelt: Schwächelt die Wirtschaft im übrigen Europa, wirkt sich das direkt auf die Schweiz aus.
swissinfo: Dann bedauern sie es im Rückblick, die Zinssätze zweimal in diesem Jahr erhöht zu haben?
Nein, überhaupt nicht. Die beiden Korrekturen waren absolut notwendig und schufen die Grundlage für den heutigen Entscheid, mit weiteren Korrekturen zuzuwarten.
Hätten wir die Zinsen im Juni und September nicht angehoben, wären wir heute in einer viel schwierigeren Lage. Wir könnten uns den Luxus des Zuwartens nicht erlauben.
swissinfo: Die USA scheinen nicht so viel zu leiden. Heisst das, dass die Schweiz und die andern europäischen Länder die Zeche für das riesige Defizit der USA und die Dollarschwäche bezahlen?
J-P.R.: Das stimmt insofern, als die europäischen Währungen gegenüber dem Dollar steigen, und weil die meisten asiatischen Währungen an den Dollar gekoppelt sind, verändern sie sich nicht.
Das führt zu einem Ungleichgewicht im internationalen Währungssystem und bedarf in nächster Zeit einer Korrektur. Allerdings wird es vermutlich lange dauern, hier eine Lösung zu finden, denn dies bedingt eine vermehrte Flexibilität in Asien. Die sehe ich heute und morgen noch nicht.
swissinfo: Nebst dem Dollar, wo sehen sie sonst noch Risiken oder Gefahren für die Schweizer- und die Weltwirtschaft?
J-P.R.: Wir haben immer noch geopolitische Unsicherheiten. Und es könnte für uns schwierig werden, sollte es gar zu einer geopolitischen Krise kommen. Sie würde den gegenwärtigen weltweiten Konjunkturaufschwung gefährden.
Die Weltwirtschaft braucht Zuversicht und Vertrauen, denn die Schweiz ist vermehrt auf Investitionen aus dem Ausland angewiesen.
Wir produzieren Investitionsgüter, und sobald ein Investor Zweifel hegt der Zukunft gegenüber, hat dies einen starken Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft.
swissinfo-Interview: Chris Lewis
(Übertragen aus dem Englischen: Urs Maurer)
Die SNB belässt das Zielband für den Dreimonats-Libor unverändert bei 0,25 bis 1,25%.
Die Nationalbank rechnet mit einem Wirtschaftswachstum von 1,5 bis 2% für 2005.
Der Druck auf die Inflation habe abgenommen. Für 2005 soll sie 1,1% im 2006 rund 1,3% betragen.
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